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Vorbild Maximilian Krah? Habeck tikt und Scholz tokt

Maximilian Krah ist das Musterbeispiel für die starke Präsenz der AfD in den sozialen Medien. Bei TikTok ziehen nun Olaf Scholz und sein Vizekanzler Robert Habeck nach. Der richtige Weg?
Der neue Account von Bundeskanzler Olaf Scholz auf dem Videokanal TikTok
Foto: IMAGO/Hanno Bode (www.imago-images.de) | Seit Anfang April gibt es Clips von Olaf Scholz bei TikTok. In Kurzvideos, die dort besonders gut laufen, wird meistens getanzt. So weit ist der Kanzler bisher noch nicht gegangen.

Von Krah lernen, heißt siegen lernen. Hallt dieser Motivationsruf durch die Parteizentralen in Berlin? Wenn, dann sicher nur hinter vorgehaltener Hand. Aber ganz offensichtlich hat der AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl mit seinen Aktivitäten bei TikTok die Kommunikationsexperten der Etablierten alarmiert.

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Maximilian Krah hat zwar rund um die Spionageaffäre aktuell andere Probleme. Aber vorher ging er mit mehreren Beiträgen – wie man so sagt in der Szene – viral. Dabei lieferte er keine trockenen Referate aus dem Parteiprogramm, sondern versuchte, die Zielgruppe mit Lebensstil-Themen zu packen. So wandte Krah sich bewusst an junge Männer und rief dazu auf, rechts zu sein – denn letztlich hätten sie dann, so der Tenor, auch mehr Erfolg beim schönen Geschlecht als woke Waschlappen.

Sie wollen ein Selfie mit Björn Höcke

Solche Aktionen stehen aber nur als pars pro toto für die Kommunikationsstrategie der AfD insgesamt. Die Blauen sind, unabhängig von den tatsächlichen Inhalten, Pioniere dieser Form des Polit-Marketings. Und das wirkt, gerade auch auf im Grunde unpolitische Jugendliche. Von einem Landtagsabgeordneten aus Thüringen kann man die Geschichte von einer Schüler-Besuchergruppe hören, die, als sie auf einem der Parlamentsflure Björn Höcke gewahr wird, diesem prompt hinterherstürmt. Das Ziel das Pennäler: Sie wollen ein Selfie mit ihm. Aber weniger, weil sie tatsächlich seine Politik unterstützen würden. Björn Höcke ist für sie eine Art Pop-Ikone, die sie eben auch aus dem Netz kennen.

Und dann gibt es auch noch die aktuelle Untersuchung „Jugend in Deutschland“: Danach könnte die Stimmungslage bei den jungen Menschen ganz anders aussehen als es dem Klischeebild entspricht, nach dem diese Altersgruppen irgendwie links seien und mit „Fridays for Future“ sympathisierten. Bei den Unter-30-Jährigen erreicht die AfD dort 30 Prozent und liegt damit an der Spitze der Parteien.

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Foto: privat / dpa | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Robert Habeck hat die Challenge aufgenommen – um im Szene-Jargon zu bleiben. In der Talkshow von Markus Lanz erläuterte er vor ein paar Tagen, warum er nun auch bei Tiktok aktiv sei. Man dürfe diese öffentliche Bühne nicht allein der AfD überlassen. Als Politiker müsse man eben dahin, wo auch die jungen Leute sind. Interessant ist dabei: Habeck hatte sich vor ein paar Jahren mit großem öffentlichen Tamtam von Twitter zurückgezogen, weil die Art und Weise, wie dort kommuniziert werde, nicht ihm entspreche.

Noch tanzt Scholz nicht bei TikTok

Ist das bei TikTok nun anders? In den USA wird die chinesische App als nationales Sicherheitsrisiko eingestuft. Der US-Kongress hat beschlossen, dass die US-Sparte von TikTok verkauft werden müsse, ansonsten werde die App verboten. In der EU gibt es auch neue Sicherheitsregeln. Habecks Staatssekretärin Franziska Brantner hat sie mit ausgehandelt. Im Interview mit dem Portal „t-online“ erklärte sie dazu: „TikTok ist eine Realität, der wir uns stellen müssen. Es ist eine riesige Plattform, die allein in Deutschland 20 Millionen Nutzer hat. Solange diese Plattform in ihrer jetzigen Form erlaubt ist – und das ist eine berechtigte Debatte –, lautet die Frage: Überlassen wir diesen Raum der AfD und den Demokratiezerstörern? Ich habe mich dazu entschlossen, das nicht zu tun. Aber Vorsicht ist natürlich geboten: Ich nutze TikTok nur auf einem Extra-Handy, auf dem sonst keine beruflichen oder privaten Daten sind.“ Und auch Habeck selbst sieht zwar die Sicherheitsbedenken, will aber diese öffentliche Bühne, die die App bei dem jungen Zielpublikum hat, auch nicht kampflos aufgeben. 

Habecks Chef ist auch mit dabei: Seit Anfang April gibt es Clips von Olaf Scholz bei TikTok. In Kurzvideos, die dort besonders gut laufen, wird meistens getanzt. So weit ist der Kanzler bisher noch nicht gegangen. Aber er lud Younes Zarou zu sich ins Kanzleramt ein. Der 26 Jahre alte Mann hat eine Riesenreichweite bei der App. Seinem internationalen Profil folgen an die 55 Millionen Menschen, in Deutschland sind es etwa sechs Millionen.

Solche Zahlen können Habeck und auch Scholz noch lange nicht vorweisen. Bleibt die Frage: Wer tanzt hier nach wessen Pfeife? Oder anders: Wer bestimmt eigentlich, was Öffentlichkeit ist? Indem der Kanzler und sein Vize hier präsent sind, suchen sie zwar den Kontakt zur Masse der Menschen, aber gleichzeitig beugen sie sich auch den Gesetzen, die für diesen Kommunikationskanal gelten. Aber ganz offensichtlich gilt für die Zwei die Devise: Die Bühne ist da. Also müssen wir dort auch auftreten. Wer die Bühne gezimmert hat, ist dann erst einmal egal.

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