Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Putins Haus- und Hofideologe

Nach unerträglichen Äußerungen im Abseits. Der Moskauer Patriarch Kyrill ist kein Dialogpartner mehr.
Als Hofideologe Putins macht sich Kyrill in der Weltkirche immer unmöglicher.
Foto: Alexander Nemenov (POOL AFP/AP) | Als Hofideologe Putins macht sich Kyrill in der Weltkirche immer unmöglicher. Kyrill ist kein Dialogpartner mehr.

Mit seiner Rechtfertigung von Putins Krieg hat sich der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill im Konzert der Kirchen weltweit isoliert. Orthodoxe Kirchen, die dem Moskauer Patriarchat bisher eng verbunden waren, üben sich im Stillschweigen. Der Erste unter den Patriarchen, der Ökumenische Patriarch Bartholomaios, sprach zuletzt gegenüber der „Tagespost“ in Istanbul Klartext: Kyrill spreche vom „heiligen Krieg“, so Bartholomaios. „Ich aber nenne ihn einen unheiligen Krieg und diabolisch.“ Wenn Kyrill die russischen Soldaten zu Märtyrern erkläre, widerspreche das der orthodoxen Lehre.

Lesen Sie auch:

Treffen geplatzt

Auch der Vatikan, der stets den guten Draht nach Moskau gesucht und 2016 kurz auch gefunden hatte, will mit Kyrill derzeit lieber nichts zu tun haben. Ein geplantes Treffen in Jerusalem ließ Rom im Juni kurzfristig platzen. Es herrscht Eiszeit. In Moskau führt all das jedoch weder zu Besinnung und Gewissenserforschung noch zur Umkehr. Im Gegenteil: Kyrills Außenamtschef Antonij teilt kräftig gegen den Papst aus. Franziskus habe ein „wohlwollend“ geführtes Videogespräch mit Kyrill (am 16. März) „auf karikaturistische Weise nacherzählt“ und sich „vollkommen unzulässig“ ausgedrückt, rügt die Nummer Zwei des Moskauer Patriarchats den Papst. Auch habe der Vatikan nichts unternommen, um ein zweites Treffen von Papst und Patriarch sicherzustellen.

In der Kirche isoliert

Wie Putin in der Weltpolitik, so hat sich Kyrill mit seiner Kriegspropaganda in der weltweiten Kirche isoliert, ja in eine Art Paralleluniversum verabschiedet. Er weigert sich offenbar, zur Kenntnis zu nehmen, dass er als Putins Haus- und Hofideologe kein Gesprächspartner mehr ist – im Kreis der orthodoxen Kirchen wie in der Ökumene. Anders als Putins orthodoxe Staatskirche sind jetzt die katholischen Bischöfe Russlands über den Schatten ihrer Angst gesprungen und haben den Krieg klar und mutig verurteilt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Bischof Kyrill I. Päpste Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Die Ukraine als Teil der „Heiligen Rus“? Mit einer geschichtlichen Tiefenbohrung widerlegt der ukrainische Kirchenhistoriker Andriy Mykhaleyko Wladimir Putins nützliche Narrative.
29.07.2026, 07 Uhr
Stephan Baier
Der eskalierende Streit zwischen Kirche und Regierung beschädigt die Autorität beider Seiten und spaltet ein Land, das von unfreundlichen Nachbarn umgeben ist.
14.08.2026, 17 Uhr
Stephan Baier
Der Theologe Wolfgang Palaver warnt vor einer naiven Friedenssehnsucht. Ungerechtigkeit und Krieg dürfen nicht passiv hingenommen werden. 
25.06.2026, 07 Uhr
Henry C. Brinker

Kirche

Bei „Mariä Himmelfahrt" geht es weniger darum, ob Maria gestorben ist, als um die Hoffnung auf die Auferstehung und die Vollendung des Menschen bei Gott.
15.08.2026, 04 Uhr
Dorothea Schmidt
Katechismuslesen reicht nicht: Warum der Abtprimas der Benediktiner, Jeremias Schröder, der Mutter Jesu große Bedeutung für seinen Glauben beimisst.
14.08.2026, 15 Uhr
Esther von Krosigk
In Obertshausen erinnert neuerdings eine Statue an den Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz und an den spanischen Wallfahrtsort Caravaca de la Cruz.
14.08.2026, 09 Uhr
Oliver Gierens
Tod in der Arena oder lebendig begraben im Bergbau? Im dritten Jahrhundert wurden auch Päpste zu Märtyrern. Der 13. August ist der Gedenktag des heiligen Papstes Pontianus.
12.08.2026, 21 Uhr
Claudia Kock
Wer und was in deutschen Bistümern willkommen ist, zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit der traditionellen lateinischen Messe und der Priesterbruderschaft St. Pius X.
11.08.2026, 20 Uhr
Jakob Naser