Würzburg

Vorbereitungen der Oberammergauer Passionsspiele 2020

Die Vorbereitungen der Oberammergauer Passionsspiele sind kurz vor dem Abschluss.

Frederik Mayet, Jesus-Darsteller
Frederik Mayet spielt nicht nur die Rolle des Jesus, er ist auch Pressesprecher der Oberammergauer Passionsspiele. Foto: Thiede

Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!“ Auf der riesigen Bühne des Oberammergauer Passionstheaters proben 400 Kinder und Erwachsene die erste Spielszene: den Einzug Jesu in Jerusalem. Spielleiter Christian Stückl klingt das „Hosanna!“ noch zu flau. Und so feuert er das versammelte Volk an: „Stellt's euch vor, da Jesus kimmt! Da Jesus kimmt!“ Aus 400 Kehlen donnert es nun zu Stückls Zufriedenheit „Hosanna! Hosanna!“ Der Spielleiter steht auf einem Tisch und dirigiert die Massen. Immer wieder springt er herunter, eilt über die Bühne, um Jesus und den anderen Darstellern hautnah Regieanweisungen zu geben.

Wirken am Rand der Gesellschaft im Zentrum

Der 1961 in Oberammergau geborene Stückl leitet zum vierten Mal die alle zehn Jahre aufgeführten Passionsspiele. Jedesmal überarbeitet er bis kurz vor der Premiere den Text. Denn „die Tradition muss sich fortentwickeln, um am Leben zu bleiben“, wie Pilatus-Darsteller Anton Preisinger erklärt. Traditionell handelt das Spiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu. Stückl will nun dessen Leben, Wirken am Rande der Gesellschaft und der Botschaft der uneingeschränkten Nächstenliebe größere Bühnenpräsenz verleihen. Deshalb werden Szenen Eingang finden, die eigentlich vor dem Einzug in Jerusalem liegen. Etwa Jesus und die Ehebrecherin: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

Überhaupt geizen Stückl und sein Team nicht mit Neuerungen. Die Aufführung beginnt mit dem neu eingeführten Auftritt des Chores. Die Sängerinnen und Sänger stellen in einfacher bäuerlicher Kleidung die Oberammergauer beim Schwur von 1633 dar. Der besagt, alle zehn Jahre die Passion des Herrn aufzuführen, falls die Einwohner fortan von der Pest verschont bleiben. Im Jahr darauf lösten sie erstmals ihr Gelübde ein. Der Wechsel auf volle Zehnerjahre erfolgte 1680. Für die anstehende 42. Ausgabe hat Stefan Hageneier neue Kostüme entworfen, das Bühnenhaus zur hellgrau verputzten Tempelanlage umgestaltet und die „Lebenden Bilder“ neu konzipiert. Bei Letzteren handelt es sich um Rückblenden ins Alte Testament, etwa die Vertreibung aus dem Paradies, bei denen sich die Darsteller für zwei Minuten nicht rühren. Die „Lebenden Bilder“ sind Analogien zu den nachfolgenden Spielszenen aus dem Neuen Testament.

Oberammergauer Passionsspiele 2020: Seelsorger stehen nach Spielende bereit

Ausgedient hat das mit 200 Jahren älteste Requisit der Spiele: der Abendmahlstisch. Am neuen Tisch kommt es zum Streitgespräch zwischen Jesus und Judas. Alle Hauptrollen sind doppelt besetzt. Einer der beiden Judas-Darsteller ist der Muslim Cengiz Görür. Denn bei der Spielberechtigung, die früher nur Katholiken zukam, herrscht inzwischen Toleranz. Ob Christ, „Andersgäubiger“ oder Konfessionsloser: Mitmachen dürfen alle Oberammergauer Kinder und alle Erwachsenen, die seit mindestens 20 Jahren ihren ersten Wohnsitz im Ort haben. An die 2 000 der Spielberechtigten machen diesmal mit. Über die Besetzung der Hauptrollen entscheidet Stückl in Absprache mit dem Gemeinderat. Die Rolle des Nikodemus besetzte er mit dem Muslim Abdullah Karaca, der zugleich zweiter Spielleiter ist. Viola Schenz, die ein empfehlenswertes Buch über die Geschichte der Passionsspiele verfasst hat, befragte Stückl nach „Judas“ Görür und „Nikodemus“ Karaca. Er antwortete: „In erster Linie sind sie Schauspieler. Nur weil die beiden mitspielen, bekommt das Passionsspiel keinen muslimischen Touch. Dafür bin ich viel zu katholisch.“

„Der“ Passion, wie die Einheimischen sie nennen, hat die durch eine lange Nachmittagspause unterbrochene Spieldauer von fünf Stunden. „Wer bereit ist, sich so lange ins Theater zu setzen, um Jesus zuzuhören, muss schon eine gewisse Affinität zur christlichen Religion haben“, sagt Martin Schuster, der wie Görür den Judas spielt. Aber die traditionell enge Bindung der Passionsspiele an die katholische Kirche hat sich gelockert. Die Gemeinde sah davon ab, den Patronatsvertrag mit dem Erzbistum München und Freising zu verlängern. Gleichwohl steht der von Erzbischof Marx berufene Theologe Ludwig Mödl dem Spielleiter Stückl als Berater zur Seite.

