Der Jakobsweg bricht alle Rekorde

Der Camino nach Santiago de Compostela ist die bekannteste christliche Pilgerroute der Welt. Von Andreas Drouve

Auch auf dem Jakobsweg kann es kurzzeitig Hindernisse geben.
Auf dem Jakobsweg, hier durch Galicien, kann es kurzzeitig Hindernisse geben. Foto: Andreas Drouve. Foto: Picasa 2.7

Der Jakobsweg hat 2018 einen neuen Rekordzulauf verzeichnet und seinen Ruf als bekannteste christliche Pilgerroute der Welt zementiert. Wie das Pilgerbüro in der spanischen Apostelstadt Santiago de Compostela jetzt bekanntgab, erhielten im vergangenen Jahr 327.342 Ankömmlinge ihre Pilgerurkunde. Damit sind alle Bestmarken pulverisiert worden, die bisherigen datierten aus den Jahren 2017 (301.036), 2016 (277.854) und dem heiligen Jakobusjahr 2010 (272.417). Voraussetzung für den Erhalt des Diploms ist es, per Stempelfolgen im Pilgerausweis nachweisen zu können, mindestens die letzten 100 Kilometer bis Santiago zu Fuß zurückgelegt oder die finalen 200 Kilometer mit dem Fahrrad absolviert zu haben. Rechnet man organisierte Reisegruppen und sonstige Besucher hinzu, ist das Apostelgrab des heiligen Jakobus in der Kathedrale von Santiago de Compostela aufs Neue von mehreren Millionen Menschen beehrt worden.

Glaubenskraft und Selbstfindung

"Die Vielzahl der Gläubigen, die sich auf dem Weg nach Santiago befinden, und derer, die von dort zurückkommen, ist derart groß, dass fast kein Fleckchen auf der gesamten befestigten Straße gen Westen mehr frei ist", soll im Mittelalter ein maurischer Bote seinen Befehlsgebern vermeldet haben. Und in einer Predigt aus dem um 1120 entstandenen Codex Calixtinus hieß es: "Was zögerst du, Freund des heiligen Jakobus? Brich' nach Santiago de Compostela auf, dort, wo sich alle Völker treffen." Der Verfasser jenes wegweisenden Sammelwerkes zum Jakobuskult verbreitete gleichzeitig Mirakel, die Parallelen zu den in den Evangelien beschriebenen Wundern Jesu erkennen ließen: Wunder von Stummen, die dank der Santiago-Pilgerschaft ihre Sprache wiederfanden, von Tauben, die plötzlich wieder hören und von Blinden, die wieder sehen konnten.

Der Glaube, die persönlichen Hoffnungen und Erwartungen versetzten schon vor Jahrhunderten Berge und trieben die Menschen in den äußersten Nordwestwinkel der Iberischen Halbinsel. Daran knüpft die heutige Jakobsweg-Bewegung an, und die Vorzeichen haben sich grundsätzlich vielleicht nicht so stark verändert, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Natürlich folgt nicht jeder religiösen Anstößen, auch unter den echten Pilgern mit Ausweis nicht. Immerhin jedoch gaben 43 Prozent der letztjährigen Urkundenempfänger rein religiöse Gründe für den Aufbruch auf den Jakobsweg an, bei 48 Prozent war die Motivation religiös-kulturell bestimmt, auf die Sparte "nur kulturell" entfielen neun Prozent.

Selbstfindung und der Wunsch nach Auszeit - Gründe für den anhaltenden Jakobswegboom

Wer nach Gründen für den anhaltenden Jakobswegboom sucht, kommt an den Stichworten Selbstfindung und Auszeit nicht vorbei - und damit nicht an einer Kurzanalyse unserer Leistungsgesellschaften mit dem chronischen Stressfaktor Alltag. Beruflicher Konkurrenzdruck, Hektik, Ansprüche nehmen überhand, treiben mitunter in den Burnout. Termin folgt auf Termin, Handynachricht auf Handynachricht. Überall erfordern Beruf und Freizeit ein präzises Zeitmanagement. Umso öfter kreisen die Gedanken um Ausweg und Halt, um ein Endlich-zur-Ruhe-kommen, um Besinnung und Werte, das eigene Sein. Was hat mich zu dem gemacht, der ich bin? Wo will ich hin? Wer gibt mir Anstöße, Stütze, Inspiration?

