Die Rolle eines Primas ist in der Orthodoxie umstritten

Der Theologe Stephan J. Koster erklärt die Hintergründe des Streits zwischen Moskau und Konstantinopel. Von Regina Einig

Patriarch Filaret
Der orthodoxe Kiewer Patriarch Filaret feiert am 28. Juli 2013 in der Vladimirskiy Kathedrale in Kiew einen Gottesdienst. In Kiew haben Russlands Präsident Wladimir Putin und weitere Staatschefs sowie hohe Geistliche der Christianisierung vor 1025 Jahren gedacht. Patriarch Kirill... Foto: Alexey Furman

Herr Archimandrit, der Streit zwischen Moskau und Konstantinopel wegen der Initiative des Ökumenischen Patriarchats zur Bildung einer eigenständigen orthodoxen Kirche in der Ukraine wirkt sich auch in Deutschland aus. Wie groß ist der Schaden?

Die Präsenz der Orthodoxie ist in den letzten 20 Jahren in Westeuropa wesentlich gewachsen durch Zuwanderung, und damit auch die Schaffung neuer Diözesen. So hat das Patriarchat Antiochien neue Bistümer in Frankreich und Deutschland geschaffen für die arabischsprachigen Orthodoxen in der westeuropäischen Diaspora. In der Zwischenzeit haben sich das Moskauer Patriarchat und die relativ starke russische Auslandskirche versöhnt. Historisch bedingt gibt es Allianzen unter den verschiedenen orthodoxen Kirchen, die auch in der westlichen Diaspora ihren Niederschlag finden.

Die Serben wissen sich der russischen Kirche verpflichtet für deren Beistand im Unabhängigkeitskampf gegen die Türken. Antiochien verdankt sein Überleben unter osmanischer Herrschaft und seine Unabhängigkeit wesentlich der Unterstützung aus Russland. Westeuropa ist ein Abbild der Gesamtsituation in der Weltorthodoxie, in der die einzelnen autokephalen und autonomen Kirchen durch das gemeinsame Glaubensbekenntnis in Liturgie und Lehre sowie der Praxis in Kommuniongemeinschaft die eine Kirche Christi bilden. Ein erstes Aufflammen der Problematik war jüngst die Einführung des neuen serbischen Bischofs in Deutschland, als man den Vertreter des Ökumenischen Patriarchats, den Vikarbischof der griechisch-orthodoxen Metropolie bat, bei der Feier von einer Konzelebration, die die Hochform kirchlicher Gemeinschaft zum Ausdruck bringt, wegen der Anwesenheit zweier russischer Bischöfe abzusehen.

Was müsste geschehen, damit sich die Mitglieder der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland bei ihrer Vollversammlung Anfang Dezember wieder einträchtig versammeln können?

Da die orthodoxen Bistümer in Deutschland keine Struktur im Sinn einer gemeinsamen Ortskirche gebildet haben, vertreten sie notwendigerweise die Position ihrer Mutterkirchen. Ist also der Gesamtkonflikt gelöst, ist er auch in den Beziehungen der Diasporakirchen untereinander gelöst.

Wie bewerten Sie die Schuldzuweisungen der russisch-orthodoxen Kirche an Konstantinopel? Handelt Bartholomaios unverantwortlich?

Das Moskauer Patriarchat beruft sich auf ein kanonisches Prinzip, das einem Bischof ein Handeln ohne den Konsens des Ortsbischofs in fremdem Territorium verbietet, was gesamtkirchliche Praxis spiegelt, während Konstantinopel sich auf Canones 9 und 17 des IV. Ökumenischen Konzils von Chalkedon beruft, die beide ein Berufungsrecht auf den Bischof von Konstantinopel erwähnen. Zugleich ruft Canon 17 das Prinzip der Übereinstimmung des Territoriums kirchlicher Territorien mit den gegebenen staatlich-politischen Verwaltungseinheiten in Erinnerung.

