Kommentar um "5 vor 12"

Nicht Besitz der Türkei, sondern Erbe der Menschheit

Die UNESCO und das Europäische Parlament haben Istanbuls Hagia Sophia nicht vergessen.
Öffnung der Hagia Sophia fürs islamische Gebet angeordnet
Foto: Osman Orsal (XinHua) | Passanten gehen über den Platz vor der Hagia Sophia. Rund 90 Jahre nach der Umwandlung des Istanbuler Wahrzeichens Hagia Sophia in ein Museum durch Republikgründer Atatürk wird das Gebäude wieder eine Moschee.

Trotz internationaler Warnungen und Proteste wandelte die Türkei die geschichtsträchtige Hagia Sophia von Istanbul vor einem Jahr in eine Moschee um. Jetzt weist die türkische Regierung jede noch so diplomatisch formulierte internationale Sorge um die Hagia Sophia brüsk als Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei zurück.

Mangel an Dialog und Information

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Das UNESCO-Welterbekomitee argumentiert nicht religiös, erinnert nicht einmal daran, dass an dieser Stelle Christen ein Jahrtausend lang beteten und Eucharistie feierten, dass hier byzantinische Kaiser gekrönt wurden und die Patriarchen von Konstantinopel zelebrierten. Aber die UNESCO weist – ein Jahr nach der erzwungenen Umwandlung – doch darauf hin, dass es einen „Mangel an Dialog und Information“ seitens der türkischen Regierung gebe und man „ernste Befürchtungen“ habe, die Änderung ihres Status könnte dramatische Folgen für den „außergewöhnlichen universellen Wert“ der Hagia Sophia haben.

Zuvor hatte das Europäische Parlament die Umwandlung der Hagia Sophia bedauert: Es sieht darin einen Verstoß gegen das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt. Die Türkei solle ihre Entscheidung „überdenken und rückgängig machen, um den historischen und kulturellen Wert“ dieses „historisch-religiösen Denkmals“ zu achen. Die Hagia Sophia müsse „allen Gemeinschaften und Religionen offen stehen“.

Entlarvende Reaktion aus Ankara

So erfreulich es ist, dass das Europäische Parlament und nun auch die UNESCO ein Jahr nach der Umwandlung nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern ihre Kritik aufrecht erhalten, so deprimierend und entlarvend ist die Reaktion aus Ankara. Die Hagia Sophia sei „Eigentum der türkischen Republik“ und ihre funktionale Nutzung obliege ausschließlich der türkischen Souveränität.

Damit verkennt das türkische Außenministerium, was „Weltkulturerbe“ bedeutet, nämlich dass es ein universelles Erbe gibt, das nicht einem Land alleine und ausschließlich gehört, sondern der Menschheit. Und es verkennt den geschichtlichen wie spirituellen Charakter der Hagia Sophia, die vor ihrer ersten muslimischen Inbesitznahme im Jahr 1453 bereits ein Jahrtausend lang christliche Kirche und geistliches Herz der östlichen Christenheit war. Die Hagia Sophia von Istanbul gehört für immer und unaufgebbar zur Identität der Christenheit.

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