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Gerhard Lohfink verstorben: Wissenschaftler und Jünger

Zum Tod des Neutestamentlers Gerhard Lohfink am 2. April.
Gerhard Lohfink
Foto: Osservatore / Achim Buckenmaier | Gerhard Lohfink mit Papst Benedikt XVI. bei der Eröffnung des Jahres des Glaubens. Der Theologe verstarb am 2. April 2024.

In einem kurzen Urlaub auf einer Hütte und auf einen Satz schrieb der damalige Professor für Neues Testament an der Eberhard-Karls-Universität zu Tübingen ein Buch, das ihn schlagartig einem breiten Publikum bekannt machte. 1982 veröffentlichte Gerhard Lohfink sein Buch „Wie hat Jesus Gemeinde gewollt“. Ganz nahe an den biblischen Texten ging Lohfink dieser Frage nach, die schon mit dem Stichwort „Gemeinde“ über die Zeit Jesu hinauswies und in die Kirchengeschichte und die Jetztzeit führte. Vorausgegangen waren für Lohfink die klassischen Publikationen einer akademischen Karriere: Die Dissertation zur Himmelfahrt Jesu und die Habilitationsschrift über die lukanische Ekklesiologie unter dem Titel „Die Sammlung Israels“, beides für heutige Verhältnisse schlanke Werke, die Kollegen und Leser nicht mit vielen hundert Seiten und einer unendlichen Ansammlung von Fußnoten beschwerten, sondern wissenschaftlich präzise und in der Aussage klar und stark die Ergebnisse seiner Forschungen präsentierten.

Ein Experiment

Das Buch „Wie hat Jesus Gemeinde gewollt“ hat nicht nur mich und viele Studenten der 80er Jahre elektrisiert. Hinter dem Eisernen Vorhang wurde es privat ins Ungarische übersetzt und bewegte viele Christen im damaligen kommunistischen Ungarn, die unter dem Radar des Regimes Kirche und Christsein leben wollten. Vor allem aber erwies es sich als Werk, dessen Frage den Autor selbst einholte. 1986 gab er sich selbst und einer erstaunten akademischen Öffentlichkeit eine Antwort, die überraschte und auch bei vielen Kollegen unverstanden blieb. Er gab seine Tübinger Professur auf, wie zwei Jahre zuvor sein Freiburger Kollege Rudolf Pesch und schloss sich der Integrierten Gemeinde in München an. Mit seinen hochbetagten Eltern zog er um und ließ sich auf ein Experiment ein, das ihm die logische Konsequenz aus dem war, was er als Wissenschaftler erkannt und gelehrt hatte: Reich-Gottes-Botschaft Jesu und Volk Gottes gehören als reale Existenzform zusammen; die Gestalt der Gemeindekirche ist jene Form, die Jesus in der Kontinuität seines jüdischen Volkes, in der Sammlung der Zwölf und der Jünger als Antwort auf die Geschichte Israels gefunden hatte.

Der Wissenschaftler, bescheiden und gläubig, ging einen Weg des Lernens, um diesen Versuch der Gemeindebildung zu unterstützen. In dieser Zeit veröffentlichte er fast nichts und hielt auch nicht mehr wissenschaftliche Vorträge. Sein pädagogisches Talent stellte er vielen tansanischen Gemeindemitgliedern zur Verfügung, die auf Wunsch ihres Bischofs nach Deutschland gekommen waren. Mit didaktischer Phantasie und Geduld brachte er ihnen die deutsche Sprache bei. Mit seinem theologischen Wissen, seinem lauteren Wesen und in Zusammenarbeit mit den Theologen der Gemeinde formte er diesen Weg mit.

So konnte er nach einigen Jahren seine Publikationen wiederaufnehmen, die er bis kurz vor seinem Tod mit Energie und großem Erfolg erarbeitete. Mit enormer Schaffenskraft, Disziplin und Freude legte er Jahr um Jahr Bücher zu zentralen Themen des Glaubens vor, die er auf dem Hintergrund der Erfahrungen in seiner Gemeinschaft reflektierte. 1998 erschien „Braucht Gott die Kirche. Zur Theologie des Volkes Gottes.“ Zusammen mit Ludwig Weimer schrieb er ein umfassendes Werk über die Erbsünde „Maria, nicht ohne Israel.“

Wichtige Bücher folgten

Es folgten Bücher über das Gebet, die Eschatologie, die Gleichnisse Jesu, Jesu wichtigste Worte, Tagebuchnotizen und Aphorismen, ein Buch in Briefform über den christlichen Glauben. Ein umfassendes Buch über Jesus von Nazareth und „Gegen die Verharmlosung Jesu“ gehören ebenso dazu. Es sind Bücher, die auf der Höhe der modernen Bibelexegese stehen und zugleich gut verständlich sind. Deswegen wandte er viel Zeit und Kraft auf, um eine moderne und gute Sprache zu schreiben. Sie brillieren nicht durch die selbstgefällige Kundgabe eines enormen Detailwissens, sondern zeigen eine Ehrfurcht vor den Lesern, den gläubigen und den suchenden. Innerlich, so sagte er einmal, hatte er seine einfachen Eltern vor Augen – der Vater war Lokomotivführer, die Mutter Hausfrau. Ihrem aufrechten Glauben verdankte er viel. Er wollte so schreiben, dass Leute wie sie verstehen und einen Gewinn für ihr Leben daraus ziehen konnten. Auch das machte den Erfolg seiner Bücher und Vorträge aus.

Als Papst Benedikt XVI. im Oktober 2012 das Jahr des Glaubens eröffnete, wandte er sich auch an die Wissenschaften. Beim Eröffnungsgottesdienst in Rom übergab er seine Botschaft an die Theologen Gerhard Lohfink – ein Zeichen der Wertschätzung des Kollegen Joseph Ratzinger und Papstes.

Bisweilen ausdrücklich, aber noch mehr zwischen den Zeilen der Bücher kann man den persönlichen Glauben Lohfinks, seine Freude am Leben in und mit der Kirche erkennen. Sein letztes Buch „Warum ich an Gott glaube“, wenige Tage vor seinem Tod abgeschlossen, gibt Auskunft über diesen bemerkenswerten Weg.

Leben in Gemeinschaft

Die Bücher erlebten viele Auflagen und wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Besonders in Amerika sind seine Bücher, übersetzt von seiner Schülerin Linda M. Maloney, Bestseller. 2022 erhielt das Buch über die Gleichnisse den ersten Preis der amerikanischen Catholic Media Association. Auch in Korea fand er Übersetzer und begeisterte Leser. Vieles entstand in kreativer Verbindung mit seinem älteren Bruder, dem Alttestamentler Norbert Lohfink und seinen Kollegen und Schülern.

Auch in den letzten Jahren nach der Aberkennung des kirchlichen Status der Integrierten Gemeinde und den anschließenden Auseinandersetzungen blieb er diesem Weg treu. Dankbar, kritisch und zugleich selbstkritisch stellte er sich den Entwicklungen und lebte weiter in Gemeinschaft mit Menschen aus derselben Erfahrung. Für viele Menschen, mit denen er im Gespräch war oder korrespondierte, war er als einfacher und gläubiger Priester ein gefragter Seelsorger und kundiger Ratgeber. Jetzt ist er in der Osteroktav nach kurzer, schwerer Krankheit im 90. Lebensjahr in Ebenhausen bei München gestorben.

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