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Relativiert Kolping in der Abtreibungsfrage sein eigenes Leitbild?

Das Kolpingwerk hat sich viele Jahre hinter den Lebensschutz gestellt, jetzt diskutiert der Verband den Paragraphen 218 kontrovers.
Diskussion um Paragraph 218
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Jahrzehntelang hat sich das Kolpingwerk Deutschland eindeutig und uneingeschränkt hinter den Schutz des menschlichen Lebens gestellt. Jetzt gehen die Meinungen intern auseinander.

Die von der Ampel-Regierung eingesetzte Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung hat Mittel April einen Bericht vorgelegt, in dem sie empfiehlt, den Paragraphen 218 abzuschaffen und Abtreibungen in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen zu legalisieren. Dazu präsentiert das Kolpingmagazin in seiner aktuellen Ausgabe nun Pro- und Contra-Stimmen von Kolpingmitgliedern. Man bemühe sich um Verständnis für die Position des anderen und verstehe die veröffentlichten Ansichten innerhalb von Kolping als Beitrag „zur Debatte um Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs“ sowie zur Meinungsbildung, erklärt Chefredakteur Christoph Nösser im Editorial des Magazins.

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Martin Grünewald, der bis vor einigen Jahren Chefredakteur des Kolpingmagazins in Köln gewesen ist und den Posten 36 Jahre lang innehatte, sieht das anders — kritisch. Es kämen Meinungen zu Wort, „die im strikten Gegensatz zu den verbandlichen Beschlüssen stehen“. Damit weiche Kolping „deutlich von dieser bisherigen Positionierung ab und stellt den Lebensschutz faktisch zur Diskussion“, stellte Grünewald auf Anfrage dieser Zeitung fest. Offenbar gebe es auch im Kolpingwerk eine zunehmende Pluralisierung; die Verbandsspitze sei in den letzten Jahren völlig neu besetzt worden, darunter der Posten des Bundesvorsitzenden, des Bundespräses, des Bundessekretärs und der des Chefredakteurs. 

Eigener Standpunkt aufgeweicht

Jahrzehntelang habe sich das 205 000 Mitglieder starke Kolpingwerk Deutschland eindeutig und uneingeschränkt hinter den Schutz des menschlichen Lebens „vom ersten bis zum letzten Augenblick“ gestellt - so eindeutig, wie es Adolph Kolping selbst gewesen sei. Kolping sei ein Mann der klaren Worte und der Eindeutigkeit gewesen, so Grünewald. Er habe Missstände beim Namen genannt - dafür sei auch das Kolpingwerk, das zu den großen Sozialwerken der Katholischen Kirche gehört, immer bekannt gewesen.

Die aktuelle Ausgabe des Kolpingmagazins relativiere den eigenen Standpunkt nun deutlich, bedauert Grünewald. Das bedeute „eine Öffnung gegenüber bisher abgelehnten Sichtweisen“. Man stelle die eigene Position zur Diskussion - für Grünewald Zeichen einer „Abkehr nach jahrzehntelanger Eindeutigkeit".

Notwendiges politisches Signal

Im aktuellen Magazin nennt beispielsweise Wiebke Harwarth von der Kolpingjugend in Köln die Abschaffung des Paragraphen 218 „das notwendige politische Signal“, dass eine Schwangere selbst über ihren Körper entscheide. Betroffene bräuchten „bestmögliche medizinische und psychosoziale Betreuung statt Bestrafung und Tabuisierung“. Nur wenn Abtreibung legal sei, könne es „reproduktive Freiheit und Gerechtigkeit“ für Schwangere geben.

Ganz anders argumentiert die geistliche Leiterin des Kolpingwerkes in Deutschland, Rosalia Walter: „Wenn es um die Frage nach Leben und Tod geht, gibt es keinen Mittelweg“, schreibt sie. Sie sei „entschieden gegen eine Änderung der bestehenden gesetzlichen Regelung“, denn eine Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen stelle Menschenwürde und das Recht auf Leben infrage. „Wenn der Abbruch legal ist, ist der Lebensschutz nicht mehr gewährleistet“, sagt sie und verweist auf das Grundgesetz. 

Das Leitbild von Kolping

Damit steht Walter hinter dem Leitbild des Kolpingwerkes. Dort steht Schwarz auf Weiß, dass Kolping „den Schutz des Wertes und der Würde menschlichen Lebens“ fördere, „insbesondere im Interesse ungeborener, körperlich, psychisch und gesundheitlich beeinträchtigter sowie schutzbedürftiger und alter Menschen“. An anderer Stelle steht, dass der Mensch „Mitte und Ziel des Handelns“ sei, er habe „eine unveräußerliche Würde und damit Grundrechte vom Anfang bis zum Ende des Lebens“.

