Klosterneuburg

Wie Pius Parsch das liturgische Bewusstsein der Weltkirche geformt hat

Kaum ein Konzilsvater hat nicht zumindest ein Werk von Pius Parsch gelesen. Ein Symposion in Klosterneuburg zeigt, dass das Kirchen- und Liturgieverständnis von Parsch auch heute in den Debatten um Strukturen, Ämter und Machtmissbrauch wegeweisend sein könnte.
Pius Parsch
| Pius Parsch hat das liturgische Bewusstsein der Weltkirche wesentlich geformt. Parsch feierte, theologische Liturgie und betrieb nicht Theologie über die Liturgie.

Pius Parsch gerät in diesen Tagen als Sinnreserve in den Blick. Ist seine Liturgietheologie ein Sinnpotenzial, das noch nicht ausgeschöpft ist und heute angewendet werden kann? Dies war eine der Fragen, die auf dem vierten Liturgiewissenschaftlichen Symposion in Klosterneuburg gestellt wurden. 110 Teilnehmer verzeichnete die Zoomveranstaltung, weit mehr, als vor Ort teilgenommen hätten, wie Andreas Redtenbacher, Direktor des Pius Parsch-Instituts in der Eröffnung der dreitägigen Veranstaltung betonte.

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„Ziel aller Liturgie ist, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

Dass Parsch, wie Joseph Ratzinger in einem Diktum, mit dem die Tagung überschrieben war, zum Ausdruck brachte, „das liturgische Bewusstsein der Weltkirche geformt“ hat, schuf zugleich Raum für eine Neubewertung des Wirkens des Augustiners, dessen Schriften weltweit in 17 Sprachen erschienen sind. Kardinal König sagte, dass es kaum einen Konzilsvater gab, der nicht zumindest eines dieser Werke gelesen habe und dass dies einer der Gründe für die rasch geplante und schnell durchgeführte Liturgiereform gewesen sei.

Aber was ist der theologische Brennpunkt seiner Arbeiten? Er liegt, und dies kann sich als wegweisend für die Situation der Theologie heute erweisen, in seiner erfahrungsbezogenen Herangehensweise. Parsch feierte, wenn man so will, theologische Liturgie und betrieb nicht Theologie über die Liturgie. Beispielhaft für diesen Ansatz ist einer seiner Kernsätze: „Die erste Morgenstunde ist das Steuerruder des ganzen Tages.“ Parschs Tagesanfang lag in der Stiftsliturgie von Klosterneuburg, deren Vollzug er begreifen wollte, um sie selbst betend mitvollziehen zu können. Daher sein Diktum: „Ziel aller Liturgie ist, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

Parschs Motor war das beobachtete Unwissen über liturgische Vollzüge

In den Vorträgen ging es unter anderem um Modernewahrnehmung und Reformvorstellungen bei Pius Parsch, die performative Kraft der von Scheeben rezipierten Schönheit der Gnadenlehre, die Schau des Christentums von der Mitte aus im Vergleich zu der Jungmanns, die Wahrnehmung der Pfarrgemeinde als Leib Christi, sein Priesterbild in seiner Orientierung an dem Bemühen, Christus ähnlich zu werden, die Wandlungen seiner Messerklärung und das schon zu Parschs Zeit geschwundene Bewusstsein von der Feier der Messe als Opfer.

Die Theologen der liturgischen Bewegung betrachteten die Neuscholastik als intellektualistisch und deshalb als lebenspraktisch irrelevant. Sie bemühten sich daher um einen neuen Theologiestil. Parschs Selbstverortung basiert auf der Erfahrung der Entkirchlichung der Gläubigen, die mit einem Statusverlustes des Klerus einherging. Er war weit entfernt von den Religionsdiskursen. Sein Motor war vielmehr das beobachtete Unwissen über liturgische Vollzüge und die schwindende Binnenkraft der Kirche, dem er eine volksliturgische Bewegung, einen Bewältigungsversuch aus dem Innern der Kirche entgegensetzen wollte. „Wie die Pflanze aus der Wurzel lebt, so schöpft unser Gnadenleben alle Kraft aus Christus“, sagte Parsch.

