Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Ramelows Trump-Moment: Jesus würde links wählen?

Bodo Ramelow reklamiert Jesus für die Linkspartei. Die politische Instrumentalisierung des Herrn hat eine unheilvolle Geschichte.
Bodo Ramelow: Jesus würde Linkspartei wählen
Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur | Ramelow, der sich gerne als der nette Herr von nebenan verkauft, kann nicht so naiv sein, dass er diese Gefahren nicht sieht, die von einer Sakralisierung von politischen Programmen ausgeht.

Es war Bodo Ramelows Trump-Moment: In einem Interview zu den Weihnachtstagen erklärte der ehemalige Thüringer Ministerpräsident, der jetzt als Vizepräsident dem Bundestag vorsitzt, im Brustton der Überzeugung: Klar, Jesus würde heute die Linkspartei wählen. Und zählte sofort auf, gegen welche sozialen Übel seine Linkspartei zu Felde ziehe, vom Mietwucher bis hin zur Altersarmut. Und natürlich immer im jesuanischen Geist.

Lesen Sie auch:

Gewiss, Ramelow ist nicht der erste Politiker, der in dieser Weise Jesus für seine politische Agenda instrumentalisiert. Von den Kreuzfahrern bis zu den deutschen Wehrmachtssoldaten, die ganz selbstverständlich ein „Gott mit uns“ in ihrem Koppelschloss stehen hatten – die Geschichte ist reich an Beispielen dafür, wie von politischen Machthabern Gott gerne als Alliierter für die eigenen Machtziele in Anspruch genommen wurde.

Die Gefahren der Sakralisierung von politischen Programmen

Nun ist sicher richtig, dass im Rückblick nicht leichtfertig über die jeweiligen Motivationen gerichtet werden sollte. Aber eines steht doch fest: Weil wir heute diese Geschichte kennen, sie vor allem aber auch reflektieren, sollten wir besonders sensibel für die Gefahren sein, die solche Inanspruchnahmen bergen.

Zu welchen grotesken Verzerrungen so eine Sakralisierung von politischen Programmen führen kann, zeigt der Blick über den großen Teich: Donald Trump wird von einem Teil seiner Anhänger, vor allem durch entsprechende Darstellungen in den sozialen Netzwerken, zur prophetischen Figur, ja zum spirituellen Führer stilisiert. Jesus würde für MAGA stimmen – darauf läuft es hinaus.

Ramelow, der sich gerne als der nette Herr von nebenan verkauft, kann nicht so naiv sein, dass er diese Gefahren nicht sieht. Natürlich kann niemandem abgesprochen werden, der sich in der Linkspartei engagiert, dass er dies auch aus einem christlichen Ethos heraus tut. Im Gegenteil: Es ist sogar hocherfreulich, wenn sich Christen in der Politik engagieren – und dabei aus ihrem Glauben Kraft schöpfen.

Werbewirksames Bekenntnis zu Jesus

Problematisch ist aber, wenn behauptet wird, als Christ könne man nur dort politisch aktiv werden. Oder nur diese eine Partei würde im Sinne des Evangeliums handeln. Wenn es Ramelow mit der C-Prägung seiner Partei wirklich ernst ist, dann sollte er vielleicht als Erstes etwas gegen die antisemitischen Strömungen machen, die in der Linkspartei immer dominanter werden.

Schließlich: Sollte am Ende alles nur ein politischer Werbegag sein, dann bleibt doch für Christen immerhin eine positive Nachricht: Offenbar ist es werbewirksam, sich zu Jesus zu bekennen. Diese Wirkung gab es so nicht immer. Zumal bei dem sehr speziellen ostdeutschen Klientel, das Ramelow ansprechen will.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Bodo Ramelow

Weitere Artikel

Bodo Ramelows Gerede über eine neue Hymne und Flagge kann man ignorieren. Aber: Wir sollten den Wert dieser Symbole mehr schätzen.
04.09.2025, 17 Uhr
Sebastian Sasse
Bibelarbeit mit der Altkanzlerin, queerer Kindergottesdienst und ganz viel Klimawandel: Der evangelische Kirchentag zeigt auch Katholiken, wie man es nicht machen sollte.
30.04.2025, 11 Uhr
Jakob Ranke

Kirche

Beim Empfang für die auswärtigen Diplomaten bemängelt der Papst die Meinungsfreiheit im Westen und übt scharfe Kritik an der wachsenden „Kriegslust“.
14.01.2026, 11 Uhr
Giulio Nova
Prominente Redner, beeindruckende Musikacts und inspirierende Zeugnisse: Die MEHR-Konferenz 2026 überzeugt mit ihrer Vielseitigkeit. Ein Besuch bei den „hippen Missionaren“ in Augsburg.
13.01.2026, 16 Uhr
Marika Bals
Das neue Jahr beginnt mit dem päpstlichen Segen: Ein Blick hinter die Kulissen der Privataudienz der „Tagespost“ und des „Neuen Anfangs“ bei Papst Leo XIV.
13.01.2026, 15 Uhr
Franziska Harter
Abrechnung mit Franziskus: Der Hongkonger Kardinal Joseph Zen ließ bei dem Kardinalstreffen in Rom offenbar kein gutes Haar am Synodalen Prozess des verstorbenen Papstes.
13.01.2026, 10 Uhr
Meldung
Die Krippendarstellung in einer Stuttgarter Christmette habe „Irritation, Unverständnis und Ärger ausgelöst“ und werfe Fragen nach liturgischer Verantwortung auf.
13.01.2026, 09 Uhr
Meldung