Würzburg

Die Gottesmutter ist nicht auf den Mund gefallen

Es ist klar, wer in der Heiligen Familie das Sagen hat. Rudolf Borchardt hat ein Krippenspiel verfasst.

Krippe mit Heiliger Familie
Im "Krippenspiel" wählt Rudolf Borchardt eine Sprache, die von Herzen kommt. Krippe mit Heiliger Familie. Foto: IN

Rudolf Borchardt (1877–1945) poeta doctus, Dichter Mythoman und Erotoman, einmal ganz anders: Nicht als Seher um Worte ringend, nicht gegen den Traditionsbruch der modernen Gesellschaft kämpfend, sondern volkstümlich und innig. Sein „Krippenspiel“ von 1920 ist ein Gelegenheitswerk, Frucht einer einzigen schöpferischen Nacht, und stellt doch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Weihnachts-Geschehen dar.

Die Bescherung am Heiligen Abend war auch eine geistige

Herausgeberin Gunilla Eschenbach schildert in ihrem erhellenden Nachwort, wie der gebürtige Königsberger aus jüdischer und preußisch empfindender Familie frisch nach der Hochzeit mit seiner zweiten Frau Marie Louise auf Schloss Neubeuern im bayerischen Inntal bei Gräfin Ottonie von Degenfeld-Schonburg eintraf. Die Kunstmäzenin hatte sie schon alle zu Gast – Rudolf Alexander Schröder, Hugo von Hofmannsthal, Harry Graf Kessler, Carl Burckhardt, Arnold Böcklin e tutti quanti – doch nun war es kurz vor Weihnachten und die Gräfin wünschte sich von Borchardt ein Krippenspiel; denn nach dem Brauch sollten nicht nur die eigenen Kinder, sondern auch das Personal am Heiligen Abend zu einer großen Feier zusammenkommen und dabei nicht nur materiell, sondern auch geistig beschert werden. Die selbstbewusste Gräfin tat dem Gast die Bitte in der ihr eigenen Art kund: „Rudi, ohne das Krippenspiel kommt Du mir nicht mehr aus!“

Seine zweite Frau, Nichte des Dichters Rudolf Alexander Schröder, hatte Borchardt wenige Tage zuvor nicht kirchlich, nur auf dem Standesamt geheiratet. Seine Frau hielt von der Institution Ehe generell wenig und ahnte wohl auch schon, worauf sie sich in der Verbindung mit dem sich narzisstisch inszenierenden Borchardt eingelassen hatte. Von einem ausgeprägten Glauben konnte man bei diesem evangelisch Getauften, der kurz Theologie studiert hatte, ohnehin nicht sprechen. Umso bemerkenswerter, was ihm in dem nur wenige Seiten umfassenden Werkchen gelungen ist: Ein schlichter volkstümelnder Ton verbindet sich mit einer ungewöhnlichen Sicht auf die dramatis personae. Maria ist die eigentlich Tonangebende, sie ist wahrlich nicht stumm, sondern spricht am meisten von allen Figuren, Josef ist demütig, aber auch ein Zauderer, der einige Zeit braucht, um zu realisieren, dass er doch eine Rolle spielt in dieser ungewöhnlichen Familie, die Könige, die sich einer nach dem anderen bei der Krippe einfinden sind, sind, sagen wir, eigenwillig. Innerfamiliär ist klar, wer das Sagen hat: „Pst, Mann, und lass das Kindlein schlafen, Eben hast du es aufgestört, Es macht Fäustlein, als hätt's gehört.“ Josef – wie gesagt, er braucht etwas länger – verwundert sich über die Hirten, die hinzutreten und gleich vor der Krippe auf die Knie fallen: „Josef: Was kniest du? Hirt (ruhig); Weiß nicht, ob ihr's wisst, Ich knie vor mein'm Herrn Jesu Krist“.

