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Wird Europa 2026 irrelevant?

Krisen und Konflikte werden auch im neuen Jahr die Weltpolitik prägen. Der von Papst Franziskus analysierte „Weltkrieg in Stücken“ geht an vielen Schauplätzen ungebremst weiter.
Friedrich Merz und Donald Trump
Foto: IMAGO / ABACAPRESS | Die Europäer rund um Friedrich Merz stehen heute vor der Wahl: Sie können entweder ein Spielball der Weltpolitik bleiben oder sie entscheiden sich zu einer wehrhaften Großmachtrolle.

Es ist dem Menschen nicht gegeben, in die Zukunft zu sehen. Sicher ist deshalb jedenfalls, dass das Jahr 2026 wiederum Überraschungen bringen wird. Auf die kann aber (persönlich wie politisch) nur angemessen reagieren, wer nicht nur mit Sonnenschein, sondern auch mit Regen rechnet. Weltpolitisch sind – um im Bild zu bleiben – auch schwere Unwetter keineswegs auszuschließen. Die Krisen und Konflikte, die die Welt 2025 in Atem hielten, sind nicht befriedet oder gelöst, und so mancher Schwelbrand droht zur Katastrophe zu eskalieren.

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Am sichtbarsten sind die Krisenherde in der Ukraine, die weiterhin einem russischen Vernichtungskrieg ausgesetzt ist, und in Nahost, wo weder die Hamas noch die Hisbollah entwaffnet wurden und der Iran gerade durch turbulente Zeiten geht. Terror- und Unrechtsregime gibt es in Afrika, Nahost, Lateinamerika und Asien in großer Zahl. Nicht alle tragen ihre Interessenkonflikte so blutig aus wie der Sudan und Syrien. Doch politische Unsicherheit, korrupte Staatsführungen, wirtschaftliche Katastrophen und eklatante Rechtsunsicherheit werden auch 2026 dazu führen, dass Millionen Menschen auf gepackten Koffern sitzen – und die erste Gelegenheit nutzen, um aus dem Elend zu entfliehen.

Eine Welt der Einflusszonen

Neben regionalen werden uns auch die globalen politischen Akteure in Atem halten. China hat mit dem jüngsten Militärmanöver neuerlich bewiesen, dass es entschlossen ist, die „Wiedervereinigung“ (so Xi Jinping in seiner Neujahrsansprache) mit Taiwan nötigenfalls militärisch herbeizuführen. Ob es hierfür 2026 eine passende Gelegenheit ausmacht, vermag niemand zu sagen, aber dass Peking auf eine solche Gelegenheit wartet, belegt es in Worten und Taten. Gleichzeitig dehnt die staatskapitalistisch-kommunistische Diktatur Xi Jinpings ihren Einfluss weiter aus: Nicht Trumps Intervention im Sommer, sondern Pekings Machtwort im Dezember hat den Krieg zwischen Thailand und Kambodscha beendet. In Asien wie in Afrika ist China bereits die Weltmacht Nummer Eins, in Lateinamerika und Europa hat es seine Finger in viel zu vielen Angelegenheiten.

Der US-Präsident flirtet mit Wladimir Putin, während er dessen Gefolgsmann in Venezuela unter Feuer nimmt: ein klarer Beleg dafür, dass die neue US-Sicherheitsdoktrin beide Amerikas als Hinterhof der USA behandelt, man aber Putin seinen eigenen Hinterhof in Osteuropa zugesteht. Trump meint, dass er sich auf der globalen Bühne mit Russland und China irgendwie arrangieren und die Einflusszonen abstecken muss. Für Europa ist das brandgefährlich, denn hier hält man an einer regelbasierten, auf dem Völkerrecht ruhenden multipolaren Ordnung fest. Dazu kommt, dass Washington, Peking und Moskau die Europäer nicht mehr als weltpolitischen Faktor wahrnehmen.

Wehrhafte Großmacht

Tatsächlich stehen die Europäer heute vor der Wahl: Sie können entweder ein Spielball der Weltpolitik bleiben und sich ganz damit beschäftigen, die von außen nach Europa hereinschwappenden Krisen und Konfliktfolgen irgendwie zu managen – oder sie legen in einem einzigartigen Kraftakt alle Kapazitäten ihrer Diplomatie, Konfliktprävention und Sicherheitspolitik zusammen und entscheiden sich zu einer wehrhaften Großmachtrolle. In turbulenten Zeiten wie diesen wäre das kein Luxus, sondern möglicherweise eine Frage des Überlebens.

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Stephan Baier Papst Franziskus

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