Parschs Kirchenverständnis könnte Schlüssel in derzeitigen Debatten sein

Er verstand die Kirche, und dieser Gedanke könnte sich als Schlüssel in den derzeitigen Debatten um Strukturen, Ämter und Machtmissbrauch erweisen, sowohl als Organismus als auch als Organisation, als Gemeinschaft und Gesellschaft. Ein Organismus aber funktioniert ebenso wie eine Gemeinschaft nur, wenn jeder all das und nur das tut, was ihm zukommt. Ein Leib, in dem alle Glieder Kopf und Hand sein wollen, wird haltlos, er zerfällt, weil die anderen, für den festen Stand und den inneren Zusammenhalt notwendigen Glieder fehlen. In Pius Parschs Ekklesiologie, die die Pfarrgemeinde als Leib Christi fokussiert, konkretisiert sich hingegen die Theologie und realisiert sich im Allgemeinen Priestertum aller Gläubigen. Dass diese Sicht auf die Kirche alle, die in und durch sie leben, in hohem Maße herausfordert, ist offensichtlich. Sein Bild des Priesters, der als Haupt der Gemeinde zu radikaler Christusnachfolge berufen ist, galt den Referenten deshalb als missbrauchsanfällig. Als Stärkung auf dem Weg der Nachfolge wurde in den Tagungsbeiträgen die Wahrnehmung der Eucharistiefeier als Opfer durch Parsch sichtbar.

Dass das Opferbewusstsein nicht erst in den vergangenen Jahrzehnten geschwunden ist, sondern schon zur Zeit Parschs deutliche Schwächen aufwies, erhellte der Hinweis auf die Beschäftigung des Augustiners mit diesem Aspekt und seine Betonung, dass die Menschen ein natürliches Bedürfnis nach dem Opfer haben. Ein weiteres Heilmittel schien im Festvortrag von Marco Benini über Bibel und Liturgie als Gottesgaben zur Erneuerung des religiösen Lebens auf. „Die Bibel allein kann“, wie Parsch betont, „leicht zur Sektiererei führen.“ Bibel und Liturgie aber verstärken sich gegenseitig und führen zur Vertiefung des Verständnisses beider. Liturgische Predigten Parschs speisten sich daher aus den liturgischen Schrifttexten. „Liturgische Schriftverkündung ist für Parsch ein Begegnungsgeschehen mit Offenbarungscharakter“, konstatierte Benini. Obwohl Parsch die Anbetung als participatio actuosa verstand, musste er sich immer wieder gegen die Anschuldigung der Protestantisierung der Liturgie wehren.

Parschs Theologie lebt in und aus dem Gottesdienst

Um Parschs erfahrungsbezogene Theologie verstehen, einordnen und für die Gegenwart erschließen zu können, erwiesen sich die im Verlauf des Symposions vielfach vorgenommenen historischen Kontextualisierungen als hilfreich und wegweisend. So war beispielsweise der erste Weltkrieg keine Zäsur, die einen Rückgriff auf die Neuscholastik vollkommen hätte abbrechen lassen. Als Frage für weitere Forschungen wurde deshalb formuliert: Wie ging die liturgische Bewegung mit dem Krieg um? Welche theologischen Reflektionen gibt es zur Spanischen Grippe? Wie kann Eucharistie als Kristallisationspunkt, der Priester als Haupt, Gemeinde als Glieder, als Gegenbild zur Kirche als Institution heute gelebt werden? Als Fazit wurde klar: Parschs Theologie bietet reiches Potenzial für Ritual Studies, eine mystagogische Liturgieerschließung und eine Theologie, die in und aus dem Gottesdienst lebt.

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