Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um „5 vor 12“

Schlimmer als gedacht

Warum die „Ökumenischen Stellungnahme der katholischen Bischöfe und evangelischen Leitenden Geistlichen in Niedersachsen und Bremen zur Suizidhilfe“ revidiert werden muss.
Kirchliche Zeugnis für das Leben und seine Unverfügbarkeit darf nicht verdunkelt werden
Foto: Jens Wolf (dpa-Zentralbild) | Das kirchliche Zeugnis für das Leben und seine Unverfügbarkeit darf nicht verdunkelt werden.

Ökumenische Erklärungen oder Stellungnahmen sind selten völlig eindeutig. Das kann auch gar nicht anders ein. Nicht selten verlangen sie zudem „Formelkompromisse“. Dabei ist die Einigung auf einen solchen Formelkompromiss in aller Regel kein Manko, sondern ein Plus. Denn Formelkompromisse ermöglichen es den beteiligten Parteien, in kontroversen Detailfragen keine „echten“ Kompromisse einzugehen, für die sie ihre jeweiligen Positionen aufgeben müssten, um fortan neu gefundene Positionen gemeinsam zu vertreten. Formelkompromisse erlauben also die Beschreibung gemeinsamer Standpunkte bei Beibehaltung eines Dissens in Detailfragen. So weit, so gut.

Lesen Sie auch:

Kein Formelkompromiss

In der kürzlich veröffentlichten „Ökumenischen Stellungnahme der katholischen Bischöfe und evangelischen Leitenden Geistlichen in Niedersachsen und Bremen zur Suizidhilfe“fand sich ein Satz, der auch ein Formelkompromiss hätte sein können. Er lautet: „Ob in Grenz- und Notsituationen ein Vollzug eines assistieren Suizids in kirchlichen Häusern geduldet werden kann, ist nicht pauschal beantwortbar; …“

Doch wie Recherchen des Kirchenressorts dieser Zeitung ergaben, ist dem nicht so. Und das ist ein Problem. Und zwar ein ernstes. Denn die katholische Kirche kann und muss die Frage, ob der Vollzug eines assistierten Suizids in kirchlichen Häusern geduldet kann, nicht nur pauschal beantworten. Sie hat es längst getan. Die Antwort lautet „Nein“. Ein assistierter Suizid kann in Einrichtungen, die sich in katholischer Trägerschaft befinden, niemals geduldet werden.

Das Zeugnis der Kirche darf nicht verdunkelt werden

Sowohl Papst Franziskus als auch Kurienkardinal Walter Kaspar und Ex-Caritaspräsident Peter Neher haben sich diesbezüglich längst unmissverständlich und mit dankenswerter Klarheit eindeutig geäußert. Dass, wie der „Tagespost“ nun von berufener Stelle versichert wurde, dies die Diözesanbischöfe von Osnabrück und Hildesheim, Bode und Wilmer sowie der Oldenburger Weihbischof Theising anders sehen, ist traurig genug. Schlimmer noch ist, dass dieser Satz, sollte es bei ihm bleiben, das Zeug hat, die katholische Kirche in Deutschland zu spalten und von der Weltkirche weiter zu entfernen.

Denn er rüttelt an der kirchlichen Lehre von der Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens und verdunkelt letztlich genauso wie die nach langem Streit kassierte Ausstellung des Beratungsscheins das kirchliche Zeugnis für eben diese. Er muss daher revidiert werden. Und das besser schnell als spät.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stefan Rehder Evangelische Kirche Lebensschutz Papst Franziskus Weltkirche Wilfried Theising

Weitere Artikel

Nach fast vier Jahrzehnten geht in Telgte eine besondere Wallfahrtstradition zu Ende: An Christi Himmelfahrt rollen die Kutschen zum letzten Mal.
14.05.2026, 08 Uhr
Gerd Felder
Die Ernennung des Erzbischofs von San Francisco, Salvatore Cordileone, zum Mitglied der Apostolischen Signatur hat manchen erstaunt. Doch was ist diese Vatikanbehörde überhaupt?
06.08.2026, 12 Uhr
Guido Horst
Papst Leo XIV. skizziert Wege zur Heiligkeit: Eine theologische Deutung seiner Spanienreise.
18.06.2026, 19 Uhr
José Francisco Serrano Oceja

Kirche

Der eskalierende Streit zwischen Kirche und Regierung beschädigt die Autorität beider Seiten und spaltet ein Land, das von unfreundlichen Nachbarn umgeben ist.
14.08.2026, 17 Uhr
Stephan Baier
Katechismuslesen reicht nicht: Warum der Abtprimas der Benediktiner, Jeremias Schröder, der Mutter Jesu große Bedeutung für seinen Glauben beimisst.
14.08.2026, 15 Uhr
Esther von Krosigk
In Obertshausen erinnert neuerdings eine Statue an den Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz und an den spanischen Wallfahrtsort Caravaca de la Cruz.
14.08.2026, 09 Uhr
Oliver Gierens
Tod in der Arena oder lebendig begraben im Bergbau? Im dritten Jahrhundert wurden auch Päpste zu Märtyrern. Der 13. August ist der Gedenktag des heiligen Papstes Pontianus.
12.08.2026, 21 Uhr
Claudia Kock
Wer und was in deutschen Bistümern willkommen ist, zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit der traditionellen lateinischen Messe und der Priesterbruderschaft St. Pius X.
11.08.2026, 20 Uhr
Jakob Naser