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Religiöse Spurensuche

Der christliche Glaube hat in Armenien tiefe Wurzeln, doch der atheistische Totalitarismus der Sowjetunion hinterließ eine geistige Trümmerlandschaft.
Armenien
Foto: Stephan Baier | Die typisch armenischen Kreuzsteine, viele von ihnen beschädigt, legen überall im Land Zeugnis von der christlichen Tradition Armeniens ab.

Eine junge Frau betritt die der Gottesmutter geweihte armenisch-apostolische Kirche von Yeghegnadzor, bekreuzigt sich, zündet vor dem Bild des Gekreuzigten ein paar dünne Kerzen an und geht dann wieder. Dass zeitgleich die zweistündige Sonntagsmesse gefeiert wird, irritiert sie nicht. Im hinteren Teil der Kirche ist ein ständiges Kommen und Gehen, ein Großvater liefert seine Enkelin ab, Jugendliche schauen auf ein paar Minuten vorbei. Nur vorne, in den wenigen Kirchenbänken, halten fromme Frauen die ganze Messe durch. „Nur wenige kommen in die Kirche, aber viele beten zuhause“, meint eine Gottesdienstbesucherin nachher fast entschuldigend. Der sonntägliche Messbesuch wird in Armenien auf unter zehn Prozent ge-schätzt, aber genau weiß das niemand.

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Die Jahrzehnte der Kirchenverfolgung in der kommunistischen Sowjetunion haben in dem Land, das bereits 301 das Christentum als Staatsreligion annahm, tiefe Spuren hinterlassen. 1937 gab es noch 5 000 Kirchen in Armenien. Im Jahr darauf wurden der Katholikos, das Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche, viele Mönche und Priester ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden nur mehr in 13 Kirchen des Landes Gottesdienste statt. Mit der Wiedererlangung der Freiheit und der staatlichen Unabhängigkeit strömten viele junge Männer ins Priesterseminar, aber der Wiederaufbau des Glaubens ist nicht leicht, auch wenn der seit 1999 amtierende Katholikos Karekin II. meint, das Christentum sei „die Farbe unserer Haut“.

Rückzugsort für Menschen aller Glaubensrichtungen

Im sagenumwobenen Kloster Noravank treffen wir Erzbischof Abraham Mkrtchyan, der, wie zu vernehmen ist, vom Katholikos jüngst in den Ruhestand gedrängt wurde, weil er allzu reformerisch auftrat. „Aber ein Geistlicher kann nie im Ruhestand sein, solange er lebt“, meint er selbst. Bei dem altehrwürdigen Kloster baut er ein geistliches Zentrum auf, in dem sich Menschen aller Glaubensrichtungen für ein paar Tage zurückziehen können, „um Antworten auf ihre geistlichen Fragen zu bekommen“.

Auch Agnostiker, Atheisten und Suchende seien willkommen. Außerdem arbeitet der emeritierte Erzbischof an einem Verlagsprojekt mit, das literarische Klassiker französischer, englischer und deutscher Autoren erstmals direkt ins Armenische übersetzt, denn in der Sowjetunion seien solche Bücher zunächst ins Russische übertragen und dann – nach einer oft sinnentstellenden Zensur – ins Armenische weiterübersetzt worden. „Wenn wir wirklich wollen, dass dieses Volk sich Richtung Europa bewegt, dann muss man Europas Kultur kennen“, sagt Erzbischof Abraham. Er ist überzeugt: „Die Zukunft Armeniens liegt in Europa – in der christlichen, europäischen Kultur.“

Das atheistische Erbe des Sowjetkommunismus überwinden

Beide Projekte dienen dazu, das atheistische Erbe des Sowjetkommunismus zu überwinden. Erzbischof Abraham meint, dass die Armenisch-Apostolische Kirche nach Jahrzehnten der kommunistischen Unterdrückung „nicht bereit war für die Unabhängigkeit“. Seit Jahrzehnten werde eine Reform der Kirche und ihres kanonischen Rechts verschleppt.

Zur Politik will der Erzbischof – anders als die Leitung seiner Kirche (siehe Seite 7) – nicht Stellung nehmen: „Ich bin kein Politiker, sondern ein Geistlicher!“ Er wirbt für eine engere Zusammenarbeit der christlichen Kirchen und eine geistliche Erneuerung. Wie schwierig die ist, schildert ein Dorfpfarrer im Gespräch mit dieser Zeitung: Lange sei kaum jemand in seine Kirche gekommen, bis er einen Kinderchor gründete. „Zuerst kamen die Kinder, später die Frauen – und am Ende sogar einige Männer.“ Anders als in Europa bleiben hier insbesondere die Älteren der Kirche fern: „Das ist unser sowjetisches Erbe!“

Unter diesem Erbe leidet auch die viel kleinere und ärmere mit Rom unierte Armenisch-Katholische Kirche. In der Sowjetunion existierte sie offiziell gar nicht, hatte keine Strukturen. Sie überlebte in jenen Regionen, die Armenier gerne als „westarmenisch“ bezeichnen, also in den traditionellen Siedlungsgebieten der Armenier im Osmanischen Reich, die heute zur Türkei, zu Syrien und zum Libanon gehören.

