Comeback

Stefan Heße: Das überschattete Comeback des Erzbischofs von Hamburg

Für manche kein glaubwürdiger Bischof mehr. Nach der kritisierten Ablehnung seines Rücktritts begibt sich Heße wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Erster Auftritt am Samstag.

Am kommenden Samstag wird Erzbischof Heße nun zum ersten Mal seit seinem Rücktrittsgesuch im März im Rahmen eines Gottesdienstes wieder öffentlich auftreten. Die Apostolische Nuntiatur in Berlin hatte vergangenen Mittwoch verkündet, dass Papst Franziskus den Rücktritt ablehnt. Auf diese Entscheidung reagierten Katholiken und Kirchenverantwortliche oder Pfarrer im Erzbistum Hamburg mit Fassungslosigkeit, harter Kritik oder auch vornehmem Schweigen. Applaus oder gar Begeisterung über die nun gescheiterte Demission Heßes zeigte sich nirgends, wenn auch viele treue Kirchgänger und Katholiken in den letzten sechs Monaten nicht aufgehört hatten, für den Erzbischof in der „Auszeit“ zu beten.

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Unanständige Kritik

Besonders harte, für Katholiken beinahe unanständig zu nennende Kritik kommt von sogenannten Kirchenreformern beziehungsweise Kirchenkritikern, deren Kurs und Forderungen Erzbischof Heße bisher wohlwollend begleitet hatte. Brigitte Jaschke von „Maria 2.0“ meinte gegenüber dem NDR, dass nicht nur Heße seine persönliche Glaubwürdigkeit, sondern auch Papst Franziskus mit dieser Entscheidung die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche insgesamt „verspielt“ habe. Thomas Kaufhold vom Verein „Wir sind Kirche“ meinte zum ausgebliebenen Rücktritt Heßes: „Wir sind entsetzt und maßlos enttäuscht.“ Nach dem großen Kirchenskandal werde nun nach dem Motto verfahren: „Weiter so!“ Stattdessen, fordert Kaufhold, müsse es einen „Ruck geben“ oder eine „Riesenrevolution“. Auch Jaschke fordert etwas Ähnliches, wenn sie von einem „wirklichen Neuanfang“ spricht.

Schweigen der Gremien

Weitgehend in beredsames Schweigen hüllten sich auch Tage nach der Entscheidung des Papstes, den Erzbischof im Amt zu belassen, Gremienvertreter, Priester, Pfarrer oder andere Verantwortungsträger im Bistum gleichermaßen. Auch das Domkapitel, in dem wohl schon Überlegungen für die Nachfolge Heßes angestellt worden waren, schwieg zur „Rückkehr“ des Bischofs in sein Amt. Auf Anfrage der „Tagespost“ gab der Pressesprecher ein Zitat des umstrittenen Generalvikars Ansgar Thim weiter: „Ich stehe hinter der Entscheidung des Papstes. Ich werde Erzbischof Stefan weiterhin voll und ganz unterstützen in der Weiterentwicklung des Erzbistums.“

Was mit der „Weiterentwicklung des Erzbistums“ in Zukunft gemeint sein soll, blieb in der Stellungnahme des Generalvikars ebenso offen, wie im Hirtenbrief des Erzbischofs, der am letzten Sonntag von den Kanzeln verlesen worden war. Heße äußerte darin, dass er in den zurückliegenden sechs Monaten „viel gelernt“ habe, aber wollte nicht preisgeben, was er gelernt habe. Erst wolle er seine Lernerfahrungen mit den Gremien beraten. Daher blieb auch im Hirtenbrief des Bischofs im Dunkeln, in welcher Richtung denn ein „Neuanfang“ versucht werden solle.

Neuanfang des Neuanfangs

Seit Erzbischof Heße vor fünf Jahren sein Amt in Hamburg übernahm, stehen Worte wie „Neuanfang“, „Erneuerung“ oder „Weiterentwicklung“ für eher gescheiterte Projekte wie die Schließung katholischer Schulen, die Finanzkrise, die Schließung und den Verkauf von Kirchen oder den Rückgang der katholischen Kirchgänger und Kirchenmitglieder. Von treuen Kirchengängern sind konkrete Stellungnahmen zum gescheiterten Rücktrittsangebot Heßes ebenfalls nur schwer und wenn, dann nur anonym zu erhalten. Man wolle nicht den „ersten Stein“ auf Heße werfen.

Es müsse „Frieden in der Kirche“ einkehren, äußerten Gläubige. Warum der Papst nun Heße ohne jegliche Strafen mit dem Argument wieder in sein Amt zurückkehren lässt, er habe nicht „vorsätzlich“ gehandelt, leuchtet den wenigsten Kirchgängern ein. Auch Nicht-Wissen schütze vor Strafe nicht, wird argumentiert. Die Entscheidung des Papstes sei „intransparent“, kritisiert ein Kommentator im NDR. Der Personalchef und Generalvikar, gemeint ist Heßes Tätigkeit in Köln, stilisiere sich „als Opfer seiner eigenen Verwaltung“. Trotz nachgewiesener Pflichtverletzungen Heßes, der laut einem unabhängigen Rechtsgutachten den sexuellen Missbrauch von Priestern in mehr als zehn Fällen nicht gemeldet oder sogar vertuscht haben soll, erfolge keine angemessene Reaktion durch den Papst, die auch die Qual der Opfer berücksichtige.

Besinnung auf das Lehramt

Ob der Neustart des Erzbischofs tatsächlich so „bitter“ wird, wie von Frau Jaschke von Maria 2.0 prognostiziert, darf indes in Frage gestellt werden. Der Neuanfang sei schwer, aber nicht unmöglich, betonten eine Reihe von anderen Gläubigen gegenüber der „Tagespost“. Voraussetzung für einen segensreichen Neustart sei allerdings, dass sich Stefan Heße auf einen theologischen Neustart im Sinne des katholischen Lehramtes besinne.

Schon vor fünf Jahren, zur Amtseinführung, schrieb ihm ein treuer Katholik fünf Punkte ins Stammbuch, die auch im Jahr 2021 höchst aktuell erscheinen.
Darauf müsse der Bischof achten, wenn er nicht scheitern wolle: Erstens: die Sicherstellung der katholischen Lehre im Sinne des Katechismus und Lehramts; zweitens: die Aufsicht über das Kirchenpersonal im Sinne des Katholischen Lehramtes; drittens: Viel Zeit für Priester statt für Gremien; viertens: Nachhaltiger Einsatz für die „Kultur des Lebens“; fünftens: Ökumene nur auf dem Lebensgrund der Wahrheit des Evangeliums und nicht aufgrund von Gefälligkeiten.

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