Seattle

USA: Amazon „cancelt“ Transgenderkritik

Der amerikanische Amazon-Konzern hat das das transgenderkritische Buch „When Harry became Sally“ aus dem Programm genommen. Der katholische Publizist Rod Dreher sieht darin Zensur und warnt vor den damit einhergehenden Gefahren.

Amazon-Logistikzentrum
Vor einigen Monaten hatte ein Zusammenschluss US-amerikanischer Verleger, Buchhändler und Autoren an den US-Kongress geschrieben, um ihn zur Einleitung eines Kartellverfahrens zu bitten, um Amazons totale Vorherrschaft in der Buchindustrie zu bekämpfen. Foto: Ronny Hartmann (dpa-Zentralbild)

Der US-Konzern Amazon hat das transgenderkritische Buch „When Harry became Sally“ in den USA aus dem Programm genommen. Auch der deutsche Ableger des Versandhändlers führt das Buch nicht mehr. Wie Rod Dreher in "The American Conservative" berichtet, sei das „Canceln“ von transgenderkritischer Literatur eine „alarmierende Nachricht“.

Dreher: Das Buch ist hervorragend

„When Harry Became Sally – Responding to the Transgender Moment“ des Politikphilosophen und Absolventen der katholischen University of Notre Dame in Indiana, Ryan T. Anderson, widmet sich etwa der Frage, ob die moderne Medizin tatsächlich eine „Geschlechtsumwandlung“ durchführen oder ob ein Junge in einem weiblichen Körper „gefangen“ sein könne. 

Rod Dreher las das Buch 2018 kurz nach dessen Erscheinung. „Es ist hervorragend“, schreibt er. Anderson sei ein Kritiker der Genderideologie, sein Text sei „wohlbegründet und gestützt von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wenn Sie ihm nicht zustimmen - in Ordnung –, doch Sie sollten ihm die Chance geben, seine Argumentation darzulegen. In einer freien Gesellschaft tun wir das“. Amazon sei natürlich ein privates Unternehmen, und in einer freien Gesellschaft bedeute dies, das Recht zu haben, das zu verkaufen, was man möchte: „Aber beachten Sie bitte, dass Amazon ein transgenderbefürwortendes Buch mit dem Titel „Let Harry Become Sally“ verkauft.

Darüber hinaus verkauft Amazon derzeit Hitlers ‚Mein Kampf‘“. Rod Dreher kritisiert: „Jeff Bezos verkauft Ihnen Hitlers Autobiografie, weil er den Lesern zurecht vertraut, dieses bösartige Buch zu verstehen. Aber er verkauft Ihnen nicht ein Buch des Präsidenten einer bedeutenden amerikanischen Denkfabrik [Ethics and Public Policy Center], der seine Kritik an der Genderideologie begründet – warum?“

Amazons Vorherrschaft auf dem Buchmarkt bekämpfen

Vor einigen Monaten hatte ein Zusammenschluss US-amerikanischer Verleger, Buchhändler und Autoren an den US-Kongress geschrieben, um ihn zur Einleitung eines Kartellverfahrens zu bitten, um Amazons totale Vorherrschaft in der Buchindustrie zu bekämpfen. In ihrem Brief hieß es beispielsweise, dass Amazons Marktanteil am Buchvertrieb „den Punkt erreicht hat, an dem es sich kein Verleger leisten könne, auf seinem Onlineshop zu fehlen“. Ein Jahr zuvor habe die New York Times berichtet, dass Amazon 50 Prozent des gesamten Vertriebs kontrolliere, wobei die tatsächlichen Zahlen bei manchen Zulieferern sehr viel höher sein und bei etwa 70 oder 80 Prozent der Verkäufe liegen könnten. Die aktuelle COVID-19-Krise habe das Problem noch weiter verschärft, meint Dreher. 

Amazon könne jedoch nicht behaupten, dass es das Buch von Anderson nicht verkaufen könne, weil es keine Nachfrage gäbe. Bei seiner Erstveröffentlichung gelangte „When Harry Became Sally“ auf die Bestsellerlisten. Das Löschen des Buches sei vielmehr eine „unverhüllt politische Entscheidung“ des online-Versandhändlers, der mehr Angst davor habe, dass Amerikaner Ryan T. Andersons Buch über Gender-Ideologie lesen, als dass er befürchte, dass Amerikaner Hitlers „Mein Kampf“ lesen, so Dreher weiter.

Werden es genderkritische Titel schwerer haben?

Diese Entscheidung bedeute: „Angesichts der Macht von Amazon wird kein Verleger künftig Titel veröffentlichen, die sich kritisch mit der Genderideologie befassen, wenn damit riskiert würde, dass diese Titel von Amazon von der Liste gestrichen werden. Noch kann man Abigail Shriers Bestseller ‚Irreversible Damage: The Transgender Craze Seducing Our Daughters‘ bei Amazon kaufen – aber beeilen Sie sich, weil es vermutlich nur eine Frage der Zeit ist, bevor Bezos es cancelt“. Auch als Transperson, die mit der Strategie von Amazon völlig einverstanden ist, solle man darüber gründlich nachdenken: „Ein Unternehmen mit der Machtfülle, Bücher über bestimmte Themen am Erscheinen zu hindern – einfach aufgrund seiner Macht im Verkaufsbereich – werde nicht immer Entscheidungen treffen, mit denen man einverstanden ist. Es ist Zeit dafür, dass der Kongress Kartellgesetze im Fall von Amazon ernst nimmt“. 

Dreher erinnert an einen Tweet des amerikanischen Schriftstellers Walter Kirn, der kürzlich schrieb, dass jetzt die Zeit gekommen sei, Druckexemplare von Büchern zu kaufen, die „problematisch“ sein könnten – also Bücher, die progressive Zensoren aus dem Kulturgedächtnis streichen lassen wollen. „Er hat recht“, kommentiert Dreher, „erstellen Sie eine Liste von Büchern – von Klassikern oder was auch immer –, die durch die Woke gefährdet sein könnten, und beginnen Sie jetzt damit, Druckexemplare zu kaufen – für Sie selbst, für Ihre Kinder, für die Zukunft. Bevor Sie sich‘s versehen, werden sie kostbar sein“.  DT/ks

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