Diese geforderte Übereinstimmung kirchlicher und politischer Territorien wurde im ersten Jahrtausend im oströmischen Kaiserreich bestimmend für die Gesamtorthodoxie weiterentwickelt zur Symphonie zwischen Kaiser und Kirche, wobei der Kaiser als Garant der Einheit galt. Unterschwellig spielen in diesem Konflikt mehrere Fragen eine Rolle: Bereits in den Vorbereitungen des Panorthodoxen Konzils brach in der Orthodoxie die Frage auf: Gibt es einen Primat in der Kirche oder nicht? Das Moskauer Patriarchat in Person von Metropolit Hilarion beantwortete diese Frage negativ, obwohl die Amtsführung des jetzigen Patriarchen das Gegenteil nahelegen könnte, während Metropolit Zizioulas von Pergamon die Frage für Konstantinopel bejahte.

Damit ist ein Kernthema angesprochen, das auch im Bezug auf die ökumenischen Beziehungen mit Rom eine Rolle spielt. Mit der Eigenstaatlichkeit der Ukraine und Weißrusslands ergibt sich ein neues Bild, das kirchlich nach einer Lösung verlangt. Moskau hat Kiew und Minsk eine interne Autonomie zuerkannt mit je eigener Synode. Kiew ist die Wiege der gesamten ostslawischen byzantinischen Christenheit. Die Frage betrifft damit den geistlichen, geschichtlichen und kulturellen Lebensnerv der gesamten ostslawischen Welt. Konstantinopel ist historisch die Mutterkirche und behielt bis zur Eingliederung der Ukraine aus Polen-Litauen nach Russland durch Peter den Großen seine Jurisdiktion, die es dann endgültig, gemäß dem erwähnten Prinzip der Übereinstimmung der Territorien, an Moskau abtrat. Gemäß den zitierten Canones ist nach der veränderten politischen Lage ein Rekurs nach Konstantinopel zulässig. Jedoch ist die Orthodoxie auf ukrainischem Territorium tief gespalten in der Frage: Gibt es die eine russische Welt, zu der alle Ostslawen gehören, oder gibt es „Brudervölker“, die das Recht haben, sich selber zu organisieren?

Was für Außenstehende zunächst wie ein Verwaltungsakt aussieht, hat unmittelbare Folgen für die Eucharistiegemeinschaft innerhalb der Orthodoxie. Wie erklären Sie das einem Nichtorthodoxen?

Wenn man gewohnt ist, wie in der katholischen Kirche, in straffen kanonistischen Strukturen zu denken, kann die Gewährung der Autokephalie als Verwaltungsakt einer kompetenten Stelle erscheinen. Seit die auf dem IV. Ökumenischen Konzil (451) festgelegte territoriale Struktur der Kirche in Form der Pentarchie in der Orthodoxie ab dem 12. Jahrhundert immer mehr in unabhängige Nationalkirchen zerfallen ist, hängt eine funktionierende Kommuniongemeinschaft wesentlich vom gegenseitigen Konsens aller kanonischen Kirchen ab, die eben keinen anderen gemeinsamen Nenner haben als das gemeinsame Glaubensbekenntnis in Liturgie, Lehre und Praxis, weil die Rolle eines Primas als Garant der Einheit der Orthodoxie umstritten bleibt.

Teilen Sie die Einschätzung, dass der Ökumenische Patriarch Bartholomaios dem Papst näher steht als den orthodoxen Brüdern in Moskau?

Als Primus inter pares ist er notwendigerweise dem gemeinsamen Glaubensbekenntnis in Liturgie, Lehre und Praxis der Orthodoxie verpflichtet. In seinem Bemühen um die Einheit seiner Kirche in Ausübung seines Amtes als erster der Patriarchen und Bischöfe werfen ihm einige Stimmen in Russland Papismus vor, zumal die Entscheidung der letzten Synaxis der über hundert Bischöfe seiner Jurisdiktion in Konstantinopel einen über 1500-jährigen ökumenischen Konsens gebrochen und neues Öl in den laufenden Konflikt gegossen hat: Verwitweten und von ihren Frauen verlassenen Priestern wird eine zweite Ehe zugestanden.

Welche Konsequenzen hätte ein totaler Bruch der russischen Kirchenspitze mit dem Ökumenischen Patriarchat?

Angesichts des Gesamtgewichtes der russischen Orthodoxie mit jenem der alliierten Landeskirchen wäre ein solches Schisma eine Katastrophe ersten Ausmaßes, das innerorthodoxe Konflikte zum vollen Ausbruch brächte – mit verheerenden Konsequenzen auch für die langen und fruchtbaren ökumenischen Beziehungen mit Rom. Gott möge das verhüten.

DT

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