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Vivek Ramaswamy: Ein Hindu als US-Präsident?

Vivek Ramaswamy drängt sich im republikanischen Präsidentschaftsrennen immer mehr in den Vordergrund. Wer ist der Mann? Und wie stehen seine Chancen? Ein Porträt.
US-Präsidentschaftsbewerber Vivek Ramaswamy
Foto: IMAGO/Adam Cairns/Columbus Dispatch (www.imago-images.de) | Ramaswamy, politischer Quereinsteiger, Unternehmensgründer und Multimillionär, konnte in den Meinungsumfragen zuletzt zulegen. Aber kann er sich tatsächlich im republikanischen Bewerberfeld behaupten?

Mangelnde Selbstironie kann man ihm nicht unterstellen: „Wer bitteschön ist dieser dürre Typ mit dem komischen Nachnamen?“ So stellte sich Vivek Ramaswamy, republikanischer Präsidentschaftsbewerber, dem Publikum beim ersten TV-Duell mit seinen parteiinternen Konkurrenten vor. Ob der Name des Sohnes indischer Einwanderer komisch ist, sei dahingestellt. Bewusst wahrgenommen hatten ihn viele Amerikaner vor der Debatte Ende August wohl tatsächlich nicht.

Seitdem hat sich einiges geändert. Und der Name Ramaswamy fällt regelmäßig im politischen Diskurs. In den Meinungsumfragen zum Vorwahlkampf der Republikaner liegt der 38-Jährige derzeit bei knapp zehn Prozent. Seine Zustimmungswerte stiegen nach dem TV-Duell deutlich an. Nicht zuletzt dank einiger verbaler Treffer, die er gegen die etablierte Konkurrenz landen konnte. Nicht wenige trauen Ramaswamy, politischer Quereinsteiger, Unternehmensgründer und Multimillionär, zu, Floridas Gouverneur Ron DeSantis den ersten Rang in der Verfolgerliste Trumps streitig zu machen. Und das ist nicht einmal überraschend, wenn man einen näheren Blick auf Ramaswamy wirft.

Trump sei „der beste Präsident im 21. Jahrhundert“ gewesen

Wer ist der Mann? Wofür steht er? Und wie fallen seine Chancen im Rennen der Republikaner aus? Der Reihe nach. Ramaswamy, geboren und aufgewachsen im Bundesstaat Ohio, hat erkannt, dass man innerhalb der republikanischen Partei in ihrem aktuellen Zustand nur erfolgreich sein kann, wenn man nicht allzu sehr auf Distanz zu Trump geht. Und er beherzigt das zur Perfektion, indem er die maximale Nähe zum Ex-Präsidenten sucht. Trump sei „der beste Präsident im 21. Jahrhundert“ gewesen, tönte Ramaswamy mit Entschiedenheit auf der Debattenbühne. Schon mehrmals betonte er: Sollte er ins Weiße Haus einziehen, würde er Trump sofort begnadigen. Und auch inhaltlich bezieht er sich auf den derzeit aussichtsreichsten Kandidaten für das Ticket der Republikaner, etwa indem er Trumps „America-First“-Politik lobt – dabei jedoch ergänzt, dass diese nicht nur von einem Mann verkörpert werden müsse. 

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Ramaswamy aufgrund dessen reines machtpolitisches Kalkül zu unterstellen, wäre falsch: Schon früher fiel er auf mit Positionen, die sich fernab des Mainstreams bewegten. Ginge es darum, Ramaswamys Steckenpferd zu definieren, es wäre sicher seine rigoros ablehnende Haltung gegen eine von ihm ausgemachte „woke Linke“. In dem Video vom Februar, in dem er seine Präsidentschaftskandidatur ankündigte, bezichtigte er das „woke“ Amerika mit seinem Hyperfokus auf ethnischer Herkunft, Gender oder sexueller Orientierung der „psychologischen Sklaverei“. Er verfasste auch ein Buch, das sich dem Einfluss der „Wokeness“ auf die amerikanische Unternehmenslandschaft widmet. Titel: „Woke Inc.“ Damit trifft Ramaswamy in Zeiten der gesellschaftlichen Polarisierung natürlich einen Nerv, besonders im äußersten rechten Lager der Republikaner. So erfuhr er beispielsweise Zuspruch, als er sich 2020, auf dem Höhepunkt der „Black-Lives-Matter“-Proteste, weigerte, sich solidarisch mit den Demonstranten zu zeigen. 

Auch über das Reizthema „Wokeness“ hinaus versucht Ramaswamy, sein Profil mit zugespitzten Thesen zu schärfen. Oft zeugen sie von seinen Sympathien für libertäres Gedankengut: Einmal im Weißen Haus, will er den Staat massiv verschlanken und essenziellen Behörden die Mittel kürzen oder sie gleich ganz abschaffen – etwa das FBI, das Energieministerium (DOE) oder die nationale Steuerbehörde (IRS). Der einzige Krieg, den er führen werde, sei der gegen den „Bürokratie-Staat“. 

Keine Unterstützung für die Ukraine

Was in diesen Worten mitschwingt, und was Ramaswamy auch schon mehrmals ankündigte: Eine umfassende finanzielle und militärische Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland wird es mit ihm im Oval Office nicht geben. Amerikanische Regierungsvertreter, die „nach Kiew pilgern“, als wäre der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ihr Papst? Nicht unter seiner Präsidentschaft. Dagegen könne er sich vorstellen, dass die von Russland besetzte Ostukraine dauerhaft russisches Staatsgebiet wird.

