Afrika

Ostafrika: Schlummernder Riese

Ostafrika hat mit vielen Problemen zu kämpfen. Aber die Region verfügt über Potenzial, vor allem auch wirtschaftlich. Kenia ist ein positives Beispiel.
Präsident Uhuru Kenyatta schreitet zum letzten Mal die Ehrengarde ab.
Foto: Sayyid Abdul Azim (AP) | Auch Kenia gilt als Positiv-Beispiel für die Region. Dass dort der Regierungswechsel vor einem Monat ohne Zwisschenfälle vor sich ging, werten Beobachter als Zeichen der Stabilität.

Als am vergangenen Donnerstag der Welthunger-Index 2022 der Welthungerhilfe veröffentlicht wurde, dürften so ziemlich alle Klischees bedient worden sein, die zum Thema Afrika vorherrschen: Welt-Armenhaus, Fass ohne Boden in puncto Entwicklungshilfe, Kontinent ohne Chance, jemals auf einen grünen Zweig zu kommen. Das gilt besonders für den Osten Afrikas. Tatsächlich bündeln sich hier die Hotspots: Somalia, Tigray (im Norden Äthiopiens) oder Südsudan – alles Regionen, in denen sich Krisen aneinanderreihen. Schon der vergangene Welthunger-Index bezeichnete die Lage für Somalia etwa als „gravierend“ (als einzigen Staat der Erde) und auch im Südsudan und Burundi war die Situation „sehr ernst“. Die durch den Krieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin gegen die Ukraine ausgelöste globale Ernährungskrise, die (inzwischen abflauende) Pandemie, vor allem aber die seit Jahren anhaltende Dürre werden die Situation in diesem Jahr nochmals verschärfen.

Lesen Sie auch:

Potentiale vorhanden

Dennoch: Es ist Vorsicht geboten bei allzu pessimistischen Lagebewertungen, denn neben allen negativen Einflüssen gibt es auch große Potenziale. Wenn es der Region Ostafrika gelingt, die Krisen und ihre Folgen zu überwinden, könnte es schneller bergauf gehen als gedacht. Einige aktuelle Entwicklungen deuten bereits in diese Richtung. Man denke an die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung in Addis Abeba und den Rebellen in Tigray. Der Bürgerkrieg mit vielen Todesopfern hat die Entwicklung im zuvor lange stabilen und prosperierenden Äthiopien massiv belastet. Bisher waren alle Vermittlungsbemühungen daran gescheitert, dass sich die Konfliktparteien nicht einigen konnten, wer die Gespräche leiten soll. Zu dem Treffen in Südafrika hat die Afrikanische Union (AU) eingeladen, die von der sogenannten Volksbefreiungsfront aus Tigray TPLF zuvor als Verhandlungsführer abgelehnt worden war.

Wenn es hier Fortschritte gäbe, wäre es ein großer Erfolg für die AU, die in der jüngeren Vergangenheit nicht gerade mit Glanztaten zum Wohle des Kontinents aufgefallen ist. Den Krisen in Mali oder Burkina Faso jedenfalls sieht sie eher hilflos zu. Auch konnte sie sich nicht zu einer Verurteilung des russischen Kriegs gegen die Ukraine durchringen – und das, obwohl Afrika wegen vielfach unterbrochener Nahrungsmittellieferungen mit am meisten unter dem Krieg im fernen Europa leidet. AU-Vorsitzender Macky Sall (aus dem Senegal) übte im Juni dieses Jahres sogar den Schulterschluss mit Wladimir Putin bei einem Treffen in Sotschi. Außerdem scheinen russische Fake-News ihre Wirkung zu zeigen (dass der Westen mit seinen Sanktionen Schuld sei an der globalen Ernährungskrise), jedenfalls haben sich nur wenige Staaten Afrikas bei den UN-Abstimmungen zu Putins Angriffskrieg hinter dem Westen versammelt.

Geopolitisch bedeutsame Region

Aus geopolitischer Sicht hat Ostafrika eine überaus wichtige Lage – mit seiner Nähe zum Nahen Osten und am Tor zum Norden, dem Golf von Aden. Auch Indien und Südostasien sind von Ostafrika per Schiff gut zu erreichen. Das könnte den Handel befeuern. Selbst wenn fossile Energien vergleichsweise rar sind, besteht doch viel Ausbaupotenzial bei den erneuerbaren Energien. Sonnen- und Windkraft sind jedenfalls reichlich vorhanden in Ostafrika.

Auch wenn die Lage in Somalia und im Südsudan angespannt bleibt, gibt es auch Hinweise, die für eine langsame Stabilisierung der Region sprechen. Die jüngsten Erfolge in Somalia bei der Bekämpfung der islamistischen Al-Shabaab-Miliz etwa gehören dazu. Im September hatten US-Streitkräfte 27 Kämpfer der Islamisten getötet. Der Luftangriff hat es der somalischen Armee und den Truppen der AU ermöglicht, bei einer Offensive in der zentralen Region Hiran die Oberhand zu gewinnen.
Beispiel Kenia: Nach den Wahlen Mitte September ist es ruhig geblieben, was keine Selbstverständlichkeit ist in einem Land, in dem es in den vergangenen Jahren oft zu schweren Unruhen bei Abstimmungen gekommen war. Der neue Präsident William Ruto war Kandidat der Opposition.