Die Hirten, sie erscheinen im Stück noch vor den Königen, sind überhaupt die, die mehr als die irdischen Eltern Jesu um dessen Bestimmung wissen. Der dritte Hirt bindet als Geschenk für den Knaben zwei Stecken zu einem Kreuz zusammen: „Wie's auch ein Meister tut verwenden, Mit Kreuz um Kreuz muss alles enden; Rund ist der Reifen und die Welt. Hier ist das Kreuz, das beid' erhält, Gott gebe, dass Dir's wohlgefällt, Und wenn die Nägel dazu kommen, Gott weiß allein, wozu sie frommen.“

Borchardt verzichtet gänzlich auf hohepriesterliche Attitüde

Der dritte König Balthasar dagegen – er kommt zu spät und begehrt unwirsch Einlass zum Krippen-Stall – mag nicht recht glauben, dass der Stern ihn wirklich an diesen bescheidenen Ort geführt hat: „Muss mich an Sternen han versehen, Dass mich deuchte, er bliebe stehen, Über so gemeinem Haus.“ Die Verehrung der anderen sieht er, aber versteht sie (noch) nicht: „Wie käm' ein König, so wie ich, Mit einer Kron auf seinem Kopf, Dazu, in einem schlechten Schopf, Unter Eseln und bei Rinden, Seinen Stärkern aufzufinden, He, gebt Bescheid, wenn ihr es wisst, Ob hier geborn'n ein König ist.“

Borchardt, der über frühe griechische Lyrik promovieren wollte und anfänglich dem George-Kreis nahestand, verzichtet gänzlich auf hohepriesterliche Attitüde und findet einen Ton, der von Herzen kommt und zum Herzen spricht. So kennt man ihn nicht, und so ist die Lektüre dieses kaum bekannten Werkes ein Gewinn und ein Genuss. Den Gedanken, die Krippe mit dem Kreuz zu verbinden, hat Borchardt offenbar aus der ihm bekannten Passions-Frömmigkeit der Renaissance und Barockzeit geschöpft.

Auch das freie Reimen, an dem er sich hier versucht, hat er von diesen Vorlagen abgeschaut. Die Idee wiederum, die Figuren nicht nur einfach ihre Texte aufsagen, sondern sie etwas auf der Bühne „tun“ zu lassen, war damals ganz modern, wie Herausgeberin Gunilla Eschenbach weiß: „Mit seiner Tendenz, das äußere Bühnengeschehen in den Text hineinzuholen und symbolisch und sprachlich zu verdichten, rückt das Krippenspiel in die Nähe zum Dramentypus des lyrischen Einakters um 1900. Damit steht es auch im größeren zeitgenössischen Kontext zum Beispiel von Hofmannsthals geistlichen Spielen ,Jedermann‘ (1920) und ,Großes Welttheater‘ (1922).“

Auch wenn man annehmen muss, dass Rudolf Borchardts weltanschaulicher Standort durch den Frömmigkeit anzeigenden Text in seinem kleinen Spiel – das noch in den 1960er Jahren in der Schlosskapelle von Neubeuern aufgeführt wurde, nach Theater-Aufführungen 1922 in Kiel und 1923 in Darmstadt – nicht korrekt beschrieben ist, kann der Leser von heute sich doch daran freuen, dass dieser sprachschöpferische Zeitdeuter der Neuromantik, der als Übersetzer weiter europäischen Rang genießt, in diesem sich dem Zufall verdankendem Werk den richtigen Ton getroffen hat. Etwas wird ihm doch aufgegangen sein vom Zauber der Weihnacht, wie Maria ihn erahnt, wenn sie ausruft: „Mein Kindlein schien mir wunderbar, Ehe ihr es mir bezeugt jetztunder, Und euch allein scheint es Wunder. Mein Kindlein ist das Reinest, Und ist das Ungemeinest, Die Welt muss sich vor ihm erneun', Und kein Gefährlich's kann ihm dräue'n. Will es ein Ding gefährden, Ein Engel wird ihm werden!“

Rudolf Borchardt: Krippenspiel. Her-ausgegeben und mit einem Nachwort von Gunilla Eschenbach. Claudius Verlag, München, 2019, 61 Seiten, ISBN 978-3-532-62837-9, EUR 10,–