Bröckelt dieses Basis nun? Wie Chefredakteur Christoph Nösser in der Ausgabe zugibt, stimmen Mitglieder des Vereins „nicht in allen ethischen und moralischen Fragen“ überein. Noch 2022 schrieb Tim Schlotmann im selben Magazin: „Kolping fühlt sich dem Lebensschutz im umfassenden Sinne verpflichtet. Da, wo Menschen durch politische oder wirtschaftliche Bedingungen am guten Leben gehindert werden, da wissen sie Kolping an ihrer Seite.“

Grundgesetz: Menschenwürde mit einer ,Ewigkeitsgarantie‘

Noch vor acht Jahren stellte sich das Kolpingwerk in einem Memorandum, an dem Grünewald maßgeblich beteiligt gewesen ist, öffentlich hinter den Schutz des menschlichen Lebens. In dem Schreiben, das damals 450 Delegierte auf der Bundesversammlung in Köln unterzeichneten, heißt es: „Mit Besorgnis beobachtet das Kolpingwerk Deutschland dennoch ein schwindendes Bewusstsein für den Lebensschutz; das wirkt sich auch auf politische Entscheidungen und den uneingeschränkten Schutz des menschlichen Lebens aus.“

Die Delegierten wiesen darauf hin, dass die „Mütter und Väter des Grundgesetzes“ das Grundrecht auf Menschenwürde mit einer "Ewigkeitsgarantie" ausgestattet hätten, die "nicht durch parlamentarische Mehrheiten abgeschafft werden" könne. Das Bundesverfassungsgericht selbst stelle fest, dass Schwangerschaftsabbruch „für die ganze Dauer der Schwangerschaft grundsätzlich als Unrecht angesehen werden und demgemäß rechtlich verboten sein“ müsste. Das Lebensrecht des Ungeborenen stehe nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts „nicht zur freien Verfügung“.

Beratung: Verantwortungsbewusstsein der Mutter fürs Kind stärken

Daher habe der Gesetzgeber nicht nur die Beratungspflicht eingeführt, „um das Verantwortungsbewusstsein der Mutter für das Leben des ungeborenen Kindes zu stärken“; er habe auch verlangt, grundsätzlich zu prüfen, „ob die Wirkung der gültigen gesetzlichen Regelung zur Wahrung des Lebensschutzes ausreicht und den Maßstäben des Bundesverfassungsgerichtes entspricht“. Dies habe laut Memorandum seit der Urteilsverkündung im Jahr 1993 im Deutschen Bundestag noch nicht stattgefunden. Stattdessen solle die Straffreiheit ausgeweitet werden.

Schon damals kritisierte das Kolpingwerk, dass Beratungsstellen „eine Abwägung zwischen dem Lebensrecht des ungeborenen Kindes einerseits und den möglichen Nöten und Konfliktsituationen der schwangeren Frau andererseits völlig ablehnen“ und das Lebensrecht des ungeborenen Kindes außer Acht ließen. Dasselbe sei auch nun der Fall, so Grünewald gegenüber dieser Zeitung. Dem Selbstbestimmungsrecht der schwangeren Frau das Lebensrecht des ungeborenen Kindes nicht entgegenzustellen, sei „eine entscheidende Auslassung“. 

Stiller und schrittweiser Rückzug der Mehrheit im Kolpingwerk

Verschärft werde "die heikle Situation" nach Ansicht Grünewalds durch eine Ankündigung des Kolpingwerks zum Artikel auf der Homepage und im Newsletter. Grünewald wörtlich: „Offenbar, um sich für die umstrittene Veröffentlichung zu rechtfertigen, wird von einer ,Aufregungsspirale‘ gesprochen, die man zu schlichten vorgibt, indem man im Zusammenhang mit der Kontroverse in der Abtreibungsfrage vom ,Nährboden für alle demokratiefeindlichen Kräfte' schreibt."

Das sei an den Haaren herbeigezogen, kritisiert der ehemalige Chef des Kolpingmagazins, und tue einem gemeinsamen Weg innerhalb des Verbandes überhaupt nicht gut. „Derlei Vorgehensweise motiviert nicht, sondern sorgt eher für den oft stillen und schrittweisen Rückzug derjenigen, die die Mehrheit im Kolpingwerk gebildet haben und wahrscheinlich bisher weiterhin bilden.“  

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