Es kommt selten vor, dass ein anderthalb Jahre altes Dokument, über dessen Existenz bereits berichtet wurde, für Aufsehen sorgt. Dieser seltene Fall ist nun eingetreten, nachdem gestern auf den Webseiten des Vatikans ein brisantes Schreiben von Kardinal Víctor Manuel Fernández, dem Präfekten des Glaubensdikasteriums, aufgetaucht ist.
In dem Brief aus dem November 2024, der an Bischof Stephan Ackermann als den Leiter der Liturgiekommission der deutschen Bischöfe adressiert ist, erteilt Fernández dem deutschen „Segen für alle“ und der dazugehörigen Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ eine klare Absage. Dazu zitiert Fernández mehrfach „Fiducia Supplicans“, also genau jenes Dokument, auf das sich die deutschen Bischöfe für ihren Regenbogensegen berufen, das in Wahrheit aber ausdrücklich verbietet, was sie tun.
Die Kirche will die Menschen zur Umkehr bewegen
Entscheidend für die Ablehnung des Vatikans ist vor allem auch folgender Satz aus „Fiducia Supplicans“, auf den Fernández in seinem Brief hinweist: „Da die Kirche seit jeher nur solche sexuellen Beziehungen als sittlich erlaubt ansieht, die innerhalb der Ehe gelebt werden, ist sie nicht befugt, ihren liturgischen Segen zu erteilen, wenn dieser in irgendeiner Weise einer Verbindung, die sich als Ehe oder außereheliche sexuelle Praxis ausgibt, eine Form der sittlichen Legitimität verleihen könnte.“ Genau diese sittliche Legitimität gaukeln die deutschen Segensfeiern aber vor – gegen die Lehre der Kirche, den Willen des Papstes und zum Schaden der Seelen.
Auch gegen die Institutionalisierung als Feier wendet sich Fernández: Der ganze Witz von „Fiducia Supplicans“ bestand darin, niemandem, der darum bittet, einen spontanen Segen zu verweigern. Wenn etwa wiederverheiratete Geschiedene oder gleichgeschlechtliche Paare im Rahmen einer Pilgergruppe um den Segen eines Geistlichen bitten, soll er sie nicht erst nach ihrem Privatleben befragen, sondern sie segnen dürfen. Natürlich sind alle – „tutti, tutti, tutti“, wie Franziskus gesagt hatte – in der Kirche willkommen. Die Kirche aber will die Menschen gerade zur Umkehr bewegen und nicht „wie sie sind“ belassen.
Papst Leo mit Segensfeiern für alle nicht einverstanden
Auf dem Rückflug von seiner Afrikareise hatte Papst Leo schon klargestellt, dass er mit den Segensfeiern für alle, wie sie kurz davor auch Kardinal Marx in München eingeführt hatte, nicht einverstanden ist. Die deutschen Bischöfe zeigten sich davon unbeeindruckt. Georg Bätzing, Bischof von Limburg, erklärte nonchalant, es gebe „unterschiedliche Einschätzungen innerhalb der Weltkirche“, er aber sehe „diese Praxis im Bistum Limburg in einem verantwortbaren Rahmen“. Dass der Vatikan den Brief aus dem Jahr 2024 jetzt öffentlich macht, sollte man als Reaktion auf den deutschen Starrsinn verstehen. Die Veröffentlichung macht dabei nicht nur den Standpunkt Roms und des Papstes zu den deutschen Segensfeiern für alle Welt überdeutlich, sondern sie überführt die deutschen Bischöfe auch des Ungehorsams und der Lüge.
Des Ungehorsams, weil die Deutsche Bischofskonferenz trotz der Korrektur aus Rom aus dem Jahr 2024 an ihrem Irrweg festhält. Der Lüge, weil der damalige DBK-Vorsitzende Bischof Georg Bätzing noch im September 2025 gesagt hatte: „Wir haben dieses Papier transparent mit dem Dikasterium für die Glaubenslehre erarbeitet und in Rücksprache mit diesem Dikasterium erarbeitet.“
Nur dass das Dikasterium zu diesem Zeitpunkt den „Segen für alle“ bereits in den zentralen Punkten schriftlich zurückgewiesen hatte, das erwähnte Bätzing nicht. Wer aber Wesentliches verschweigt, der lügt. Man kann als Katholik nur hoffen, dass der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, die Fehler seines Vorgängers schnell korrigiert und seine Kollegen zur Einheit mit Rom drängt. Denn wenn die deutschen Bischöfe nicht auf die römischen Winke mit dem Zaunpfahl hören wollen, wird der Papst andere, härtere Saiten aufziehen müssen, um den deutschen Irrweg zu stoppen.
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