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Damit Europa menschlich bleibt

Die Pfingstaktion von Renovabis zeigt, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt in Europa neu wachsen kann – von der Ukraine bis in den Südkaukasus.
Pfingsten Renovabis 2026
Foto: Renovabis

Es ist ein Wort, das in der Ukraine zur täglichen Verständigung gehört: „Trymajemosja“ – „Wir halten“. Gemeint ist: durchhalten, aushalten, zusammenhalten. In Zeiten des russischen Angriffskrieges ist dieser Satz mehr als eine Floskel. Er ist das Lebensgefühl einer Nation, die um ihre Existenz kämpft, und zugleich das Leitmotiv der diesjährigen Pfingstaktion von Renovabis, des Osteuropa-Hilfswerks der deutschen Katholiken.

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„zusammen_wachsen. damit Europa menschlich bleibt“ – unter dieses Motto hat Renovabis seine Kampagne 2026 gestellt. Es ist eine Antwort auf Entwicklungen, die nicht nur die östlichen Partnerländer betreffen, sondern ganz Europa: schwindendes Vertrauen in demokratische Institutionen, soziale Spannungen, die Verunsicherung durch Migration und Globalisierung. Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Regina Arant von der Universität Bremen konstatiert im neuen Aktionsheft einen „besorgniserregenden“ Rückgang des gesellschaftlichen Zusammenhalts, insbesondere in Osteuropa. Die Slowakei, Rumänien, Litauen und Bulgarien bilden demnach die Schlusslichter unter den EU-Staaten.

Drei Länder stehen in diesem Jahr exemplarisch im Fokus: die Ukraine, Serbien und Armenien – drei Länder, in denen der Zusammenhalt auf unterschiedliche Weise auf die Probe gestellt wird und in denen Renovabis mit seinen Partnern vor Ort zeigt, dass er dennoch gelingen kann. Mehr als vier Jahre dauert der russische Angriffskrieg nun schon. Die ukrainische Gesellschaft, so schildert es die Journalistin Peggy Lohse im Aktionsheft, reagiert darauf mit einer Mischung aus Durchhaltewillen und Selbstbehauptung. Nach dem Schock des 24. Februar 2022 entstanden in kürzester Zeit Freiwilligenverbände und Hilfsstrukturen. Eine Umfrage vom Sommer 2022 ergab, dass 63 Prozent der Befragten Vertrauen in ihre Mitmenschen hatten – fast ein Fünftel mehr als vor Kriegsbeginn. Doch der Zusammenhalt wird auch intern auf die Probe gestellt. So brachte die Ankündigung von Präsident Selenskyj, die unabhängige Antikorruptionsbehörde NABU der Regierung zu unterstellen, im Sommer 2025 Tausende junger Menschen auf die Straßen von Kiew, Odessa und Dnipro – mit Plakaten „Hände weg von NABU!“

Damit schon die Teenager verantwortlich werden

Das Misstrauen gegenüber Korruption sitzt tief, und die Gesellschaft zeigt, dass sie auch im Krieg ihre Streitkultur nicht aufgegeben hat. Porträtiert werden dennoch junge Menschen wie Yuri Sckola, der an der Ukrainischen Katholischen Universität (UCU) in Lwiw studiert und sich bei den Pfadfindern engagiert, oder Anna Sobolevska, die trotz der Sorge um ihren Vater an der Front Studienleistungen und soziales Engagement verbindet. Die UCU wird von Renovabis unterstützt, mehr als 600 Studierende erhalten Stipendien, verbunden mit der Verpflichtung, sich in der Freiwilligenarbeit der Universität zu engagieren. „Es geht darum, Teenagern zu zeigen, wie sie Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen können“, sagt Anna.

