Dublin

Kirche in Irland: Im freien Fall

Nach der Missbrauchskrise sehen die Katholiken in Irland noch kein Licht am Ende des Tunnels.

Abtreibungsreferendum in Irland
Die Unfähigkeit, in Irland eine Gegenkultur zum vorherrschenden gesellschaftlichen Trend zu bilden, zeigte sich 2018, als zwei Drittel der Iren für die Liberalisierung der Abtreibung votierten. Foto: Niall Carson (PA Wire)

Die katholische Kirche in Irland leidet unvermindert unter den Folgen des Vertrauensverlustes in Bischöfe und Priester infolge der Missbrauchskrise. Die Auflösung des familiären Zusammenhalts, die steigende Zahl der Scheidungen und Alleinerziehenden wirken sich auf das Leben vieler Pfarreien aus. Irland gilt als Europas Musterschüler, doch der wirtschaftliche Aufstieg fordert seinen Tribut. Immer mehr Inselbewohner pendeln zur Arbeit in die Städte und verbringen immer weniger Zeit mit ihrer Familie.

Auch die Landpfarreien spüren den Säkularisierungsschub

Auch die Landpfarreien, einst Bastionen des irischen Katholizismus und Berufungsbeete, spüren den Säkularisierungsschub. Anders als in Deutschland harrt die noch nicht von der Freizeitgesellschaft absorbierte Großelterngeneration zwar aus. Mit dem überalterten Klerus erhalten die Alten mühsam die traditionellen Pfarrstrukturen aufrecht.

Doch auch wenn der Kollaps der Pfarrseelsorge noch bevorsteht, zeichnet sich der Einbruch des kirchlichen Lebens auf der Insel ab. Zwischen 1993 und 2018 schlossen sieben Priesterseminare ihre Pforten. Über die Zahl der irischen Seminaristen macht das lückenhafte Direktorium der Kirche keine Angaben. Im Nationalen Seminar in Maynooth leben Erzbischof Diarmuid Martin zufolge derzeit "unter vierzig". Höchstens zwanzig seien es noch, meinen andere, hinzu kommen einige im Irish College in Rom.

Beim weiblichen Ordensnachwuchs sieht es noch schlechter aus

Beim weiblichen Ordensnachwuchs sieht es noch schlechter aus. Die meisten Frauenorden sind überaltert und haben keine Novizin. Viele sind feministisch ideologisiert und gelten eher als Problem der Kirche denn als Lösung. Einem geistlich trägen Kulturkatholizismus, von dem kein missionarischer Funke mehr ausgeht, steht auf einer Insel, die weniger Einwohner hat als London, eine Minderheit von Überzeugungschristen gegenüber.

Die Anpassung der irischen Kulturkatholiken an den gesellschaftlichen Mainstream gab 2015 den Ausschlag beim Referendum für die Einführung der Homo-"Ehe". Die Unfähigkeit, eine Gegenkultur zum vorherrschenden gesellschaftlichen Trend zu bilden, zeigte sich zudem 2018, als zwei Drittel der Iren für die Liberalisierung der Abtreibung votierten. Auch Priester, Ordensleute und Laien, die täglich kommunizieren, stellten die Weichen für das Gesetz, das seit 1. Januar 2019 in Kraft ist. Es erlaubt die Tötung Ungeborener während der ersten zwölf Schwangerschaftswochen und danach, wenn Leben und Gesundheit der Mutter bedroht sind. Abtreibungen werden im Rahmen des staatlichen Gesundheitssystems kostenlos angeboten.

"Die jungen Iren gehören zu den
am meisten katechisierten und am wenigsten
evangelisierten Menschen in Europa"
Diarmuid Martin, Erzbischof von Dublin

Erzbischof Martin erklärte gegenüber dieser Zeitung: "Die jungen Iren gehören zu den am meisten katechisierten und am wenigsten evangelisierten Menschen in Europa, auch wenn weit über achtzig Prozent der Grundschulen in katholischer Trägerschaft sind. Bei der letzten Volkszählung haben sich 48 Prozent der 24 29-Jährigen im Erzbistum Dublin als religionslos bezeichnet. Auf der anderen Seite sind sie idealistisch, großzügig und tolerant. Jedoch tun sie sich schwer damit, diese Großzügigkeit explizit in ihrer religiösen Bildung zu verankern. Sie leben in einem Land, in dem das Staatsfernsehen jeden Abend den Angelus überträgt und das Heiligtum von Knock einer der meistbesuchten Orte in Irland ist. Andererseits gibt es eine starke Säkularisation. Junge Iren wachsen heute in einer Kultur auf, in der die Kirche nicht mehr präsent ist."

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