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Zum Tod von Wolfgang Schäuble: Denken als Dienst

Wolfgang Schäuble wollte den Staat denken. Sein Bezugspunkt war dabei die „Realität“. Das schützte ihn vor ideologischen Versuchungen.
CDU-Politiker Wolfgang Schäuble
Foto: IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON (www.imago-images.de) | Schäuble, Jahrgang 1942, war ein später Nachzügler der „skeptischen Generation“. Die totalitären Erfahrungen ihrer Jugend immunisierten sie vor den Glücksversprechen der Ideologien von links wie rechts.

Zum Schluss war er schon fast eine Art bundesrepublikanischer Cato. Natürlich hinken historische Vergleiche immer. Aber so wie der Staatsmann der untergehenden römischen Republik für seine Anhänger, aber letztlich sogar für seine Gegner dank seiner Integrität zu einer Verkörperung der Tugenden und damit des Gewissens der Republik wurde, war auch Wolfgang Schäuble in seinen letzten Jahren zu einer parteiübergreifende Instanz geworden.

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Wie zu einem Orakel pilgerten Journalisten und auch Politikerkollegen zu ihm, um Rat zu holen, wenn es um die ganz großen Fragen der politischen Kultur und der Zukunft der Republik ging. Ab und an, zunehmend weniger, meldete er sich öffentlich zu Wort. Immer mit klaren, pointierten Aussagen. Zum Schluss musste er nicht mehr darum kämpfen, gehört zu werden. Ganz im Gegenteil.

Schäuble bewies Gefühl für Maß und Mitte

In dem Krisen-Marathon der vergangenen 15 Jahre – Euro, Flüchtlinge, Corona, nun russischer Angriffskrieg und Israels Kampf gegen den Hamas-Terror – ist das öffentliche Bedürfnis nach solchen Orientierungsworten eines Elder Statesman sprunghaft angewachsen. Trotz dieser Konjunktur erlag Schäuble der Verführung nicht, sein rhetorisches Kapital nun im Wochentakt in die Waagschale zu werfen. Sein Gefühl für Maß und Mitte, also für Stil, bewahrte ihn davor, zur Phrasengießkanne und zum Sonntagsredner vom Dienst zu werden. Wer wird diese Rolle nun auch nur einigermaßen ausfüllen können, die deutsche Sehnsucht nach den Mahnungen eines erfahrenen Staatsmannes ist ungebrochen. Viele Kandidaten gibt es nicht. 

Schäuble war nie Durchschnitt. Da war die Dauer seiner Präsenz im Zentrum der politischen Bühne. Seit 1972 im Bundestag, vielfach Minister, Fraktionsvorsitzender, nur Kanzler nie. Und Schäuble wollte Politik denken. Er hat es genossen, mit seiner Intellektualität zu glänzen, dem kühlen juristischen Blick auf den Sachverhalt gepaart mit der Lust an der Provokation. Das konnte mitunter im Ton scharf, mindestens knorrig klingen. Manchmal ließ sich sogar etwas Verachtung gegenüber dem Durchschnitt des politischen Personals heraushören. „Realität“ – das war das Leitmotiv in seinem Denken. Aus seinem Erfahrungsschatz leitete er ab, zu wissen, worauf es ankomme und worauf nicht. Eben den Erfordernissen der Realität zu entsprechen, das war sein Ceterum Censeo. 

Der zweite Aspekt: Ihm ging es darum, das Gemeinwesen für diese Herausforderungen fit zu machen, auf der Ebene des politischen Managements, aber auch in geistiger Hinsicht. Den Staat zu denken, das bedeutete für ihn auch immer, an Kontinuitätslinien anzuknüpfen, die aus der deutschen Geschichte in die Gegenwart hineinragten. Einfach abschneiden, das war für ihn keine Option. Schäuble empfand diese Denkarbeit als Dienst. Das war nichts, was einfach so leicht von der Hand ging, aber notwendig ist, wozu man sich zwingen muss, wenn einem die res publica am Herzen liegen. Dieses Leistungsethos wurzelte in seinem Protestantismus. 

War Schäuble ein Konservativer?

„Realität“ – das war aber auch ein hilfreicher Orientierungspunkt, an dem die unterschiedlichen Traditionslinien in seiner eigenen politischen Biographie sich kreuzen konnten: Schäubles Herkunft aus einem protestantischen Elternhaus, dann die politische Sozialisation in der Union der Nachkriegszeit, die damals bei allem konservativen Grundrauschen mit Blick auf Europa und die Soziale Marktwirtschaft die innovative politische Kraft war, und schließlich ein gewisser badischer Freisinn, Schäuble bürstete gern gegen den Strich.

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Manche Beobachter nannten Schäuble einen Konservativen. Wenn man darunter versteht, eine ausgesprochene Abneigung gegen Ideologie und Denkverbote zu kultivieren und gleichzeitig mit seiner Herkunft nicht zu hadern, sondern aus ihr Selbstbewusstsein und Kraft zu ziehen, dann stimmt das. Schäubles um die „Realität“ kreisendes Denken war aber für Veränderungen offen. Wenn er schon früh über Koalitionen mit den Grünen nachdachte, dann nicht, weil er deren Programmatik besonders geschätzt hätte, sondern weil er in so einem Bündnis eine reale Machtoption erkannt hatte, die Realisten eben nicht ignorieren dürften. Bloß keine Weltflucht ins Wolkenkuckucksheim – das war die Sorge des Wolfgang Schäuble. 

Schäuble, Jahrgang 1942, war ein später Nachzügler der „skeptischen Generation“. Die totalitären Erfahrungen ihrer Jugend immunisierten sie vor den Glücksversprechen der Ideologien von links wie rechts. Nur ihrer eigenen Skepsis konnten sie nicht mit der nötigen Skepsis gegenübertreten. Dass die „Realität“ eben auch nur eine Konstruktion ist, dieser Frage wird sich nun die Bundesrepublik in der Post-Schäuble-Ära widmen müssen.   

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