Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Putin bedient sich alter Sowjet-Methoden

Versäumt wurden nach dem Ende der Sowjetunion vor 30 Jahren eine Aufarbeitung der roten Verbrechen und ein umfassender Elitenwechsel.
30 Jahre ohne Sowjetunion
Foto: epa (epa) | 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion ist die Welt weiterhin ein gefährlicher Ort.

Vor genau 30 Jahren, am 21. Dezember 1991, wurde nach einem längeren Fäulnisprozess in der kasachischen Hauptstadt Alma-Ata die Sowjetunion liquidiert. Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin ist das Ende der Sowjetunion im Rückblick eine „Tragödie“, für die Mehrheit der Menschheit jedoch eine Sternstunde der Geschichte.

Ein "Reich des Bösen"

Von Lenin bis Gorbatschow war dieser Staat ein „Reich des Bösen“, wie Ronald Reagan so treffend bemerkte, ein totalitärer Völkerkerker, regiert von einer korrupten, gewissenlosen Oligarchie, die im Namen einer menschenverachtenden Ideologie Krieg, Gewalt, Folter und Angst zu alltäglichen Instrumenten ihrer Herrschaft gemacht hatte. Siechtum und Ende der Sowjetunion befreiten die Welt von der Angst vor einem Dritten Weltkrieg, einem Zusammenstoß der atomwaffenbestückten Supermächte, befreiten zugleich viele Völker Mittel- und Osteuropas endgültig von Fremdherrschaft und Unterdrückung, Ideologisierung und der Zerstörung ihrer christlichen Kultur. Befreit wurde aber auch die Mehrheit der Russen, jene nämlich, die nicht Profiteure, sondern Opfer dieses korrupten Systems und seiner Lügen waren.

Lesen Sie auch:

Die Tagträume westlicher Politiker und Politologen, die sich im Schlagwort vom „Ende der Geschichte“ verdichteten, waren bereits damals – vor drei Jahrzehnten – durchschaubare Illusionen. Heute sind sie vielfach falsifiziert. Es gab keinen unaufhaltsamen Siegeszug von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, sondern neue Autokratien mit alten und neuen Genossen samt ihren Netzwerken. Es kam keine in Frieden und Eintracht geeinte Welt, auch keine unilaterale Weltordnung mit Washington als wohlwollendem Hegemon, sondern eine multipolare Welt mit einer polyzentrischen Struktur. Es kamen neue Kriege, neue Gefahren, neue Unsicherheiten, neue Tyranneien.

Die Welt bleibt ein gefährlicher Ort

30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion ist die Welt weiterhin ein gefährlicher Ort. Moskau fordert die Rechtsstaaten Europas und die freie Selbstbestimmung der einstigen Sowjetrepubliken immer neu heraus. Die Versäumnisse der 1990er Jahre rächen sich bitter: Bis heute kam es in Russland und vielen früher kommunistischen Staaten nicht zu einem umfassenden Elitenwechsel, und auch nicht zu einer gründlichen Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit. Schlimmer noch, Putin bedient sich eifrig und mit großem Geschick der Instrumente, die er in der Sowjetunion einst zu bedienen lernte: Gewalt, Angst und Lüge. Kritiker seines Regimes im In- und Ausland müssen mit alledem rechnen, eigenständige Nachbarländer ebenso.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Stephan Baier Ronald Reagan Tyrannei Wladimir I. Lenin Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Kriege zu beginnen, ist einfach. Sie wieder zu beenden, scheint eine Kunst zu sein, die weder Wladimir Putin noch Donald Trump beherrschen.
28.05.2026, 19 Uhr
Stephan Baier
Die Geopolitik-Koryphäe John Mearsheimer sieht Putins Krieg als Verteidigungsaktion. Doch sein „offensiver Realismus“ hat Schwächen.
22.02.2026, 07 Uhr
Martin Kragh
Als Gefährte des Menschen wurde es zum Kulturträger – und ist es bis heute geblieben. Vor allem die Verbindung zwischen dem Pferd und der Musik ist besonders eng. 
30.08.2026, 17 Uhr
Fabian Bell

Kirche

Populismus schlecht, Migration gut? Auf diese Klischees will Bischof Erik Varden sich nicht einlassen. Ein Segen!
28.09.2026, 11 Uhr
Sebastian Ostritsch
Die katholischen Bischöfe treffen sich zu ihrer traditionellen Herbstversammlung. Die Gesprächsthemen reichen von AfD bis Kirchenreformen. Gewählt werden neue Kommissionsvorsitzende.
28.09.2026, 08 Uhr
Leo XIV. ruft in Lourdes eindringlich zur Umkehr auf. Und verteidigt die Stimme der Kirche im öffentlichen Diskurs des laizistischen Frankreichs.
27.09.2026, 13 Uhr
Regina Einig