Passion

„Kommt zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!“

Spielleiter Christian Stückl bereitet die Oberammergauer für die 42. Passionsspiele vor. Am 14. Mai geht es mit der Premiere los - so Gott will.
Spielleiter Christian Stückl bei den Proben zum Einzug Jesu in Jerusalem.
Foto: Veit-Mario Thiede | Spielleiter Christian Stückl bei den Proben zum Einzug Jesu in Jerusalem.

Nach zweijähriger Unterbrechung probt Passionsspielleiter Christian Stückl wieder mit mehreren Hundert Kindern und Erwachsenen den Einzug Jesu in Jerusalem. Damals stand er auf einem Tisch, um die Massen zu dirigieren. Heute aber ist er auf der großen Freilichtbühne rastlos unterwegs. Er spielt vor und spricht mit, feuert an mit Leidenschaft. Damals verhinderte die Corona-Pandemie die 42. Spielzeit der seit 1634 aufgeführten Passionsspiele. Nun aber sind alle Beteiligten zuversichtlich, dass „der“ Passion, wie der Oberammergauer sagt, über die Bühne gehen wird. Eröffnet werden die Spiele am 14. Mai von Erzbischof Reinhard Kardinal Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm mit einem ökumenischen Gottesdienst im Passionstheater. Bis 2. Oktober sind 103 Aufführungen vorgesehen, zu denen 450 000 Besucher aus aller Welt erwartet werden.

Hat die Corona-Pandemie Einfluss auf Stückls Aufführungskonzept? Er antwortet: „Jesus wird durch Corona doch kein anderer.“ Stückl leitet die alle zehn Jahre aufgeführten Passionsspiele zum vierten Mal. Er will Jesus im Vergleich zu den vorangegangenen Spielzeiten „weniger aufs Theologische als viel mehr aufs Soziale und Ethische bringen“. Jesus tritt in einem von Rom beherrschten Israel auf, in dem Unterdrückung und Ausbeutung herrschen. Pressesprecherin Franziska Seher erläutert: „In dieser Welt spricht Jesus von einem uneingeschränkten Gebot der Nächstenliebe, das alle umfasst, den Sklaven gleichermaßen wie den Unterdrücker.“ Jesus fordert dazu auf, Hass und Gegenhass, Gewalt und Gegengewalt aufzugeben. Seine ersten Worte auf der Bühne lauten: „Kommt zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Kommt, die ihr geschwächt seid von der Last des Unglücks und des Kummers!“

„Was er da mit etwa der Hälfte der 5 000 Oberammergauer zur Aufführung bringt,
ist alles andere als ein Laienschauspiel.
Denn ‚wir sind alle mit dem Passionsspiel aufgewachsen‘, wie Stückl sagt“

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Der in Oberammergau geborene Stückl ist Theaterprofi. Der Intendant des Münchner Volkstheaters hat als Gastregisseur Theater- und Operninszenierungen an der Staatsoper Hamburg, am Wiener Burgtheater, im Schauspielhaus Zürich und vielen anderen renommierten Spielstätten geleitet. Regie führte er auch bei der Eröffnungsfeier der Fußball-WM 2006 in München. Und was er da mit etwa der Hälfte der 5 000 Oberammergauer zur Aufführung bringt, ist alles andere als ein Laienschauspiel. Denn „wir sind alle mit dem Passionsspiel aufgewachsen“, wie Stückl sagt. Spielberechtigt sind alle in Oberammergau wohnenden Kinder sowie alle Erwachsenen, die im Ort geboren sind oder in ihm seit mindestens zwanzig Jahren leben. Als Teilnehmer gelten neben den Schauspielern, Sängern und Musikern ebenso die Oberammergauer, die etwa als Näherin, Platzanweiser oder auf andere Weise vor oder hinter der Bühne ihren Dienst tun.

Bühnenauftritte haben diesmal etwa 500 Kinder und 1 500 Erwachsene, unter denen eine Dame mit 97 Jahren den Altersrekord aufstellt. Um die am besten geeigneten Leute für die zwanzig doppelt besetzten Hauptrollen zu finden, unterzieht Stückl seine Mitbürger einem „Dauercasting“. Ob da einer – wie es früher obligatorisch war – katholisch ist, spielt dabei keine Rolle mehr. Unter den genannten Voraussetzungen sind alle Gemeindemitglieder spielberechtigt, ob christlichen, muslimischen, sonstigen oder keines Glaubens. Und deshalb spielt der Muslim Cengiz Görür den „Judas“, weil Stückl ihn als guten Schauspieler schätzt. Eines aber bedauert der Spielleiter: „Was schade ist: Wir haben keinen Juden.“

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Stückl will interreligiösen Austausch fördern

Erstmals gehen den eigentlichen Passionsspielen Jugendtage voraus. Am 7. und 8. Mai steht je ein Probespiel auf dem Programm. Für die gibt es 8 000 Eintrittskarten, die preisgünstig an Jugendliche und junge Erwachsenen im Alter von 16 bis 28 Jahren abgegebene werden. Franziska Seher führt aus: „Spielleiter Christian Stückl will sich mit diesem Projekt bewusst an alle Konfessionen und Nationalitäten richten und so den interkulturellen und interreligiösen Austausch fördern.

