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Politischer Aschermittwoch ist heute jeden Tag im Netz

Die Stammtisch-Kultur prägt längst unsere politische Kultur. Und das ist nicht falsch. Nur der Stammtisch hat noch nichts davon mitbekommen.
Markus Söder spricht und alle hören zu.
Foto: IMAGO/Frank Hoermann / SVEN SIMON (www.imago-images.de) | Markus Söder spricht und alle hören zu. Das ist der politische Aschermittwoch, der größte Stammtisch des Landes.

Das Besondere ist weg. Wenn man Sahra Wagenknechts Aschermittwoch-Rede hört, dann denkt man: eigentlich alles wie immer. Und zieht man mal die riesige Aufmachung, die Inszenierung und ausgeprägte Selbstzelebration bei der CSU in Passau ab, dann lautet auch bei Markus Söder die Bilanz: nicht anders als sonst. Nur etwas mehr von alledem, was auch sonst die Auftritte des CSU-Chefs auszeichnet.

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Die CSU nennt ihren „Politischen Aschermittwoch“ selbstbewusst „größten Stammtisch Europas“. Dass die Christ-Sozialen immer den Anschluss an die, wie es in Bayern heißt, „Leberkäs-Etage“ gesucht haben, war und ist entscheidend für ihren politischen Erfolg. Das links-liberale Establishment hat freilich schon immer die Nase gerümpft. Zu viel Polemik, Pointen und Populismus. Zu wenig Substanz – das konnte man auch gestern wieder von manchem Professor hören, der vor der Fernsehkamera sein Statement abgegeben hat.

Stammtische im Netz

Neu ist allerdings: Dieser linksliberale Dünkel konnte lange Zeit eine Deutungshoheit über die öffentliche Meinung behaupten. In der Ära Merkel, so etwas wie der täglich zelebrierte Anti-Aschermittwoch, erlebte diese Phase einen letzten Höhepunkt. Die Stammtische und ihre Sicht auf die Welt verlagerten sich damals in Netz. Und schaut man in die Sozialen Netzwerke: Dort geht es jeden Tag und ständig wie in Passau zu. Söder oder eben auch Frau Wagenknecht haben das längst erkannt und holzen lustig mit.

Den Grünen fällt es immer noch schwer, die neue Situation zu begreifen. Früher haben ihre Leute demonstriert und blockiert. Sie waren aber doch die Guten. Wenn Sie jetzt Ähnliches bei ihren Veranstaltungen erleben, wie gestern in Biberach, setzt die Schockstarre ein. Doch Landwirtschaftsminister Özdemir hat erfreulicherweise souverän und deeskalierend auf die Proteste reagiert: vorbildlich.

Die Bayern haben eine im Grunde anarchische Seele. Der Politische Aschermittwoch ist in seiner Ur-Idee deswegen ein Ausdruck des Nonkonformismus. Auch die Stammtisch-Kultur zieht ihre Kraft aus dem Grundgefühl, marginalisiert zu sein. Dagegen wehrt sie sich.

Noch hört der Stammtisch zu

Mittlerweile hat diese Stammtisch-Kultur aber längst den Sieg davongetragen. Die mediale Aufmerksamkeit für kulturkämpferische Scharmützel am Rand – etwa die Peta-Forderung zur Abschaffung von Karussellpferden – täuscht. Die Mehrheit der Bevölkerung hat längst ihr Urteil gefällt: Gendern & Co – nicht mit mir. Nur an den Stammtischen hat das noch keiner mitgekriegt. Holzen mach schließlich Spaß, da trinkt sich die Maß einfach besser und im Netz bekommt man Klicks.

Franz Josef Strauß, dessen Konterfei Söder gestern als Sticker an seiner Trachtenjacke stecken hatte, flocht in seine Reden stets auch eine kleine Vorlesung ein. Bei aller Begabung zur Pointe und Polemik, Strauß ersparte seinen Zuhörern nicht die Komplexität der Welt. FJS konnte eben beides – das zeichnet den wirklich großen Rhetor aus. Sollte Söder jemals wagen, auch in seine Ausführungen so ein Polit-Kolleg einzubauen: Eine Auseinandersetzung mit den Gefahren, die vom Mainstream des Anti-Mainstreams ausgehen, das wäre ein Thema. Und, das zumindest könnte den CSU-Chef motivieren: Wenn Söder spricht, hört der Stammtisch auch zu. Noch.

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