Würzburg

Erziehung zur Selbstbehauptung

Caroline Sommerfeld zeigt zehn Schritte, die Kinder auf ein geradliniges Leben in einer verdrehten Welt vorbereiten.

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Erste Schritte in die Welt: Wie kann Erziehung zu charakterlicher und sittlicher Reife heute gelingen? Foto: Adobe Stock

Der Mensch ist als Individuum für ein Leben in der Gemeinschaft geschaffen, doch mit dem Sündenfall ist Sand in das Getriebe dieser Beziehung geraten. Seitdem schwankt er zwischen egoistischer Einsamkeit und der Versuchung, in der Gemeinschaft aufzugehen. Besonders problematisch wird dies, wenn Gemeinschaften ihre natürlichen Maßstäbe verlieren und bizarre Lebensentwürfe zur allgemeinen Norm erheben. Nicht nur bei der Kollegin, die neuerdings dendrophil lebt („Er heißt Tim: Frau verliebt sich in einen Baum und will ihn heiraten“, Focus vom 25.03.2015) und ein Auge auf den Gummibaum in der Bürokantine geworfen hat, ist dann Geschlechtssensibilität angesagt. Wer vor einer gemeinsamen Mahlzeit im erweiterten Bekanntenkreis nicht sein Essen fotografiert, sondern die Hände zum Dankgebet faltet, dem fällt beim Blick in die Runde auf: dies macht man selbstverständlich – nicht. Hier wird es zum Kunststück, weder dem Wunsch nach Zugehörigkeit zum allgemeinen Trend nach- und eigene Überzeugungen aufzugeben oder sein Anderssein derart zu kultivieren und kurzerhand die „Weltflucht“ anzutreten. Dem in seiner Persönlichkeit gereiften Erwachsenen mag dieser Spagat noch gelingen, doch spätestens gegenüber Kindern stellt sich die Frage, wie in einer solchen Umgebungsluft die Erziehung zur sittlichen und charakterlichen Reife gelingen kann.

Die in Wien lebende Erziehungsexpertin und Philosophin Caroline Sommerfeld beantwortet diese Frage in einem Parcour-Ritt durch die reformorientierte, klassische sowie moderne Pädagogik und kommt dabei zu dem Schluss: „Im ,falschen Leben‘ drinstehend müssen wir unsere Kinder Souveränität gegenüber diesem lehren.“

Frei nach der Maßgabe des Heiligen Paulus, alles zu prüfen und das Gute zu behalten, unterzieht sie die pädagogischen Ansätze von Rudolf Steiner bis Peter Petersen einer abwägenden Analyse. Rousseau und Kant sind vor ihrer Suche nach den Bausteinen einer gelingenden Erziehung ebenso wenig sicher wie Spaemann, Aristoteles und Nietzsche. Dabei gräbt sie auch Klassiker der katholischen Erziehungsliteratur wie die „Lebenskunde“ von Friedrich Wilhelm Förster wieder aus und selbst Martin Mosebach wird zum Kronzeugen eines Erziehungskonzepts, das in weiten Teilen der Tugendlehre folgt und damit besonders auch für Katholiken interessant wird. Dass bei dieser Fülle und Zielsetzung gerade die Arbeiten von Viktor Frankl unbeachtet bleiben, enttäuscht ein wenig. Doch den Wert des Buches mindert dies keineswegs. Befürchtet man angesichts der Bandbreite anfänglich ein eklektizistisches Potpourri von Bildungsmodellen, behält die anthroposophisch geprägte Autorin durchgehend den Überblick. So arbeitet Sommerfeld zehn Grundsätze heraus, mit denen Erzieher wie auch Heranwachsende gegen die modernen Versuchungen immunisiert und inmitten einer „verdrehten Welt“ zu reifen Persönlichkeiten werden sollen.

Diese lauten 1. liebevolle und die Freiheit des Kindes achtende Führung, die selbstbewusst, kenntnisreich und situationsgerecht das angemessene Verhalten durchsetzt, 2. hierarchische Distanz als Grundspannung der Erziehung, ohne die ein Streben zum Höheren unmöglich ist, 3. Gemeinschaft, die in einem größeren Ganzen verankert und Hilfsbereitschaft, Durchsetzungsvermögen und Stabilität lehrt, 4. das Wissen um Gott, denn nur mit ihm ist wahres Menschschein möglich, 5. Askese als Eigenschaft der Selbstführung, um Widerstandskraft gegen Versuchungen zu erlangen und innere Freiheit zu gewinnen, 6. das Auf-sich-gestellt-sein als Ruhezone, in der die inneren Kräfte wachsen können, 7. Unverdrehtheit – die richtige Mischung aus Menschenverstand, Lebenserfahrung und erprobten Maßstäben, um vor Manipulationen, Propaganda und Täuschungen gewappnet zu sein, 8. Beheima-tetsein im eigenen Volk und seiner Geschichte, denn erst aus der Verwurzelung entstehen Selbstbewusstsein und damit Individualität und Duldsamkeit, 9. das Bekenntnis zum Anderssein als Pflicht, wenn Verdrehtheit überhand genommen hat und schließlich 10. die Anstrengungsbereitschaft als Bedingung, sich die Welt durch eigenes Tun zu erschließen und durch Arbeit seinen Charakter zu formen. Diese erhält für die Anwendung aller übrigen Grundsätze eine Schlüsselrolle. Denn erst hierdurch erfährt das Kind, dass nicht der anstrengungslose Genuss, sondern nur der herausfordernde Aufbau des Lebens zur sittlichen Reife führt. Und ohne diese Einsicht wird sich niemand der Mühe hingeben, die übrigen Grundsätze verwirklichen zu wollen. Die Multioptionalität der modernen Gesellschaften wird damit zum Entwicklungshindernis: solange sich noch weitere Auswege bieten, bleibt die eigene Anstrengungsbereitschaft in letzter Konsequenz unausgeschöpft. Hier schiebt Sommerfeld einen Riegel vor und sichert ihn mit mehreren Balken.

Um die Selbstverständlichkeiten zumindest im eigenen Leben wieder herzustellen, denn „das meiste ist nicht relativ“, gibt es nur einen Weg: die Bereitschaft, den Dissens mit der breiten Gesellschaft auszuhalten („Anderssein“) und ihn selbstbewusst und ohne Rechtfertigungen zu leben. Hierzu will sie den Leser durch die Vermittlung der zehn Grundsätze befähigen.

Hinter dem preußisch-autoritär klingenden Titel verbirgt sich in Wahrheit ein überraschendes Buch. Hier schreibt eine Katholikin, deren Glaube in unaufdringlicher Form dem Buch sein Fundament gibt, gleichzeitig eine warmherzige Mutter, die ein Loblied auf „gut durchgekuschelte Kinder“ singt und schließlich eine scharfsinnige Wissenschaftlerin, der es gelingt, die weit verzweigten Äste der Pädagogik zu umgreifen und in ein überzeugendes, eigenes Konzept zu bündeln. Mehrfach gibt sich Sommerfeld als Anhängerin von Rod Drehers „Benedikt Option“ zu erkennen. Ihr Buch liest sich, als wolle sie Christen befähigen, die „Benedikt Option“ in Europa mit Leben zu erfüllen.

Caroline Sommerfeld: Wir erziehen. Zehn Grundsätze. Verlag Antaios, Schnellroda 2019, 328 Seiten, ISBN 978-3-944422-78-7, EUR 18,–