Jugendtage gehen den Passionsspielen voraus

Letzten November stellte Stückl den vorläufigen Passionstext in Münchens Erzbischöflichem Palais vor. Auch der vom Erzbischof eingeladene evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm war zugegen. Gemeinsam erteilten sie den Segen für die kommenden Passionsspiele. Dieses neue ökumenische Passions-Miteinander wird sich fortsetzen. Erstmals sind den Spielen Jugendtage vorangestellt. Zu den beiden Aufführungen werden über 8 000 junge Besucher aus aller Welt erwartet. Das Rahmenprogramm, zu dem ein interreligiöses Friedensgebet und ein ökumenischer Gottesdienst gehören, entwickelte Angelika Winterer gemeinsam mit Jugendseelsorgern der katholischen und evangelischen Kirche. Pastoralreferentin Winterer bekleidet ein von Erzbischof Marx neu eingerichtetes Amt: Er berief sie zur Seelsorgerin der Passionsspiele.

Predigtreihe zum Passionsgeschehen

Die Passionsspiele stellen eine besondere Möglichkeit christlicher Verkündigung dar. Daher hat Winterer zusammen mit dem evangelischen Ortspfarrer Peter Sachi und vielen Helfern auch für die den Jugendtagen folgenden mehr als 100 Aufführungen ein kirchliches Begleitprogramm erarbeitet. Es umfasst sowohl ökumenische als auch je eigene katholische und evangelische Angebote. Die Spiele werden am 16. Mai mit einem ökumenischen Gottesdienst eröffnet. Vor den Aufführungen, zu denen insgesamt 500 000 Besucher erwartet werden, bieten Vertreter beider Kirchen gemeinsam eine Einführung ins Passionsgeschehen an. Seelsorger beider Konfessionen stehen in der Pause und nach Spielende für Gespräche bereit. Eine besondere Rolle spielt die katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul. Von April bis September predigt Winterer an einigen Wochenenden über die „Sieben Worte Jesu am Kreuz“. Ansonsten steht sonntags um zehn Uhr Pfarrer Thomas Gröners Passionsamt mit Kirchenchor und Orchester auf dem Programm. Anschließend und jeden Donnerstag ist das Taufbecken Treffpunkt für eine spirituelle Kirchenführung. Sie steht unter dem Motto: „Widerspiegelung des Passionsspiels in der Kirche“, wie Gerhard Schöber erklärt. Auf der Führung würdigt er insbesondere den Kreuzaltar. Vor seinem Christus-Korpus sollen die Oberammergauer 1633 das Passions-Gelübde abgelegt haben. Zur Andacht vor dem Kreuz lässt Schöber Musik aus dem Passionsspiel ablaufen.

Die vom musikalischen Leiter Markus Zwink bearbeitete und um neue Stücke bereicherte Passionsmusik 2020 basiert auf den Kompositionen von Rochus Dedler (1779–1822). Er hat ebenso wie Pfarrer Joseph Alois Daisenberger (1799–1883) ein Ehrengrab auf dem Pfarrhof, der bis 1820 Aufführungsstätte der Passionsspiele war. Daisenbergers Passionstext ist bis heute die Grundlage der Spiele, freilich in der Bearbeitung Stückls, der auf die über die Evangelientexte hinausgehende historische Richtigkeit der dargestellten Ereignisse bedacht ist. Aber Befürchtungen, dass er das fromme Spiel zur Geschichtslektion umdeutet, beschwichtigt Schöber: „Wer den Stückl kennt, der weiß, dass ihm der Glaube sehr wichtig ist.“

Jugendtage: 7. bis 10.5.
Informationen: www.jugendtage-passionsspiele.de.

Passionsspiele: 16.5. bis 4.10.
Informationen: www.passionsspiele-oberammergau.de.

Informationen zum kirchlichen Begleitprogramm:
www.pfarrverband-oberammergau.de und www.oberammergau-evangelisch.de.

Lesetipp:
Viola Schenz: Die Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele.
Volk Verlag, EUR 29,90

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