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Lasst uns Pfingsten machen! 

Lebendige Tauben im Kirchenraum zum Pfingstfest sind zwar spektakulär. Aber noch mehr machen die neuen Katechumenen in St. Joseph in Speyer her.
Bernhard Meuser
Foto: Archiv | Der Theologe und Publizist Bernhard Meuser war Verlagsleiter des Pattloch Verlages; er initiierte verschiedene katechetische Werke, wie zum Beispiel den YOUCAT.

In den Erzählungen der Ministranten von St. Joseph in Speyer wird gerne einer verwegenen Tat aus den frühen Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gedacht. Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen, und es wurde liturgisch wie üblich mit allem begangen, was die gläubige Gemeinde aufzubieten hatte: Blumenschmuck, Orgelglanz, festliches Ritual. Gewiss waren zwanzig Ministranten im Einsatz. Es müssen aber doch einige auf die „Ersatz(knie)bank“ verwiesen worden sein, sonst wäre nicht erklärlich, was am Rand der heiligen Handlung geschah. Minis aus der zweiten Reihe nämlich nahmen am Pfingstgottesdienst zwar in der Kirche, nicht aber inmitten des Gottesvolkes teil. Vielmehr hatten sie sich ganz nach oben begeben, genau über die Kuppel, von wo aus man durch eine schmale Luke nach unten schauen konnte. Die Burschen – weibliche Ministranten waren zu dieser Zeit noch nicht erfunden – hatten sich einen eigenen Beitrag zur Steigerung des pfingstlichen Kerygmas ausgedacht, hatten sie doch auf dem Vorplatz eine lebendige Taube eingefangen, die sie zu passender Zeit – als der Festprediger nämlich die Herabkunft des Heiligen Geistes beschwor – durch die Luke in den Kirchenraum entließen. Mir ist nicht bekannt, ob das Ereignis in die Annalen von St. Joseph als Wunder einging, ob ein Ruck durch die Gemeinde ging oder ob es spontane Bekehrungen gab. Jedenfalls setzte weder ein Wallfahrtsbetrieb ein, noch wurde Speyer zu einem Ort der Erweckung. Es kann sein, dass sich der heilige Schauder die Waage hielt mit der Überlegung: „Wie bekommen wir das Tier wieder aus der Kirche hinaus?“ Eine hintergründige Frage. 

Der Heilige Geist ist für Überraschungen gut

Möglicherweise ist St. Joseph heute eine Kirche zu viel im Zentrum von Speyer; jedenfalls aus Sicht der Pastoralplaner, die nicht wissen, wo sie die Leute hernehmen sollen für die schrumpfende Zahl der Gläubigen. Dabei waren die Anfänge von St. Joseph durchaus euphorisch, wenn auch mit einem pfingstlichen Defekt behaftet. Hatte sich doch 1897 an eben diesem Ort ein evangelischer Kirchbauverein zur Errichtung einer „Gedächtniskirche der Protestation“ gebildet, was die Katholiken nicht auf sich sitzen lassen konnten. Man kratzte alle Mittel zusammen. Am 9. Juni 1912 konnte St. Joseph eingeweiht werden. Der Prediger sah ein „Fest der katholischen Religion“ gekommen und sprach von einem „Bekenntnis zum alten Gott“. 

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Mich brachte die Geschichte zum Nachdenken über die Herstellbarkeit der Kirche, respektive die Machbarkeit von Pfingsten. Beides ist identisch. Die Kirche ist ein geistliches Ereignis unter marginaler Beteiligung von Festpredigern, Pastoralstrategen, Architekten und Ministranten. Als planvolle Organisation am grünen Tisch hätte das historische Pfingsten den Mitnahmeeffekt eines Katholikentages und die Halbwertzeit von St. Joseph gehabt. Nun könnte St. Joseph durchaus der Transformation in einen Eventschuppen entgehen. Schon in der nächsten Osternacht könnten zwanzig Katechumenen, aus dem Nichts Gottes kommend, um die Taufe bitten. Der Heilige Geist ist für erbetete Überraschungen gut. Wie man an immer mehr Orten sieht. 

Der Autor ist Publizist und Verleger und verantwortet die „Initiative Neuer Anfang“. 

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Bernhard Meuser Evangelische Kirche Katholikinnen und Katholiken Liturgie Pfingsten

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