Sri Lanka

Hintergründe der Attacken auf Christen in Sri Lanka

Politische Destabilisierung. Ein Gespräch mit Malcolm Kardinal Ranjith von Colombo über die Hintergründe der Attacken auf Christen in Sri Lanka. Ein Erzbischof müht sich um Frieden.
Sri Lanka trauert um Opfer der Selbstmordanschläge
Foto: Gemunu Amarasinghe (AP) | Kardinal Malcolm Ranjith spricht während eines Trauergottesdienstes für die Opfer der Selbstmordanschläge, in der St. Sebastian Kirche.

Als am Ostersonntag 2019 eine Reihe von Bombenanschlägen auf drei Kirchen und Hotels Sri Lanka erschütterten, wurde umgehend die Frage nach den Verantwortlichen gestellt. Zweieinhalb Jahre, zwei Untersuchungskommissionen und 22 Ordner mit Material, Zeugenaussagen und Handlungsempfehlungen später scheint man von offizieller Seite nicht viel klüger zu sein als am Abend des Anschlags, an dem bereits Namen mutmaßlicher Drahtzieher und Ausführender genannt wurden.

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Michaela Koller von der deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt hatte deshalb Malcolm Kardinal Ranjith, den Erzbischof von Colombo in Sri Lanka zu einem Livegespräch eingeladen. Die Lage in Sri Lanka ist heute noch angespannter als zum Zeitpunkt des Anschlags, denn inzwischen belasten auch die Folgen der Pandemie die Wirtschaft und das Alltagsleben des Landes, sodass die IGFM vermehrt Hilferufe von Flüchtlingen erhält. Sie stehen häufig unter Generalverdacht, weil sie aus einem muslimisch geprägten Land kommt, sind aber Christen.

Das Problem bei der Aufarbeitung der gegen katholische Kirchen und Hotels gerichteten Anschläge ist zum einen die sehr zögerlich angegangene Untersuchung der Vorgänge. So wurde erst im August diesen Jahres Anklage gegen die 25 in der Folge verhafteten Angehörigen einer muslimischen Terrorgruppe erhoben. Der Grund für das mangelnde Interesse liegt zum einen darin, dass Christen in Sri Lanka mit sieben Prozent deutlich in der Minderheit sind. Aber es gibt, wie Kardinal Ranjith berichtete, noch weitere Gründe für die Vertuschung der wahren Hintergründe der Attacken, bei denen 269 Menschen, darunter 40 Kinder starben und zahlreiche Menschen schwere Verletzungen erlitten, von denen viele bis heute gezeichnet sind. Denn der Anschlag ist, wie der Kardinal aufgrund der ihm vorliegenden Untersuchungsergebnisse sowie eigener Recherchen ausführte, in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Tatsächlich hätte die furchtbare Terrorattacke sogar verhindert werden können, denn es lagen, wie inzwischen bekannt geworden ist, Warnungen des indischen Geheimdienstes an die sri-lankischen Sicherheitskräfte vor. Die aber unterließen es nicht nur, den Anschlag zu verhindern, sie unterstützten vielmehr aktiv dessen Durchführung, indem sie einen Polizeioffizier daran hinderten, den Kopf der Terrorgruppe zu verhaften. An seiner Stelle wurde vielmehr der Offizier unter dem Verdacht, die Ermordung des Präsidenten geplant zu haben, festgenommen.

Kardinal Ranjith ist überzeugt, dass die Anschläge dazu beitragen sollten, die politische Lage in Sri Lanka zu destabilisieren, was zumindest einer der damals im Wahlkampf um das Präsidentenamt aktiven Parteien genützt hätte. Die Hoffnung der Attentäter war es, die durch die Anschläge schwer getroffenen Christen zu einer gewalttätigen Gegenreaktion zu verführen. Dass man diese bewusst einkalkuliert und fest mit ihr gerechnet hatte, wird auch dadurch deutlich, dass kurz vor dem Anschlag eine nicht genehmigte größere Waffenlieferung, konkret 6 000 Schwerter ins Land gebracht und an Moscheen und muslimische Privatpersonen verteilt wurden, damit diese sich im Falle eines Angriffes durch Christen effektiv wehren könnten.

Wirft man einen Blick auf die Mentalität der auf ihre persönliche Identität sehr stolzen Menschen in Sri Lanka, wäre eine solche Reaktion keineswegs unwahrscheinlich, sondern vielmehr folgerichtig  gewesen. Dass diese Situation nicht eintrat, ist vor allem dem friedensstiftenden Verhalten des Erzbischofs von Sri Lankas Hauptstadt Colombo zu verdanken, der sich von Anfang an engagiert dafür einsetzte, keine Rache zu üben.

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Die Sorge des Kardinals gilt seit den Anschlägen den Opfern und den Hinterbliebenen der Getöteten, die durch Spenden aus einem eigens zu diesem Zweck gegründeten Fond unterstützt werden. Bitter ist für die Betroffenen aber, dass die Frage nach den Verantwortlichen nach wie vor unbeantwortet ist und die Hintergründe nicht aufgeklärt wurden. Keine einzige der im Report aufgelisteten Handlungsempfehlungen wurde umgesetzt. Hinweisen auf das Wissen um den Anschlag und dessen mögliche Verhinderung wurde, was für die Opfer besonders schmerzlich ist, nicht nachgegangen.

Gefragt, was die Menschen in Europa in dieser Situation an Unterstützung leisten können, antwortete Kardinal Ranjith, dass die EU den Hebel in dieser Frage angesichts der bei dem Anschlag ums Leben gekommenen Europäer ansetzen, immer wieder gezielt nachfragen und Aufklärung verlangen könne.

Damit die Hinterbliebenen Frieden finden, ist es wichtig, dass den von der Präsidentiellen Untersuchungskommission entdeckten Verbindungen zwischen dem militärischen Geheimdienst Sri Lankas und der Dschihadistengruppe offensiv nachgegangen und diejenigen zur Verantwortung gezogen werden, die den Anschlag nicht vereitelt, sondern die Attentäter vielmehr unterstützt haben. Dies ist umso wichtiger, als in den letzten drei Monaten die Lage in Sri Lanka nach den durch einen buddhistischen Mönch angekündigten neuen Anschlägen erneut sehr angespannt ist.

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