„Der“ Passion hat die durch eine dreistündige Pause unterbrochene Spieldauer von fünf Stunden. Farbenfrohe „Lebende Bilder“, die im Alten Testament geschilderte Ereignisse mithilfe von Kulissen und für einige Minuten bewegungslos bleibende Darsteller vorführen, wechseln mit szenischen Vorstellungen aus den letzten Erdentagen Jesu, die wegen der Kostüme der Schauspieler in gedämpften blaugrauen, braunen und beigen Tönen daherkommen. Auf das „lebende Bild“ der „Vertreibung aus dem Paradies“ etwa folgt „Jesu Einzug in Jerusalem“. Stückl lässt ihn von zahlreichen Salven des Freudenrufes „Hosianna!“ begleiten, den Judas oder Petrus anstimmen und das Volk wie Donnerhall erwidert. Damit alle Besucher im Bilde sind, führen vor Spielbeginn Mitwirkende in das mit der Auferstehung endende Geschehen ein.

Katholische Kirche und Protestanten haben ein Begleitprogramm vorbereitet

 

 

Das von der evangelischen und der katholischen Kirche erarbeitete Begleitprogramm der Passionsspiele steht unter dem Motto „Leidenschaft Leben“. Im „Kleinen Theater“ kann man den ökumenischen Einführungen ins Passionsspiel beiwohnen. Der evangelische Pfarrer Peter Sachi weiß: „Die Passionsspiele stellen eine besondere Möglichkeit christlicher Verkündigung dar.“ In den Spielpausen steht ganz in der Nähe des Passionstheaters der evangelische Gemeinderaum als Ort der Besinnung und des Gesprächs offen. In der katholischen Kirche St. Peter und Paul wiederum veranstaltet die vom Erzbistum München und Freising zur Seelsorgerin der Oberammergauer Passionsspiele berufene Angelika Winterer eine Predigtreihe, die Leitworte des Passionsgeschehens aufgreift.

In der katholischen Pfarrkirche begegnet man überdies den ältesten Zeugnissen der Oberammergauer Passionsspiele. Den Mittelpunkt des Kreuzaltars bildet der Christus-Korpus, vor dem die Gemeindevorsteher 1633 das Passions-Gelübde ablegten. Mit ihm versprach die Gemeinde, alle zehn Jahre das Spiel von Leiden, Sterben und Auferstehung des Herrn aufzuführen, falls die Einwohner fortan von der Pest verschont bleiben. Das geschah – und so fanden 1634 die ersten Spiele statt. Der Wechsel auf volle Zehnerjahre erfolgte 1680. Angelika Winterer und Pfarrer Thomas Gröner bezeichnen das historische Sterbebuch, in dem Oberammergau für die Jahre 1632 und 1633 die ungewöhnlich hohe Zahl von 84 Toten zu beklagen hatte, als „Gründungsurkunde der Passionsspiele“. Während der Spielzeit ist es neben dem Kreuzaltar ausgestellt.

Die Verbindung zu Oberammergau wird dauerhaft

Bis 1820 fanden die Passionsspiele auf dem Friedhof neben der Kirche statt. Ältestes Requisit aus dieser Zeit ist der Abendmahlstisch. Er wird inzwischen im Oberammergau Museum aufbewahrt, wo ab 24. April eine Begleitausstellung zu den Passionsspielen läuft: „(Im)Materiell – Stoff, Körper, Passion.“ Große Teile der Fassade des Museum sind bereits mit Platten verkleidet, auf die Volksgewänder der Passionsspiele 2000 und 2010 kaschiert sind. Sie machen neugierig auf das für die Sonderschau umgestaltete Innenleben des kulturhistorischen Museums, das zu den schönsten Bayerns gehört. Jeder Besucher der Begleitausstellung bekommt zum Abschied ein kleines Stück Stoff der alten Volksgewänder mit aufgestempeltem Palmzweig – und erhält so eine dauerhafte Verbindung zu den Oberammergauer Passionsspielen.


Jugendtage: 7.–8.5. Informationen: www.jugendtage-passionsspiele.de.
Passionsspiele: 14.5.–2.10. Informationen: www.passionsspiele-oberammergau.de.
Informationen zum kirchlichen Begleitprogramm: www.pfarrverband-oberammergau.de und
www.oberammergau-evangelisch.de.
Sonderschau im Oberammergau Museum: 23.4.-1.11., www.oberammergaumuseum.de

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