Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Besser predigen

Alberto Gil: Authentisch und kreativ predigen

Gute Glaubenskommunikation bedingt Verkündigung: Der katholische Sprachwissenschaftler erklärt, wie man den Predigt- und Vortragsstil verbessern kann.
Erfüllt vom Heiligen Geist verkünden die Apostel das Evangelium so, dass es ihre Hörer trifft.
Foto: Stich von Gustave Doré, Flickr Commons | Erfüllt vom Heiligen Geist verkünden die Apostel das Evangelium so, dass es ihre Hörer trifft.

Ich gehe nicht mehr in die Kirche … Die Predigt bringt mir ja gar nichts.“ Ähnliches kann man auch in Bezug auf Katechese, geistliche Impulse, Betrachtungen und so weiter hören. Man würde es sich bestimmt zu einfach machen, wenn man behauptet, die dramatisch zurückgehende Teilnehmerzahl bei religiösen Veranstaltungen und Bildungsangeboten sei allein auf die schlechte Vortragsweise zurückzuführen. Eine gute Glaubenskommunikation ist jedoch entscheidend für die wirksame Verkündigung vom Gottes Wort und von der Lehre der Kirche. Das Thema ist so wichtig, dass Papst Franziskus am 10. Mai 2021 dem Dienst des Katecheten ein eigenes Apostolisches Schreiben (Antiquum Ministerium) gewidmet hat. Dort plädiert er für eine Verbindung von Treue zum Glaubensschatz und Kreativität. So können die Glaubensinhalte jederzeit in der Sprache der jeweiligen Kulturen unverfälscht, verständlich und anziehend vermittelt werden.

Lesen Sie auch:

Dieses Anliegen des Heiligen Vaters ist sehr aktuell, denn nicht wenige sind heute der Meinung, man solle den katholischen Glauben und die Moral auf das reduzieren, was die Leute ertragen können. Nur so sei es möglich, die Menschen zu erreichen. Dieses Problem gehört übrigens seit jeher zur Zunft der Übersetzer, von denen man für unsere Frage etwas lernen kann. In diesem Beruf ist der Ausdruck Les belles infidèles (die schönen Untreuen) sprichwörtlich. Er geht auf ein Bonmot des Philologen Gilles Ménage zurück, der 1654 die Übersetzung eines gewissen Nicolas Perrot d'Ablancourt vom griechischen Satiriker Lukian von Samosata (um 200 gestorben) so beurteilte: „Diese Übersetzung erinnert mich an eine Dame in Tours, in die ich mich verliebt hatte. Sie war wunderschön (belle), aber untreu (infidèle).“ In jeder Übersetzung spielt bekanntlich der Konflikt eine Rolle, verständlich, schön und geläufig in der Zielsprache zu schreiben, ohne dass dies auf Kosten der Treue zum Original geschieht.

Schön und treu

Die Verkündigung ist letztlich eine Übersetzung oder Übertragung der Offenbarung beziehungsweise der Lehre der Kirche in die Verständnisweisen der Empfänger. Aber muss das mit Untreue zum Original einhergehen? Die guten Übersetzer bemühen sich darum, dass ihre Übertragung nicht nur gut lesbar, das heißt „schön“ (belle), sondern auch treu zum Originaltext (fidèle) ist, denn die Übersetzer sind nicht die Originalautoren. Wie können wir erreichen, dass die Übertragungen des Glaubens zu les belles „fidèles“ (den schönen Treuen) wird?

Grundsätzlich kann man festhalten: Will man klar und verständlich reden, ist es zunächst erforderlich, die zu vermittelnde Botschaft selbst gut zu verstehen und auszulegen. Technisch spricht man von Hermeneutik, das heißt von Interpretation. Will man aber darüber hinaus die Empfänger der Botschaft richtig erreichen, dann ist die Interpretation eine kommunikative Auslegung der zu vermittelnden Botschaft. Gemeint ist, dass je präsenter die vorgesehenen Zuhörer dem Redner bei der Vorbereitung seines Vortrags sind, desto aktiver werden die Adressaten in der Rede involviert werden, denn es geht ja um ihre eigenen Bedürfnisse.

