In den Weihnachtsferien habe ich zwei sehr verschiedene Bücher gelesen – zuerst den schmalen, den biblischen Berichten über die Geburt und Kindheit Jesu gewidmeten Prolog-Band der „Jesus von Nazareth“-Trilogie von Papst Benedikt XVI., dann einen Erziehungsratgeber, den ich im letzten Herbst zum Abschluss eines Glaubenskurses für Eltern geschenkt bekommen habe: „Empower – Mit Glaube und Leichtigkeit durch das Abenteuer Erziehung“ von Tobias Teichen, Pastor einer freikirchlichen Gemeinde in München.
Überrascht war ich, festzustellen, dass es bei allen Unterschieden zwischen diesen Büchern doch etwas gibt, was in beiden vorkommt – in dem einen ganz am Schluss, in dem anderen ziemlich am Anfang: nämlich jene Episode aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums, in der der zwölfjährige Jesus seinen Eltern davonläuft und sie ihn im Tempel wiederfinden.
Einerseits kann man in diesem Bibeltext tiefgründige theologische Aussagen über die zweifache Natur Jesu als wahrer Gott und wahrer Mensch entdecken, kann in den drei Tagen, die der Knabe Jesus „verschwunden“ war, eine Vorausdeutung auf die Zeitspanne zwischen Kreuzigung und Auferstehung erkennen; andererseits kann man diese Erzählung aber auch einfach aus der Elternperspektive lesen und versuchen nachzufühlen, wie es Maria und Josef wohl ergangen ist, als sie Jesus verloren haben.
Es dauerte einen ganzen Tag
Zuweilen begegnet einem dieser Gesichtspunkt sogar als Witz oder als „Meme“ in den sozialen Netzwerken: „Wenn du glaubst, du hättest als Vater oder als Mutter versagt, dann erinnere dich daran, dass Maria und Josef Jesus einmal für drei Tage verloren haben.“ Und nicht nur das – es hat sogar einen ganzen Tag gedauert, ehe sie überhaupt bemerkt haben, dass er verschwunden ist.
Auch Tobias Teichen räumt ein, aus heutiger Sicht wäre so etwas „ein Fall fürs Jugendamt wegen Verletzung der Aufsichtspflicht oder eine Vermisstenmeldung für die Polizei“. Andererseits, so gibt er zu bedenken, war Jesus in diesen drei Tagen ja nicht wirklich „weg“, nicht unbeaufsichtigt und auf sich allein gestellt, sondern er war im Haus seines himmlischen Vaters, wo er im Grunde hingehört – das sagt er im Evangelium ja selbst.
Ein überraschender Gesichtspunkt
Und hier gewinnt Pastor Teichen dieser biblischen Erzählung einen überraschenden Gesichtspunkt ab: Dasselbe gilt für unsere Kinder auch! Auch sie sind nicht allein unsere Kinder, sondern zugleich auch Kinder Gottes, und wo wir nicht auf sie aufpassen können, da kann Er es.
Natürlich soll und darf das keine Ausrede dafür sein, die eigene elterliche Verantwortung zu vernachlässigen oder auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber jeder Vater und jede Mutter wird irgendwann, und meist eher früher als später, damit konfrontiert, nicht immer und überall für die eigenen Kinder da sein zu können, sie nicht vor allen Gefahren beschützen und nicht jeden ihrer Schritte in die richtige Richtung lenken zu können.
Spätestens wenn die Kinder in den Kindergarten oder in die Schule kommen, müssen die Eltern damit leben, dass sie ihrer unmittelbaren Obhut zeitweilig entzogen sind – dass die Kinder Einflüssen ausgesetzt sind, die die Eltern nicht unter Kontrolle haben.
Und gerade weil es gute Gründe gibt, nicht allzu blind darauf zu vertrauen, dass die Kinder bei ihren Lehrern und Erziehern in guten Händen sind, ist es umso wichtiger, sie Gott anzuvertrauen – und das bedeutet nicht zuletzt auch, den Kindern frühzeitig beizubringen, sich selbst Gott anzuvertrauen, Ihm ihr Herz zu öffnen und sich von Ihm leiten zu lassen.
Der Autor studierte Theaterwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Er hat zwei kleine Kinder und lebt mit seiner Familie in Berlin.
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