In Serbien ist es vor allem die Perspektivlosigkeit junger Menschen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet. Jeder Fünfte unter 24 Jahren ist ohne Arbeit. Viele wandern aus. Die Caritas Serbien, unterstützt von Renovabis, setzt dem Projekte wie „YourJob“ entgegen, das junge Erwachsene beim Einstieg ins Berufsleben begleitet. Die 23-jährige Mina etwa hat über das Programm eine Ausbildung zur Friseurin gefunden, nachdem sie zuvor zwei Jahre in einer Autofabrik am Fließband gearbeitet hatte. Der 20-jährige Aleksa Božović absolviert ein Praktikum in einer Kfz-Werkstatt. Danijela Mijatov, die Mina in ihrem Salon aufgenommen hat, formuliert das Prinzip so: „Ich will jungen Leuten eine Möglichkeit geben, die sonst kaum eine hätten.“ Ladislav Kardinal Német, Erzbischof von Belgrad, betont: „Projekte wie YourJob geben jungen Menschen eine Perspektive in Serbien. Sie zeigen, dass sie hierbleiben können.“ Die katholische Kirche sei mit nur einem Prozent Bevölkerungsanteil zwar klein, aber durch ihre karitative Arbeit präsent und genieße hohes Vertrauen.

Die dramatischste Zäsur erlebte Armenien im September 2023, als mehr als 100.000 Menschen aus Bergkarabach fliehen mussten. Renovabis unterstützt vor Ort zwei Nichtregierungsorganisationen: die Community Development NGO und KASA mit ihrem Programm „Create to Change“. Die Reportagen von Daniel Pelz und Maximilian Gödecke zeigen, wie Integration gelingen kann – durch Tanzkurse mit der selbst geflüchteten Trainerin Anush Matirosyan, durch Malclubs, in denen Kinder aus Bergkarabach und einheimische Kinder gemeinsam Freundschaften schließen, oder durch Rap-Workshops mit dem berühmten Rapper Lyoka. Eine kleine Szene aus den Workshops spricht Bände: Als eine Gruppe fragt, ob sie ihre Präsentation im Dialekt von Bergkarabach halten dürfe, rufen alle wie aus einem Mund „Nein“ – ein stilles Ja zur Vielfalt. Die 18-jährige Inessa Sarukhanyan, die aus Bergkarabach fliehen musste, sagt: „Nun, da wir in Armenien leben, ist es mir wichtig, dass wir unsere Kultur bewahren und an die nächsten Generationen weitergeben.“

Ein Gebet vom Papst

Während die Pfingstaktion ihren Fokus auf diese drei Länder legt, bleibt ein Blick in den Südkaukasus aktuell. Seit Herbst 2024 demonstrieren in der georgischen Hauptstadt Tbilisi Zehntausende für den Erhalt eines demokratischen Rechtsstaats und die Annäherung an die EU. PfarrerThomas Schwartz, Hauptgeschäftsführer von Renovabis, warnte im Juni 2025 gegenüber Vatican News: Die Entwicklungen in Georgien mit Polarisierung und Angriffen auf die Rechtsstaatlichkeit unterschieden sich „nicht fundamental“ von denen in Russland. Das Engagement der Georgier auf der Straße sei ein wichtiges Zeichen für einen liberalen Rechtsstaat und eine Mahnung, dass Zusammenhalt immer wieder neu erstritten werden muss.

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Erstmals hat Papst Leo XIV. ein eigenes Gebet für die Renovabis-Pfingstaktion verfasst. Es ruft dazu auf, „Räume zu schaffen, in denen Hoffnung gedeihen kann, in denen Vielfalt keine Bedrohung ist, sondern ein Reichtum“. Die diesjährige Pfingstnovene des Augsburger Benediktinerabts Theodor Hausmann stellt den Gedanken des Bundes in den Mittelpunkt – zwischen Schöpfer und Schöpfung, zwischen den Menschen.

Pfarrer Thomas Schwartz sieht in der Verbindung von praktischer Hilfe und geistlicher Erfahrung das besondere Profil des Hilfswerks: „Solidarität lässt sich durch Gebetsbrücken erfahren. Im gemeinsamen Beten wachsen wir zusammen, erkennen einander an und stärken uns gegenseitig.“ Die Pfingstkollekte am 24. Mai 2026 ist für die Arbeit von Renovabis bestimmt. Der Aufruf der deutschen Bischöfe könnte kaum aktueller sein: „Die Welt braucht diesen Geist der Solidarität und der Verbundenheit dringend.“


Weitere Informationen: www.renovabis.de.

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