Beispiel Tansania: Das Land verfügt als wirtschaftlich starke Regionalmacht – die auch enge Beziehungen zu den weiter südlich gelegenen Staaten Afrikas pflegt – ebenfalls über eine stabile Regierung mit einer Frau an der Spitze. Hier sind es eher Risiken aus dem Süden, die den Frieden gefährden. In Cabo Delgado, der Nordprovinz Mosambiks, dem südlichen Nachbarn Tansanias, gärt es schon seit einigen Jahren. Islamistische Separatisten terrorisieren das Land. Es steht zu befürchten, dass sie ihren Einflussbereich nach Norden ausdehnen.

Lesen Sie auch:

Ein riesiger Binnenmarkt, der schnell wächst

Ein größerer Entwicklungsschub könnte auch von der weiter im Aufbau befindlichen afrikanischen Freihandelszone – African Continental Free Trade Area, AfCFTA – ausgehen. Nicht nur Ostafrika, sondern der Kontinent insgesamt verfügt über einen riesigen Binnenmarkt, der schneller wächst als jeder andere auf der Welt. Er beheimatet mehr als 16 Prozent der Weltbevölkerung und hat ein Bruttoinlandsprodukt von insgesamt 2,1 Billionen US-Dollar. Die Bevölkerung ist jung und sehnt sich nach einem höheren Lebensstandard. Auf dieses Potenzial stützt sich die AfCFTA beim Umbau der Produktions- und Handelsstruktur. Sie strebt einen kontinentalen Binnenmarkt für Waren und Dienstleistungen an und soll den Kontinent für den freien Verkehr von Unternehmen, Personen und Investitionen öffnen. Das Abkommen wurde 2018 von den 54 AU-Mitgliedsstaaten unterzeichnet. Im Januar 2021 hat der Handel zu AfCFTA-Bedingungen begonnen.

Mit Handelsliberalisierung und Handelserleichterungen zwischen den bestehenden Regionalen Wirtschaftsgemeinschaften wie zum Beispiel der Ostafrikanischen Gemeinschaft EAC soll die AfCFTA die Wettbewerbsfähigkeit Afrikas auf Industrie- und Unternehmensebene unter anderem durch einen kontinentweiten Marktzugang steigern. Übergeordnetes Ziel ist es, den Trend der Marginalisierung Afrikas im Welthandel umzukehren und durch den Ausbau des innerafrikanischen Handels Wachstum und Entwicklung voranzutreiben.

Leben wecken

Es gibt allerdings noch viel zu tun. Allzu ähnlich sind sich die Staaten in ihrem wirtschaftlichen Portfolio, was den Handel auf der Basis von Angebot und Nachfrage erschwert. Außerdem ist die Infrastruktur als Grundlage für Handel vielerorts unzureichend. Dennoch: AfCFTA bildet den seit langem überzeugendsten Ansatz, aus eigener Kraft Hunger zu überwinden – und den schlummernden Riesen Ostafrika zum Leben zu erwecken.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Michael Gregory Angriffskriege Bürgerkriege Krisen Macky Sall Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Russlands Blockade wichtiger ukrainischer Weizenexporte an die Ärmsten der Armen sorgt im Westen für Entrüstung – und in Afrika für Appeasement-Anfälle. Ein Kommentar.
10.06.2022, 11 Uhr
Stefan Ahrens
In den aktuell bitteren Zeiten unterschiedlicher Krisen scheinen wir auf uns selbst zurückgeworfen – und sind doch nicht allein, wenn wir auf Gott vertrauen.
04.10.2022, 17 Uhr
Thomas Rusche

Kirche

Der Ton bei Kirchens wird rüder. Nun verschärft das Internetportal katholisch.de seine Netiquette und stellt Kriterien auf, über die man streiten kann.
03.12.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die Gruppe, die zum kontinentalen europäischen Vorbereitungstreffen der Weltsynode nach Prag fahren soll, repräsentiert die deutschen Katholiken in keiner Weise.
02.12.2022, 11 Uhr
Dorothea Schmidt
Nach russischer Empörung wurden die Internetseiten des Heiligen Stuhls attackiert. Auffällige Parallelen zum Hacker-Angriff auf das Europäische Parlament.
01.12.2022, 12 Uhr
Meldung
Der heilige Bernardo ist der Schutzpatron von Parma und wird von den Vallombrosianern nach dem heiligen Benedikt von Nursia und dem heiligen Giovanni Gualberti als ihr dritter Gründervater ...
03.12.2022, 21 Uhr
Claudia Kock
Deutsche Stimmen zum römischen Einspruch: Wie soll es weitergehen nach den Referaten der Kardinäle Luis Ladaria und Marc Ouellet?
01.12.2022, 13 Uhr
Redaktion