Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar

Der Özdemir-Trick: Charisma siegt über Vernunft

Cem Özdemir war ein Stimmenstaubsauger nach zwei Seiten: Er zog bürgerliche Wähler genauso an wie die Vertreter des linken Lagers. Wem gibt er nun den Vorrang?
Der grüne Spitzenkandidat Manuel Hagel
Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur | Cem Özdemir wirkte wie ein Stimmenstaubsauger – und die Begeisterung für dessen Charisma war so groß, dass offenbar viele bürgerliche Wähler gegen ihre Vernunft abgestimmt haben.

Das jedenfalls steht fest: Dieser Wahlabend ist ein Sieg für Cem Özdemir. Ob er auch einer für die Grünen wird, zeigt sich in den kommenden Wochen. Schon in seinem ersten Statement betonte der Spitzenkandidat die Unabhängigkeit von seiner Partei. Das Land stehe immer an erster Stelle.

Lesen Sie auch:

Hier spricht der Kretschmann 2.0. Der scheidende Ministerpräsident, für den Özdemir stets sein Lieblings-Kronprinz war, hatte sich in der Flüchtlingskrise teilweise rechts von Angela Merkel positioniert und Horst Seehofer mit seiner Obergrenzen-Forderung unterstützt. Und auch Özdemir selbst hatte öffentlichkeitswirksam darüber geklagt, dass seine Tochter und deren Freundinnen sich an manchen Stellen in Berlin nicht sicher fühlten und über Belästigungen von Männern mit migrantischem Hintergrund klagten – übrigens lange vor den „Stadtbild“-Sätzen des Kanzlers.

Eine Wahlkampagne im Stile Angela Merkels

Das alles und eine Wahlkampagne im Stile von Merkels „Sie kennen mich“-Plakaten hat dazu geführt, dass Özdemir nun vorne liegt. Der grüne Kandidat wirkte wie ein Stimmenstaubsauger – und die Begeisterung für dessen Charisma war so groß, dass offenbar viele bürgerliche Wähler gegen ihre Vernunft abgestimmt haben. Die Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit im Ländle der Wirtschaft die größte Bedeutung zugeschrieben hat. Ebenfalls sieht eine Mehrheit die Kompetenz hier bei der Union. Und trotzdem stimmten offensichtlich einige von denen, die so denken, trotzdem für Özdemir. Der Saugeffekt funktionierte aber auch in die andere Richtung: Linke Wähler, die einen CDU-Ministerpräsidenten verhindern wollten, wählten Grün. Die SPD schaffte gerade noch mit Ach und Krach die Fünfprozenthürde, die Linkspartei blieb knapp darunter.

Damit ist aber auch klar: Stimmenstaubsauger schön und gut, aber es wird der Tag kommen, an dem der Beutel ausgewechselt werden muss. Und dann wird sich zeigen, in welche Schmutzecken Özdemir gehen will. In die, die die bürgerliche Mitte gesäubert sehen will, oder in die, die die linken Lager-Wähler ausgemacht haben? Beide Seiten gleichzeitig wird er nicht zufriedenstellen können.

Und dann gibt es ja auch noch seine eigene Parteibasis. Wie lange wird Özdemir hier mit einem präsidentiellen Stil weiterkommen? Der Vorsprung, den er für die Grünen errungen hat, ist wahrlich nicht groß. Aber ohne ihren Kandidaten hätten die Grünen eben diese entscheidenden Prozentpunkte nicht bekommen. Heute lieben sie alle „den Cem“, aber es könnten schon schnell die Zeiten kommen, in denen diese Abhängigkeit von manchen Grünen wie eine babylonische Gefangenschaft erlitten werden wird.

Manuel Hagel mit zu wenig Zugkraft

Staubsauger war auch die CDU mit Manuel Hagel. Aber mit zu wenig Zugkraft – und anders als die Grünen: nur in eine Richtung, in die bürgerliche. Das muss die FDP jetzt in ihrem Stammland schmerzhaft erleben. Spannend wird nun sein: Ob und wie die Union in mögliche Koalitionsverhandlungen startet. Was wäre eigentlich, wenn sie die Grünen mit einer Minderheitsregierung allein im Regen stehen ließe?

Die Angst vor einer grün geführten Landesregierung, die die CDU in der letzten Phase des Wahlkampfes schüren wollte, scheint es jedenfalls so im Ländle nicht zu geben. Und die Christdemokraten standen hier auch vor einem Dilemma: Sie konnten zwar die Parole ausgeben, dass eine starke CDU einen grünen Ministerpräsidenten verhindere. Aber einen Ausschluss der Grünen von jeder Regierungsverantwortung konnten sie nicht versprechen.

Aber das grüne Schreckgespenst ließ Schwaben und Badener nicht erzittern. Sonst hätte die AfD stärker davon profitieren müssen. War sie doch die einzige politische Kraft, bei der klar war, dass es mit ihr nie eine Zusammenarbeit mit der Öko-Partei geben wird. Die Blauen konnten ihr Ergebnis zwar deutlich verbessern, aber nicht die 20-Prozent-Marke erreichen, wie ihnen bei den Umfragen vorhergesagt wurde. Mag es auch daran liegen, dass Spitzenkandidat Markus Frohnmaier, der auch nicht für den Landtag kandidierte, lieber in die USA reiste, als bei der großen Wahlkampfabschlussveranstaltung aufzutreten? Die Parteispitze soll „not amused“ gewesen sein.

Das war der Auftakt zum Superwahljahr, aber wie es in zwölf Monaten enden wird, lässt sich aus diesem Ergebnis nicht ablesen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Cem Özdemir

Weitere Artikel

Cem Özdemir schlägt Manuel Hagel: Wenn das Land Reformen braucht, hat der nette Schwiegersohn als Politikertypus ausgedient. Stattdessen braucht es den Wettbewerb der Ideen.
09.03.2026, 15 Uhr
Jakob Ranke
Bloß niemanden verschrecken: Weil 2026 in mehreren Bundesländern gewählt wird, streichen die Christdemokraten ihre Reformpläne.
25.02.2026, 14 Uhr
Jakob Ranke

Kirche

Die deutschsprachige Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela stimmt mit einem Rundgang auf Jakobus ein.
09.03.2026, 09 Uhr
Andreas Drouve
Klar, aber nicht hart: Bei der 14. Deutsch-Österreichischen Kirchenrechtstagung in Wien ging es vor allem um kirchliche Anschlussfähigkeit und Profilschärfung.
06.03.2026, 15 Uhr
Stephan Baier
Der Kölner Dom wird von Touristen künftig Eintritt verlangen, Beter kommen kostenlos herein. Eine Chance, die eigentliche Bestimmung der Kathedrale ins Bewusstsein zu rufen.
06.03.2026, 11 Uhr
Regina Einig
Antworten auf die technische Revolution von heute: Die Internationale Theologen-Kommission beim Vatikan stellt dem Transhumanismus die Würde des christlichen Menschenbilds gegenüber.
05.03.2026, 16 Uhr
Guido Horst
Der US-Kardinal spricht über die vertikale Ausrichtung der Heiligen Messe und beschreibt den traditionellen römischen Ritus als Schatz der Kirche, der immer mehr junge Menschen anzieht.
08.03.2026, 20 Uhr
José García