Würzburg

Wie Benedikt XVI. den heiligen Josef auslegte

Die gesamtbiblische Josefstheologie Benedikts XVI. durchatmet bis heute eine erstaunliche Unmittelbarkeit und Frische. Die Tagespost stellt die Grundthesen in der Josefsdeutung des emeritierten Papstes vor.

Papst Benedikt XVI.
Am Beispiel der beabsichtigten Entlassung von Maria aus der Ehe zeigt Benedikt anschaulich, worin die Gerechtigkeit Josefs besteht. Foto: Michael Kappeler (dpa)

In seiner Autobiographie meditiert Papst Benedikt XVI. den Sinngehalt seiner Geburt und der Taufe an einem Karsamstag (16. April 1927). Eine Betrachtung über seinen Namen Josef findet sich dort nicht. Josef hieß bereits sein Vater, der Landgendarm, ein Vater von drei Kindern, der seine Dienstjahre im „Inn-Salzach-Dreieck” verbrachte. 

In die umfassende Sammlung seiner Predigten (bis zum Beginn des Pontifikats) hat Benedikt drei Ansprachen aufgenommen, die Josef zum Thema haben. Umfassend hat er das Leben des heiligen Josef in seiner, während des Pontifikats entstandenen Auslegung der Kindheitsgeschichte Jesu („Jesus von Nazareth. Prolog” 2012) dargestellt. Inhaltlich fällt die Kontinuität der Josefsdeutung Ratzingers auf. Grundthesen ziehen sich durch. Alle Texte sind direkte Evangelienauslegungen. Es gibt keine abgestandenen Begriffe aus dem 19. Jahrhundert, wie etwa „Nährvater”, nirgends verzwecklichte Idyllen aus dem Leben der heiligen Familie in Nazareth. Nirgends greift er die sozialpolitischen Absichten auf, die Pius XII. mit  dem Festtag „Josef der Arbeiter” verbunden hat. Aber auch vom verzerrten nachkonziliaren Josefsbild, Josef der grübelnde Zweifler, findet sich keine Spur.

Vom Anspruch Gottes an den Menschen

Die gesamtbiblische Josefstheologie Benedikts durchatmet bis heute eine erstaunliche Unmittelbarkeit und Frische. Seine Josefauslegung macht ernst mit dem Anspruch Gottes an den Menschen: Es geht um schmerzhafte Verwandlung mit dem Ziel Ganzhingabe. Stets geht Benedikt von der Bestimmung Josefs als eines Gerechten aus. Sie verbindet Altes und Neues Testament. Ist doch „Gerechter” der Ehrentitel der großen Glaubenszeugen Abraham, Isaak und Jakob und auch des Messias. Ein Gerechter ist ein gläubiger Mensch.

Am Beispiel der beabsichtigten Entlassung von Maria aus der Ehe zeigt Benedikt anschaulich, worin die Gerechtigkeit Josefs besteht: Er hält sich an das Recht, indem er die scheinbar ehebrecherische Frau entlässt, aber er wählt nicht den Weg der öffentlichen Bloßstellung und Bestrafung. Er wählt die „menschliche Weise” des Rechts: Eine stille Entlassung. Josef erweist sich so als ein Gerechter, „während die andere Weise der Gerechtigkeit  … in der Gruppe der Pharisäer zum stärksten Hindernis gegen Jesus wurde und sein ganzer Kampf darum ging, dieser Selbstgerechtigkeit entgegen die menschliche und darin die göttliche Weise der Gerechtigkeit zum Zuge zu bringen.”

Mit dem göttlichen Auftrag, dem Kind Marias den Namen zu geben, nimmt Josef es rechtlich als sein Kind an: „Der Name Jesus (Jeshua) bedeutet: JHWH ist Heil. Der Gottesbote, der im Traum mit Josef spricht, verdeutlicht, worin dieses Heil besteht: ’Er rettet sein Volk von seinen Sünden’.” Josef ist „Sohn Davids” und nimmt mit der Annahme Jesu als Sohn ihn  zugleich in die Davids-Verheißung hinein.

Die nüchterne Sachlichkeit Josefs

Ein weiterer Grundzug Josefs ist seine Aufnahmefähigkeit und Unterscheidungsfähigkeit. Benedikt betont die nüchterne Sachlichkeit Josefs. Für ihn ist er „ein rechtschaffener, nüchterner, verlässlicher, ein zutiefst menschlicher Mann.” Liest man vor diesem Hintergrund die knappen Beschreibungen die Benedikt von seinem eigenen Vater gegeben hat, werden sie durchscheinend auf dieses Urbild hin. Wobei sich in keiner Weise der Eindruck einer Idealisierung einstellt.

Im Gegenteil. Übereinstimmungen ergibt beispielsweise der Vergleich der Schilderung von Josefs nüchterner und realistischem Verhalten gegenüber den bedrohlichen politischen Mächten seiner Zeit mit der frühzeitigen Hellsichtigkeit des Vaters Ratzinger gegenüber dem Nationalsozialismus. Wesentlich ist für Benedikt, dass  Josef, seit ihm das messianische Geheimnisse offenbart wurde, in das „Abenteuer Gottes mit den Menschen” hineingezogen wurde. Er wird sogar zum Heimatlosen in Ägypten. Verzweifelt sucht er drei Tage nach Jesus in Jerusalem. Nachdem er ihn im Tempel wiedergefunden hat, wird er vom Gottessohn dann auch noch zurückgewiesen: „Du bist nur Hüter, nur Treuhänder” des wahren Vaters. Josef nimmt eine Sendung an, die er nicht überblicken kann und deren Ziel er nicht erleben wird, „da er vor dem öffentlichen Leben Jesu gestorben ist”.

In allen heilsgeschichtlichen Ereignissen wird Josef erfahrbar als einer, dem es nicht um Selbstverwirklichung geht: „Er führt nicht einen Plan durch, … sondern er gibt sich in die Hände der Weisungen Gottes, gibt seinen eigenen Willen weg in den Willen Gottes hinein”. Josef umgreift die Heilsgeschichte von den Patriarchen angefangen bis zum Selbstverständnis des Christen als Pilger auf Erden. Das Aufgeben eigener Pläne, eine Selbstlosigkeit ohne Eigensinn und eine Verfügbarkeit und Freiheit für die verborgene Gegenwart Gottes zeichnen ihn aus: „Und so zeigt Josef, der Sich-Verlierende, der Verzichtende, der gleichsam im Voraus dem Gekreuzigten nachfolgt, den Weg der Treue, den Weg der Auferstehung und des Lebens.” 

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