Wenn’s sein muss, dann kann er auch rumhabecken, aber ansonsten gibt er sich ganz kretschmännisch: Cem Özdemir, der Ober-Realo, der jetzt Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden will, ist nicht der harmlose Grüne, den auch Bürgerliche einfach nur knuddeln wollen.
In Wirklichkeit ist der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister ein trojanisches Pferd. Und deswegen haben die machtverwöhnten Grünen im Ländle auch ihn als ihr bestes Pferd in ihrem Stall ins Rennen geschickt. Er soll ihnen das Ministerpräsidentenamt sichern. Keiner kann so gut wie Özdemir die Taktik der Melonen-Partei ausspielen: außen grün, innen rot. Heißt: nette bürgerliche Fassade, Naturschutz finden doch alle schön, und dann eine flotte Erscheinung, die nicht so hüftsteif daherkommt wie der Durchschnittspolitiker.
Özdemir nutzt die Hagel-Sprüche geschickt für sich
Trotzdem blitzt immer wieder die Ideologiegetriebenheit der Grünen durch, auch in diesem Wahlkampf: Dem CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel schleuderte eine grüne Landtagsabgeordnete einen Sexismus-Vorwurf um die Ohren. Der Grund: etwas unbedarfte, aber im Kern völlig harmlose Äußerungen von ihm vor acht Jahren zum Besuch in einer Mädchen-Realschulklasse.
Özdemir nahm den Ball seiner Parteifreundin dankbar auf, aber eben mit dem taktischen Geschick, das ihn auszeichnet. Er gab den Gönner. Hagel würde so etwas heute sicher nicht mehr sagen. So spricht er die an, die meinen, man sollte es mit solchen Vorwürfen nicht übertreiben. Und nimmt gleichzeitig auch diejenigen mit, die sich über die Hagel-Sprüche entrüsten. Ob die Tatsache, dass seine Grünen bei manchen Umfragen nur noch einen Prozentpunkt hinter der CDU liegen, damit zusammenhängt? Ziemlich sicher.
Dann gibt es aber auch noch einen zweiten Effekt, von dem Özdemir indirekt profitiert. Manche bürgerliche Wähler, die schon immer die Zusammenarbeit der CDU mit den Grünen kritisch gesehen haben, sehen sich durch die Kampagne bestätigt: Die CDU lasse sich von den Grünen auf der Nase herumtanzen. Sie werden aber nicht von Mitleid mit den Schwarzen erfasst. Ganz im Gegenteil: Denen geschehe es doch ganz recht. Heißt im Klartext: Sie wollen eine andere Partei wählen, die ihnen ebenfalls bürgerlich erscheint, die aber einen aus ihrer Sicht klaren Abgrenzungskurs gegen die Grünen fährt. Davon könnte die FDP profitieren, vor allem aber die AfD und vielleicht auch einige Kleinstparteien wie die Werteunion.
Ein Wahlsieg der Grünen wird wahrscheinlicher
Wenn aber der Stimmenvorsprung der Union dank solcher abspenstigen bürgerlichen Wähler kleiner wird, dann ist umso wahrscheinlicher, dass eben genau die Grünen sich am Sonntagabend als Sieger präsentieren können. Deswegen wird jetzt von einigen Christdemokraten die Parole ausgegeben: Wer die AfD wählt, sorgt dafür, dass die Grünen stark in die Regierung kommen. Denn es ist klar, dass niemand, erst recht nicht die Union, mit den Blauen koalieren wird. Mangels anderer Alternativen wird die CDU sich dann nur mit den Grünen zusammentun können.
Die Frage ist nur: Als Juniorpartner oder als Ministerpräsidentenpartei? Wer die CDU als Spitze des bürgerlichen Lagers nicht unterstützen will, verhindert jedenfalls nicht einen Ministerpräsidenten Özdemir. Der befindet sich deshalb im Moment in einer taktisch komfortablen Lage. Ob die Bequemlichkeit bis Sonntag anhält?
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