Würzburg

Freiheit durch Vernunft

Was unterscheidet "etwas" und "jemand"? Spaemanns Philosophie der Person gibt Antworten.

Robert Spaemann
Der im vergangenen Jahr verstorbene Philosoph Robert Spaemann definiert das Person-Sein vor allem über die Fähigkeit zur Vernunft und den freien Willen. Foto: dpa

Innerhalb des philosophischen Lebenswerks von Robert Spaemann bildet das große Buch über „Personen“ nicht nur einen systematischen und inhaltlichen Höhepunkt; sondern von ihm aus erschließen sich auch wesentliche Bezugspunkte und Entwicklungslinien seines Denkens, deren Zusammenhang man wesentlich von diesem Ende her von Grund auf verstehen und nachvollziehen kann. Sogar Spaemanns zweites Hauptwerk „Glück und Wohlwollen“ erfährt hier eine erhebliche Vertiefung. Deshalb ist es von großer Bedeutung, dass die in so dichter innerer Verflechtung einander gegenseitig erschließenden „Versuche über den Unterschied zwischen ,etwas‘ und ,jemand‘“ an so früher Stelle der vom Verlag mit der Gesamtausgabe in Angriff genommenen umfassenden editorischen Unternehmung stehen. Denn wie originell und unabhängig von allen gängigen Einordnungen der Grundgedanke Spaemanns sich in seinem gesamten Werk entfaltet hat, wird man so künftig in einer Art illumination rétrospective von ihnen her auf systematisch fruchtbare Weise neu erschließen und eigentlich erst durchdringen können. Vielleicht kommt dem einen oder anderen Nachdenker dabei die Zeile (eines von Spaemann nicht geliebten Meisters) in den Sinn: Es klang so alt und war doch so neu …

Mit Selbstverständlichkeit gehen die Versuche aus von der klassischen Formel des Boethius, wonach die Person als die individuelle Substanz einer rationalen Natur definiert ist. Diese Formel ist die umfassendste begriffliche Grundlage für die auch das gesamte moderne Rechtsdenken und die deontologische Ethik bis heute tragende Erkenntnis im Einsatz, für die Spaemann seine weitaus bedeutendste öffentliche Wirkung erlangt hat, und die in der kleinen von ihm einst anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde in Washington vorgetragenen Abhandlung, die hier als letztes Kapitel den vorhergehenden Versuchen angefügt ist, so schlicht wie geistreich noch einmal bekräftigt wird: Alle Menschen sind Personen, die ihnen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht eignende Würde ist unteilbar und unantastbar. Sofort aber, gerade in den entscheidenden ersten Abschnitten des Buches, widmet sich Spaemann der höchst komplexen, von Paradoxien und dialektischen Widersprüchen und Synthesen gekennzeichneten und abstraktestes philosophisches Argumentieren verlangenden Struktur, in welcher der Inhalt des Personbegriffs mit seinen anthropologischen, geschichtlichen und sprachlichen Bedingungen verknüpft ist. Um die philosophische Terminologie kurz zu streifen: Die umfangmäßige Deckung von Menschsein und Personsein geht einher mit der strikten inhaltsmäßigen Verschiedenheit von beidem. Alle Menschen sind Personen, aber eine Person zu sein bedeutet nicht, Element der Klasse oder auch Individuum der Gattung Mensch zu sein.

Nur der Mensch ist zur Vernünftigkeit fähig

Um ihn das verstehen zu lassen, führt Spaemann den Leser zunächst ganz schlaglichtartig zu den geistesgeschichtlichen Quellen des Begriffs zurück: die persona als die Bezeichnung der Maske im klassischen griechischen Theater, als Grundkategorie im Römischen Recht, als zentrale Figur in der antiken Grammatik und als entscheidendes begriffliches Element der theologischen Durchdringung des Glaubensgeheimnisses der göttlichen Dreifaltigkeit und der zwei Naturen Jesu Christi in den frühen Konzilien.