Diese Sicht passt in ein strikt isolationistisches außenpolitisches Konzept, das Trumps „America First“ sogar noch in den Schatten stellen dürfte. Der einzige "Feind" auf der internationalen Bühne: für Ramaswamy das kommunistische China. Das Reich der Mitte gelte es, mit allen verfügbaren Mittel zu bekämpfen. Die eingesparten Ressourcen aus Auslandseinsätzen wiederum verspricht Ramaswamy an der Südgrenze der USA zu Mexiko einzusetzen, um dem Migrationsproblem ein für allemal ein Ende zu setzen. Denn die Einwanderer aus Mexiko und Lateinamerika stellen seiner Ansicht nach die Invasion dar, die die Politik in Washington beschäftigen sollte – nicht Putins Armee in der Ukraine.

Was Ramaswamy im rechten MAGA-Lager darüber hinaus so attraktiv erscheinen lässt, ist seine klare Positionierung in Fragen des Kulturkampfes, die über eine schlichte Ablehnung des Phänomens „woke“ hinausgeht. So vertritt der verheiratete Vater von zwei kleinen Söhnen ein traditionelles Familienbild. Dass es nur zwei Geschlechter gebe, stellt einen seiner Leitsätze dar. Seine Frau lernte Ramaswamy 2011 während des Studiums an der renommierten Yale-Universität kennen. Beide sind gläubige Hindus, auch ihre Kinder erziehen sie im hinduistischen Glauben. 

Für ein Abtreibungsverbot nach sechs Wochen

Auch in der Abtreibungsfrage vertritt der erfolgreiche Unternehmer konservative Positionen. Ein „Recht“ auf Abtreibung lehnt er ab, steht jedoch auch einem bundesweiten Abtreibungsverbot skeptisch gegenüber. Ganz im Einklang mit seiner grundsätzlichen Kritik an einem allzu dominanten Zentralstaat meint er: Die Regierung in Washington sollte sich aus der Frage heraushalten. Dass der Oberste Gerichtshof der USA im vergangenen Jahr die Kompetenz, Abtreibungsgesetze zu erlassen, wieder in die Hände der einzelnen Bundesstaaten gelegt hat, entspricht dagegen ganz seinem Geschmack. Auf bundesstaatlicher Ebene plädiert Ramaswamy für ein Abtreibungsverbot nach der sechsten Schwangerschaftswoche. 

Dass das linksliberale Amerika Ramaswamy für „gefährlich“ hält, ist durchaus nachvollziehbar, steht er dem progressiven Mainstream in nahezu all seinen Ansichten diametral entgegen. Ob er allerdings ein noch größeres Übel als Trump darstellen würde, müsste sich erst zeigen. Fakt ist, dass Ramaswamy neben all den inhaltlichen Schnittmengen zu Trump auch dessen Hang zur Unwahrheit teilt – etwa in Sachen Corona-Pandemie, Klimawandel oder Migration. Das stellte er beispielsweise im republikanischen TV-Duell unter Beweis, als mehrere seiner Aussagen einem Faktencheck nicht standhielten. 

Bei vielen Wählern kommt Ramaswamy damit an. Womöglich auch deshalb, weil er ein großes Talent zur Selbstdarstellung besitzt und sich zu verkaufen weiß. Schon immer galt er als Überflieger, war Jahrgangsbester zu Schulzeiten, fühlte sich stets zu Höherem berufen, wie Weggefährten berichten. Ramaswamy besuchte zwei Eliteuniversitäten, Harvard und Yale, machte dort Abschlüsse in Biologie und Jura. Sein millionenschweres Vermögen häufte er aber in der Wirtschaft an: Mit seinem eigenen Unternehmen, das Patente auf Medikamente kauft, um diese dann auf dem Markt zu etablieren, hatte er bereits im Alter von 35 Jahren über 200 Millionen US-Dollar verdient. 

Politisch ein unbeschriebenes Blatt

Politisch ist Ramaswamy bislang ein völlig unbeschriebenes Blatt. Kann er die republikanische Wählerschaft davon überzeugen, dass er sich auch im Politik-Betrieb ähnlich durchsetzen wird wie in der freien Wirtschaft? Entscheiden sich die Wähler am Ende nicht doch lieber für das Original, Donald Trump? Oder Ron DeSantis, der zumindest politische Erfolge vorzuweisen hat?

Noch lässt sich das nicht abschätzen. Aber Ramaswamy hat einige Argumente auf seiner Seite. Zunächst einmal sein Alter: In einer Zeit, in der die führenden Amtsträger in Washington einen historisch hohen Altersdurchschnitt aufweisen und alle diskutieren, ob Biden und Trump nicht schon viel zu alt für das Präsidentenamt sind, setzt Ramaswamy mit seinen 38 Jahren einen deutlichen Kontrapunkt. Jung, dynamisch, tatkräftig – so inszeniert er sich, so könnte er auch punkten. Dazu kommt, dass er im Wahlkampf auf keinerlei Spenden angewiesen ist: Seine Kampagne finanziert er ausschließlich aus seinem stattlichen Privatvermögen. Anders als die meisten Mitbewerber muss er also kaum fürchten, irgendwann vor leeren Kassen zu stehen. Und nicht zuletzt haftet ihm das Image des Mannes von Außen an, der mit den etablierten, überkommenen Parteistrukturen nichts zu tun hat – und das auch gar nicht will. „Ich bin kein Freund von Parteien – ich nutze die republikanische Partei nur als Mittel, um die America-First-Agenda voranzubringen“, sagt er von sich selbst. 

Momentan muss er hinter der Übermacht Donald Trumps zurückstecken. Doch sollte der Gigant doch noch wanken, steht Vivek Ramaswamy bereit.

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