Kommentar um "5 vor 12"

Spiegel der Gesellschaft

Ist der Rücktritt der Bundesfamilienministerin wirklich ein Beweis für die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf? Nicht wirklich. Es geht um die Verantwortung einer Ministerin.
Anne Spiegel musste die Bundesfamilienministerin ihren Rücktritt erklären.
Foto: Annette Riedl (dpa) | Dass Anne Spiegel zuerst „Mutter und Ehefrau“ gewesen sei und deshalb ihre Verantwortung gegenüber den Flutopfern vernachlässigt habe, ließ die Öffentlichkeit ihr nicht durchgehen.

Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich – und, wie bei Anne Spiegels Pressekonferenz am Montag deutlich wurde – auch jede unglückliche Familienministerin. Sichtlich aufgewühlt schilderte die Ministerin der Presse und den Bürgern, warum sie sich entschieden hatte, zehn Tage nach dem Hochwasser im Ahrtal vier Wochen nach Südfrankreich in den Urlaub zu fahren. Der Grund: die Familie

Die Bürger fühlten sich im Stich gelassen

Der Pandemie-Stress hatte der Familie der ehemaligen Familienministerin offenbar so zugesetzt, dass diese Auszeit ihr nötig erschien: um ihrer Kinder und ihres Mannes willen, der vor einigen Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte und deshalb Stress vermeiden muss. Es dauerte nicht lange, bis die sozialen Medien Spiegels Ämter aufzählten: Seit 2016 in Rheinland-Pfalz Ministerin für Familie, Frauen, Jugend, Integration für Verbraucherschutz; am 01. Januar 2021 rheinländisch-pfälzische Umweltministerin, seit Dezember 2021 war sie schließlich Bundesfamilienministerin. Die Frage, die nach der Pressekonferenz im Raum stand: Warum hatte sich Spiegel diese zusätzlichen Aufgaben aufgebürdet, wenn ihre Familie ohnehin belastet war? 

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Umso weniger versöhnlich war die Stimmung wegen der geleakten Textnachrichten der Ministerin. Die rückten Betroffene in den Hintergrund. Stattdessen ging es um die Außenwirkung. Der Urlaub zementierte den Eindruck, für die Ministerin ging es um ihren Job, um ihr Image, aber nicht um die Betroffenen. Die Bürger fühlten sich im Stich gelassen. 

Im alten Rom hieß die höchste Tugend „pietas“: Das Pflichtgefühl gegen den Vater, den Staat und die Götter. Das patriarchalische Wort lässt sich ganz einfach übersetzen mit „Verantwortung“. Darum geht es, nicht nur bei einem Beruf wie einer Ministerin, sondern auch in der Familie. Spiegels Auftreten bei der Pressekonferenz legt nahe, dass sie, statt ihrem beruflichen Pflichtgefühl, ihr familiäres Verantwortungsbewusstsein herausstellen wollte. Dass sie zuerst „Mutter und Ehefrau“ gewesen sei und deshalb ihre Verantwortung gegenüber den Flutopfern vernachlässigt habe. 

Der Subtext: Ein verzeihlicher Fehler

Das ließ die Öffentlichkeit ihr – zu Recht – nicht durchgehen. Sowohl bei wichtigen Ämtern als auch in der Familie will man Verantwortung sehen: Sonst leiden die, für die man Verantwortung übernommen hat. Niemand will eine Umweltministerin, die sich bei einer Flutkatastrophe ums „Wording“ sorgt, und sich Tage später in Südfrankreich sonnt. Aber eine Familienministerin, deren Familie leidet, will auch niemand.

Die von Aktivistinnen und Aktivisten gerne heraufbeschworene Unvereinbarkeit von Beruf und Familie ist nicht verantwortlich dafür, dass Anne Spiegel in den Urlaub gefahren ist. Umso weniger, als dass Spiegel in privilegierter Stellung mit einem Ministergehalt alle Möglichkeiten gehabt haben dürfte, sich Unterstützung zu holen. Wie viele Frauen gibt es in Deutschland, die arbeiten müssen, um ihre Familie zu ernähren? Oder die sich bewusst dagegen entscheiden, zu arbeiten, weil ihr Kind zuhause ihre Fürsorge benötigt? 

Die katholische Kirche hat interessanterweise eine eigene Lebensweise für Menschen gefunden, die besondere Verantwortung tragen. Den Zölibat, der Priester vor Interessenskonflikten schützen, und ihre Verantwortung ganz hin auf ihre Gemeinde lenken soll. Sicher: Das echte Leben ist kompliziert, und das Erfolgsrezept für die perfekte Work-Life-Balance muss erst noch geschrieben werden. Aber was jede glückliche Familie, und jede glückliche Bevölkerung braucht, sind verantwortungsvolle Köpfe.

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