Auf der Suche nach neuen Zielen und Wirklichkeiten treibt es manche auf Marathon- und Triathlonstrecken, zu Grenzerfahrungen zwischen Himmel und Erde, ins Sabbatjahr, zur Auszeit ins Kloster, zur bewussten digitalen Entgiftung, zu Meditationen. Oder eben auf den Jakobsweg, wobei es verschiedene Strecken zu unterscheiden gilt. Klassiker beim Rekordjahr 2018 war, wie immer und diesmal von 186.187 Pilgern frequentiert, der Französische Weg: von den Pyrenäen über Burgos, León und Ponferrada. Alternativen boten unter anderem der Portugiesische Weg aus Portugal (67.816), der Nordweg parallel der spanischen Atlantikküste (19.040), die Vía de la Plata aus Andalusien (9126). Manche Pilger brechen auch direkt aus der Heimat auf und sind Wochen, Monate unterwegs, bis sie in Santiago de Compostela eintreffen. Oder über den Umweg der Pilgerschaft bei sich selber.

Studenten, Künstler, Priester - Details aus der neuesten Pilgerstatistik

Der Blick auf Details der neuesten Pilgerstatistik zeigt, dass unter den 327.342 Ankömmlingen 25.294 Deutsche waren. Sie stellten damit die zweitstärkste Gruppe an Ausländern, knapp übertroffen von Italienern (26.996) und deutlich vor US-Amerikanern (18.582), Portugiesen (14.411), Franzosen (8775), Engländern (7619), Iren (7547) und Südkoreanern (5665). Den Hauptanteil machten Pilger aus Spanien selber aus, nämlich 144.135, was einem Gesamtanteil von 44 Prozent entsprach. Manche Spanier nutzen die Pilgerurkunde übrigens, um sie Bewerbungsunterlagen beizulegen: ein Beweis für Ausdauer und menschliches Miteinander, denn bei Begegnungen auf dem Weg und in den Pilgerherbergen sind auch Toleranz und Rücksichtnahme gefragt.

Über 300.000 Pilger waren zu Fuß unterwegs, 20.787 mit dem Rad, 318 hoch zu Pferd und 79 mit dem Rollstuhl. Bei den Berufen rangierten Angestellte (84.610; total: 25,9 %) vor Studenten (58.673; 18 %) und Rentnern (42.752; 13,1 %). Zudem waren 18.950 Beamte auf Achse, 6796 Hausfrauen, 4384 Arbeitslose, 2976 Künstler, 1314 Priester, 1064 Landwirte, 444 Seeleute und 378 hauptberufliche Sportler.

Engpässe und Winterpilgern

Der ungebrochene Aufwärtstrend zeigt, dass der Jakobsweg nicht an seinem eigenen Erfolg zerbricht, wie schon manche Kritiker ins Feld geführt haben. Im Gegenteil: Die Zahlen belegen, dass er beliebter ist als je zuvor. Nicht von der Hand zu weisen sind mancherorts auftretende Engpässe bei der Unterbringung, vor allem im Hochsommer, wenn aus Feriengründen die meisten Pilger unterwegs sind. Daher verwundert eine neue Tendenz nicht, den Jakobsweg während der kühleren Monate zu absolvieren: um den Massen aus dem Weg zu gehen und mit der Kälte eine größere Ruhe zu spüren. Dazu interessante Vergleichszahlen: Trafen im August vergangenen Jahres insgesamt 60.415 Pilgerinnen und Pilger in Santiago de Compostela ein, also knapp 3000 pro Tag (vergleichbar mit einer kompletten Ortschaft!), waren es im Januar 1628, im November 7651 und im Dezember 2517.

Bereits jetzt steht das Jakobusjahr 2021 im Fokus. Dann fällt der Jakobstag, der 25. Juli, nach elfjähriger Pause abermals auf einen Sonntag, daher das heilige Jahr. Und spätestens dann dürfte ein neuer Rekord fällig sein.

Andreas Drouve / DT (jobo)

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