Credo

Warst Du damals im Widerstand gegen die Abtreibung?

Zwischen Weihnachten und Silvester gedenkt die Kirche der unschuldigen Kinder. Das Töten der Kleinsten ist gerade heute eine Tragödie – für die sich Politiker stark machen und zu der Vertreter der Kirchen allzu oft schweigen.
Für den Schutz des Lebens
Foto: Tobias Hase (dpa) | Was wird sein, wenn spätere Generationen lesen, dass es als zivilisatorische Fortschritt galt, Frauen im Stich zu lassen und lieber die eigenen, ungeborenen Kinder zu töten?

Zwischen Heiligabend und Silvester hat sich im Kirchenjahr ein Gedenktag eingeschlichen, der nicht so recht zur besinnlichen Stimmung dieser Jahreszeit passen mag. Jedes Jahr am 28. Dezember, also vier Tage nach Heiligabend, drei Tage vor Silvester und neun Tage vor Dreikönig, gedenkt die Kirche der „unschuldigen Kindern“.

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Dieser Gedenktag geht auf einen Bericht aus dem Matthäus-Evangelium zurück, in dem von einem Massaker berichtet wird. König Herodes hatte von der Geburt des Weltenkönigs erfahren. Aus Angst um seine Macht, so schreibt Matthäus weiter, ließ er deshalb „in der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten...“. Der Gedenktag der „unschuldigen Kinder“ ist jedoch zu einem wichtigen Tag im Kirchenjahr geworden, weil unter diesem Sammelbegriff jeden Tag weitere unschuldige Kinder dazu kommen. Dabei geht es nicht nur um jene Kinder, die durch Krankheiten und Unfälle früh aus dem Leben gerissen werden. Die Kirche gedenkt am 28. Dezember auch den Ungeborenen, die gewaltsam zu Tode kamen, bevor sie überhaupt das Licht der Welt erblicken konnten.

Jede Abtreibung ist eine unfassbare Tragödie. Welche Gründe auch immer einen Menschen dazu bewegen mögen, das eigene Kind zu töten, so bleibt es für mich immer unverständlich, wie ein solcher Akt in einer angeblich so fortschrittlichen Gesellschaft wie heute als „ganz normaler Eingriff“ etabliert werden soll.

 

 

Seit vielen Jahren schon ist der „Marsch fürs Leben“ in Berlin, der jährlich am dritten Septemberwochenende stattfindet, deshalb ein Pflichttermin für mich. Die Ungerechtigkeit, die Kindern bei einer Abtreibung widerfährt, das Gefühl der Verlassenheit vieler Mütter, der Überforderung, des gesellschaftlichen Drucks, welcher viele Frauen zu diesem Schritt bewegt, all das schreit zum Himmel. Dass ich jedes Jahr – von der Polizei eskortiert und von ach-so-fortschrittlichen Mitmenschen beschimpft – deshalb beim „Marsch fürs Leben“ mitlaufe, hat zwar auch eine politische Dimension. Dennoch ist es auch Ausdruck meines Gefühls der Ohnmacht und des Entsetzens. Wer stoppt dieses Töten?

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Als Christen bin ich überzeugt, dass ein jeder Mensch von Gott geliebt und mit einer unverletzlichen Würde ausgestattet ist. Die moderne Gesellschaft, die das Töten von Kindern im Mutterleib als „Menschenrecht“ deklariert, verhöhnt auf perverse Art und Weise dieses unveräußerliche Recht und zeigt auf, welche dramatischen Folgen einer Gesellschaft drohen, die keinen Gott mehr kennt. Wenn das Bewusstsein abhandenkommt, dass Gott jeden Menschen liebt, bekommt das Böse einen Raum.  Politiker, die über ein Verbot von Gehsteigberatungen vor Abtreibungskliniken jubeln oder gar fordern, dass die Durchführung einer Abtreibung in den Ausbildungsplan von Ärzten gehört, sind Vorboten einer dunklen Zeit. Selbst so mancher Kirchenfunktionär weicht feige vor seiner Pflicht zurück, als Anwalt des Lebens aufzutreten.

Die Geschichte lehrt jedoch, dass sich Unmenschlichkeit – immer! – irgendwann selbst zerstört. Ich bin deshalb überzeugt davon, dass eine Zeit kommen wird, in der künftige Generationen mit Entsetzen auf die heutige Zeit blicken. Ihnen wird ein Schauer über den Rücken laufen, wenn sie in Geschichtsbüchern darüber lesen, dass unsere Generation es als einen zivilisatorischen Fortschritt betrachtete, Frauen im Stich zu lassen und lieber die eigenen, ungeborenen Kinder zu töten. Wer wird dann noch glaubhaft aufstehen können und sagen: „Ich war damals im Widerstand“?

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