Was immer man aus diesen Quellen zu entnehmen vermag, es führt einen in völlig andere Regionen als die des angeblichen „Speziesismus“ und der ideologieverdächtigen Selbstauszeichnung der Exemplare der Gattung homo sapiens als Krone der Schöpfung oder Spitze der Evolution. Kunst, Recht, Sprache und Religion: nicht von ungefähr sind es diese dem Menschen und nur ihm eigenen symbolischen Grundstrukturen und Urphänomene, durch welche die Disjunktion zwischen „etwas“ und „jemand“ in die Wirklichkeit Eingang gefunden hat. Person zu sein heißt wesentlich, in sich den Grund zu verkörpern, aus dem das Vernünftige, das sich im Verstehen und Befolgen dieses Grundes vollzieht, seine genuin symbolische Realität gewinnt, seinen „Sitz im Leben“ gewissermaßen, von dem her allein wir als zeitliche und leibliche Wesen des Vernünftigen, das rein als solches unseren Horizont unendlich übersteigt, anteilig werden und es auch als dessen unbedingte Bedingung in unserem praktischen Handeln repräsentiert sein lassen können.

Dieser Grund aber, den zu verkörpern das Wesen der Person ausmacht, ist kein anderer als die menschliche Natur. Kein anderes natürliches Wesen als der Mensch bringt die Vernunft in die Welt, und jedes mit vernunftartigen Funktionen versehene Artefakt ist menschengemacht. Ohne den Menschen gäbe es somit keine Vernünftigkeit in der Welt. Die menschliche Natur aber eignet wiederum jedem von Menschen abstammenden Individuum. Alles Natürliche ist durch die Art bestimmt, der es zugehört, und zwischen den natürlichen Arten gibt es kein „Niemandsland“. Wer keiner anderen als der menschlichen Art angehört, ist ein Mensch und darum Person, in welchem Stadium oder Zustand seiner Entwicklung er sich auch immer befinden mag.

Den Grund der Vernünftigkeit in der Welt zu verkörpern heißt also keineswegs, ihn zu kennen, sich seiner bewusst zu sein oder ihm handelnd zu folgen; es heißt einzig und allein, Mensch zu sein. Person ist, vor wem jedes vernünftig handelnde Wesen sich zu rechtfertigen und zu verantworten hat, um seiner Vernünftigkeit gerecht zu werden. Darum sind es nicht Eigenschaften, Fähigkeiten oder Leistungen, die die Person ausmachen, sondern es ist allein der jedem vernünftig handelnden Wesen abverlangte Respekt vor ihrer Natur. Wohlgemerkt: dem uns als handelnden Wesen durch sie abverlangten und nicht etwa – das zu verkennen wäre mit das schlimmste Missverständnis, das man Spaemanns Position überhaupt entgegenbringen kann – dem ihr tatsächlich erwiesenen Respekt verdankt sich das Sein der Person. Niemand „wird“ je Person, weil andere es ihm zuschreiben. Niemals kann die faktische Anerkennung – die „Kooptation“ – eines Menschen durch die anderen Mitglieder des Personenverbandes sein Personsein begründen, eben so wenig wie die faktische Verweigerung dieses Respekts jemandem jemals sein Sein und seine Würde als Person nehmen kann. Es gehört zur grundlegend paradoxen Konstitution der „vernünftigen Natur“, dass ihre Würde zugleich verletzt werden kann und unantastbar ist. Selbst wer unmenschlich handelt, bleibt Person.