Armenisch-Katholische Kirche nicht als „Kirche“ anerkannt

Erzbischof Kevork Noradounguian, der uns in seinem Gästehaus in der Hauptstadt Jerewan empfängt, ist heute für die armenisch-katholischen Gläubigen in Armenien, Georgien, Russland und der Ukraine zuständig, lebt aber selbst erst seit eineinhalb Jahren in Armenien. „Wahrscheinlich spreche ich besser Italienisch als Armenisch“, meint er schmunzelnd.

In Syrien geboren, lebte er im Libanon, in Russland, dann zum Studium in Rom, später in Jerusalem. 22 Priester stehen ihm in Armenien und Georgien zur Verfügung. „Der Glaube wurde in der Zeit der kommunistischen Sowjetunion irgendwie bewahrt“, meint er, aber die ersten Priester kamen erst 1988 aus der Diaspora ins Land. Seine Kirche sei ganz auf externe Hilfe angewiesen, dankt er dem Osteuropa-Hilfswerk der deutschen Katholiken, „Renovabis“.

Das Verhältnis zur viel größeren und etablierteren Armenisch-Apostolischen Kirche hat offenbar Höhen und Tiefen. „Wenn der Vatikan eine hohe Auszeichnung an den aserbaidschanischen Botschafter verleiht, dann haben auch wir Probleme“, sagt Erzbischof Kevork. Mit der armenischen Politik hat er wenig Berührungspunkte.

Dass die Armenisch-Katholische Kirche nur als „religiöse Organisation“, nicht aber als „Kirche“ anerkannt ist, spricht Bände. Zur Außenpolitik, die gerade der zentrale Streitpunkt zwischen der Regierung Paschinjan und dem „Katholikos aller Armenier“ ist, meint der armenisch-katholische Erzbischof nur, das armenische Volk dürfe angesichts seiner geografischen Lage keine der beiden Türen ganz schließen, also weder die nach Europa noch jene nach Russland.

Sie verloren ihre Häuser und ihre Hoffnung

Ihren ganz eigenen Beitrag zur Neuevangelisierung Armeniens leistet die 14-jährige Schülerin Katya Kuderova: Für einen von „Renovabis“ geförderten Wettbewerb kreativer Junger hat sie ein an Monopoly erinnerndes Spiel namens „Glaubenspfad“ entwickelt, bei dem Fragen zu Kirchen, zur Liturgie, zu Glaubensinhalten und ethischen Entscheidungen abgefragt werden.

Aus einem glaubensfernen Elternhaus kommend, war sie selbst völlig rat- und hilflos, als sie zum ersten Mal eine Kirche betrat und die armenische Liturgie erlebte, schildert die Schülerin im Gespräch mit dieser Zeitung in Jerewan ihre Motivation. Also informierte sie sich selbst und versucht nun, junge Menschen spielerisch an kirchliches Wissen und Glaubensinhalte heranzuführen.

Mit Unterstützung von „Renovabis“ kümmert sich die „Community Development NGO“ um Fortbildungen für Kinder und Jugendliche, aber auch um die Integration tausender heimatvertriebener Armenier aus Berg-Karabach (Arzach). Sie brauchen vielfach nicht nur Wohnraum, Lebensmittel und medizinische Hilfe, sondern auch psychologische Begleitung zur Aufarbeitung ihrer Kriegstraumata. Dabei arbeiten Priester und Psychotherapeuten oft eng zusammen. „Diese Menschen verloren ihre Häuser, ihre Heimat und oft auch ihre Hoffnung“, sagt eine Mitarbeiterin der Nichtregierungsorganisation. 

Flucht mit acht Kindern

Die 42-jährige Janna Petrosyan, die uns im Dorf Getab empfängt, ist ein Beispiel dafür: Wie rund 120 000 ihrer Landsleute in Arzach musste sie im September 2023 der Gewalt Aserbaidschans weichen und nach Armenien fliehen. Allerdings mit acht Kindern, von denen das älteste heute 18 Jahre alt ist. Als ihr Ehemann Arthur im Vorjahr an Lungenkrebs starb, verlor sie alle staatlichen Unterstützungen. Sie selbst hat nämlich bislang weder die armenische noch die arzachische, sondern nur die russische Staatsbürgerschaft.

Ein paar Monate werde es wohl dauern, bis sie einen armenischen Pass bekomme und dann arbeiten dürfe, meint sie optimistisch. Bis dahin helfen die Bewohner des kleinen Dorfes aus, meint die gelernte Friseurin. Warum sie, als Armenierin mit russischem Pass, nicht nach Russland emigriere? „Ich gehe nirgendwo hin!“, sagt Frau Petrosyan mit fester Stimme. Schließlich sollten ihre Söhne einmal in der armenischen Armee dienen, nicht in der russischen.

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