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Ramelows Trump-Moment: Jesus würde links wählen?

Bodo Ramelow reklamiert Jesus für die Linkspartei. Die politische Instrumentalisierung des Herrn hat eine unheilvolle Geschichte.
Bodo Ramelow: Jesus würde Linkspartei wählen
Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur | Ramelow, der sich gerne als der nette Herr von nebenan verkauft, kann nicht so naiv sein, dass er diese Gefahren nicht sieht, die von einer Sakralisierung von politischen Programmen ausgeht.

Es war Bodo Ramelows Trump-Moment: In einem Interview zu den Weihnachtstagen erklärte der ehemalige Thüringer Ministerpräsident, der jetzt als Vizepräsident dem Bundestag vorsitzt, im Brustton der Überzeugung: Klar, Jesus würde heute die Linkspartei wählen. Und zählte sofort auf, gegen welche sozialen Übel seine Linkspartei zu Felde ziehe, vom Mietwucher bis hin zur Altersarmut. Und natürlich immer im jesuanischen Geist.

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Gewiss, Ramelow ist nicht der erste Politiker, der in dieser Weise Jesus für seine politische Agenda instrumentalisiert. Von den Kreuzfahrern bis zu den deutschen Wehrmachtssoldaten, die ganz selbstverständlich ein „Gott mit uns“ in ihrem Koppelschloss stehen hatten – die Geschichte ist reich an Beispielen dafür, wie von politischen Machthabern Gott gerne als Alliierter für die eigenen Machtziele in Anspruch genommen wurde.

Die Gefahren der Sakralisierung von politischen Programmen

Nun ist sicher richtig, dass im Rückblick nicht leichtfertig über die jeweiligen Motivationen gerichtet werden sollte. Aber eines steht doch fest: Weil wir heute diese Geschichte kennen, sie vor allem aber auch reflektieren, sollten wir besonders sensibel für die Gefahren sein, die solche Inanspruchnahmen bergen.

Zu welchen grotesken Verzerrungen so eine Sakralisierung von politischen Programmen führen kann, zeigt der Blick über den großen Teich: Donald Trump wird von einem Teil seiner Anhänger, vor allem durch entsprechende Darstellungen in den sozialen Netzwerken, zur prophetischen Figur, ja zum spirituellen Führer stilisiert. Jesus würde für MAGA stimmen – darauf läuft es hinaus.

Ramelow, der sich gerne als der nette Herr von nebenan verkauft, kann nicht so naiv sein, dass er diese Gefahren nicht sieht. Natürlich kann niemandem abgesprochen werden, der sich in der Linkspartei engagiert, dass er dies auch aus einem christlichen Ethos heraus tut. Im Gegenteil: Es ist sogar hocherfreulich, wenn sich Christen in der Politik engagieren – und dabei aus ihrem Glauben Kraft schöpfen.

Werbewirksames Bekenntnis zu Jesus

Problematisch ist aber, wenn behauptet wird, als Christ könne man nur dort politisch aktiv werden. Oder nur diese eine Partei würde im Sinne des Evangeliums handeln. Wenn es Ramelow mit der C-Prägung seiner Partei wirklich ernst ist, dann sollte er vielleicht als Erstes etwas gegen die antisemitischen Strömungen machen, die in der Linkspartei immer dominanter werden.

Schließlich: Sollte am Ende alles nur ein politischer Werbegag sein, dann bleibt doch für Christen immerhin eine positive Nachricht: Offenbar ist es werbewirksam, sich zu Jesus zu bekennen. Diese Wirkung gab es so nicht immer. Zumal bei dem sehr speziellen ostdeutschen Klientel, das Ramelow ansprechen will.

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Sebastian Sasse Bodo Ramelow

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