Die christlich geprägte Entdeckung der Person

Damit berühren wir den originellsten und in der bisherigen Rezeption wohl am wenigsten verstandenen Aspekt von Spaemanns Philosophie der Person, den des freien Willens. In einem der erhellendsten Abschnitte des Buches, „Warum wir Personen ,Personen‘ nennen“, zieht Spaemann die strikte Grenze, welche die gesamte antike Metaphysik von der „Entdeckung der Person“, die wesentlich dem Christentum zu verdanken ist, ab- und ausgeschlossen hat. „Die Vernunft ist“, so Spaemann mit Blick auf Platon, „das Organ des Allgemeinen. Wo sie regiert, ist der Mensch frei. Aber warum regiert sie in vielen Menschen nicht? Sie ist doch zum Regieren da … Jeder Mensch will das für ihn Gute … Wenn er dies nicht will, dann nur, weil er es nicht kennt. Warum kennt er es nicht? Hier beginnt sich die antike Philosophie im Kreise zu drehen.“ Was Platon nicht kennt, ist, was die Christen das „Herz“ nannten, den Ort im Innersten des vernünftigen Wesens, an dem die Entscheidung für das Vernünftige fällt, die nicht selbst noch einmal aus der Vernunft ableitbar ist. Und an späterer Stelle lässt Spaemann keinen Zweifel darüber, dass Platon die „Entdeckung der Person“ nicht aus persönlicher oder kultureller Beschränktheit verwehrt bleiben musste, sondern aufgrund der Wesensvoraussetzungen der antiken Metaphysik als solcher. Die Frage nach der Person ist die Frage nach dem – im doppelten Sinne des Genitivs zu lesenden – Grund des freien Willens: „Die antike Philosophie hat diese Frage nie klar gestellt. Denn das Stellen dieser Frage führt hinter den Begriff der physis als eines ontologisch Ersten zurück.“ Hier zeigt sich in klarster Weise, dass Spaemanns Philosophie der Natur keinerlei Rückkehr „hinter“ die Moderne bezweckt, sondern den Schritt hinaus über die metaphysischen Begrenzungen sowohl des neuzeitlichen Szientismus als auch des – ansonsten zweifellos von Spaemann nachhaltig erneuerten – antiken Teleologiekonzepts.

Spaemanns philosophischer Impetus ist paradox, dialogisch, responsorisch, und weist darin noch über die Grenzen der gesamten abendländischen Metaphysik hinaus. „Wovon ist die Person frei? Sie ist frei von ihrer eigenen Natur. Sie hat diese Natur, sie ist sie nicht. Sie kann sich frei zu ihr verhalten. Aber das kann sie nicht von sich aus, sondern nur durch die Begegnung mit anderen Personen. Erst die Bejahung anderen Selbstseins – als Anerkennung, Gerechtigkeit, Liebe – erlaubt uns jene Selbstdistanz und Selbstaneignung, die für Personen konstitutiv ist, also die ,Freiheit von uns selbst‘.“ So heißt es im systematisch sehr wichtigen Abschnitt „Freiheit“, der ein Schlüssel zum Verständnis dessen, was unter der „individuellen Substanz“ einer rationalen Natur zu verstehen ist, und eine Brücke zu manch entlegenen Stellen in Spaemanns Werk sein könnte, an denen er den Gedanken einer ontologisch einzigartigen, von geistigem Begehren getragenen Beziehung von Naturen und Personen angedeutet hat.

„Personen“ ist ein Buch fürs ganze Leben. Man wird über Jahrzehnte hinweg sich immer wieder neu in ihm verlieren und wiederfinden können. Es zeigt Robert Spaemann auf der Höhe der Bedeutung, die er für die gesamte Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts gehabt hat. Eben deshalb wäre es, so wichtig der schnelle Anstoß zur Rezeption ist, der mit seinem Erscheinen in der Gesamtausgabe gesetzt wird, ein dringendes Desiderat gewesen, das vielleicht noch nacherfüllt werden kann, in einem detaillierten Sachregister die systematischen Bezüge zum restlichen Werk Spaemanns und über dieses hinaus zu verdeutlichen und für die Forschung fruchtbar zu machen.

Robert Spaemann: Personen - Versuche über den Unterschied zwischen „etwas“ und „jemand“.
Klett-Cotta, Stuttgart 2019, 320 Seiten, ISBN 978-360896-222-2, EUR 32,–