Der Vortragende liest und interpretiert die Textgrundlagen seines Vortrags mit der Denkart und Erfahrung seines künftigen Publikums. Der Redner versucht zum Beispiel nicht Fragen zu beantworten, die sich kein Mensch stellt, um einen Satz vom Papst Franziskus zu paraphrasieren. Das erfordert eine große Verantwortung, um nicht die Offenbarung oder die Lehre der Kirche zu verändern, sondern verständlicher und anziehender zu gestalten. Darüber hinaus gilt die Erkenntnis, dass dem Sender seine großartigen Argumente wenig nützen, wenn der Empfänger nichts davon hat, das heißt wenn er darin keinen Nutzeffekt für sein Leben erkennt.  

Hörer braucht eine Provokation

Dieses „Nützliche“ ist vom rein vorteilssuchenden Utilitarismus sauber zu trennen. Das Nützliche ist ein Gut. Die Lateiner sprechen von einem „nützlichen Gut“ (bonum utile). Es reicht von der Lösung materieller Probleme über spirituelle Hilfeleistungen bis hin zum höchsten Nutzen für die Menschheit, nämlich der Erlösung durch Christi Tod. Also: Bei der Vorbereitung eines Themas, das wir anderen vermitteln wollen, ist nicht nur ihre Denkweise, sondern auch der Nutzen, den die Empfänger daraus ziehen können, von Bedeutung. 

Erst auf dieser Basis werden die klassischen Techniken der Rhetorik hilfreich, insbesondere die Frage nach der Fokussierung eines Problems oder Aspektes des Themas, um das sich der ganze Vortrag drehen wird. Viele Predigten oder Vorträge sind langweilig, weil sie zu allgemein oder moralisierend wirken. Der Hörer braucht eine Frage, eine Provokation, an der er sich reibt. Dieser Phase der Reflexion folgt die der Strukturierung, damit die Zuhörer sich nicht im Gebüsch der Argumente verlieren, sondern immer einem verständlichen roten Faden folgen können. Auf einer solchen Basis einer guten Orientierung sind die Techniken der Diskursproduktion erst wirksam, sowohl auf verbaler als auch auf nonverbaler Ebene, die man in der klassischen und modernen Rhetorik lernt. 

Lesen Sie auch:

Ein schönes Beispiel für gelungene Glaubenskommunikation mit jungen Menschen ist der Podcast „10 Minuten mit Jesus“, der mittlerweile in fünf verschiedenen Ländern und Sprachen zugänglich ist. In der deutschen Version teilen sich junge Laien und Priester die Woche, um sich zehn Minuten mit Christus und ihren Zuhörern im Gebet zu unterhalten. Hier wird theologische Auslegung von jungen Menschen für junge Menschen gemacht und das Wort Gottes lebendig, echt und strukturiert verkündigt. Themen, Beispiele und Sprache gehören zum Alltag von uns allen. Tiefe Spiritualität und Treue zur Lehre der Kirche bilden die Grundlage der 10 Minuten mit Jesus. Es lohnt sich, hineinzuhören und Jugendliche dazu einzuladen.

In jeder Kommunikation ist der Empfänger der Botschaft König: In ihm muss etwas passieren, sonst ist die Mitteilung unwirksam. Aber was kann einem Besseres passieren, als die Kraft und Freude von Gottes Wort zu erfahren?


Alberto Gil lehrt Linguistica e Transculturalità an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom. Zuletzt von ihm zum Thema erschienen: Verständlicher und motivierend reden. Zur Wirksamkeit und Nachhaltigkeit des Katechetendienstes. Amazon/Independently published, Bonn 2022, 166 Seiten, EUR 11,22; mit Sergio Tapia Velasco speziell für Prediger: Ars praedicandi, Amazon/Independently published, Köln 2023, 189 Seiten, EUR 13,74.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Alberto Gil Apostolische Schreiben Jesus Christus Katechese Katecheten Papst Franziskus Päpste

Weitere Artikel

Kirche

Über den Teufel wird in Kirchenkreisen nur ungern gesprochen. Doch wo der christliche Glaube schwindet, wächst das Grauen.
13.04.2024, 11 Uhr
Regina Einig