Star und Theologe – das passt eigentlich nicht zusammen: Mouhanad Khorchide ist aber beides. Anders als viele seiner christlichen Kollegen ist der 54-Jährige nicht nur medial präsent, er wirkt auch als Berater der Politik. Das, was vielen Vertretern der christlichen Theologie an den Universitäten nicht gelingt, schafft der islamische Theologe: Khorchide bestimmt das Bild mit, das sich die deutsche Öffentlichkeit von seiner Religion macht. Deswegen ist es nicht wirklich überraschend, dass er nun Gründungsdekan der neuen Fakultät für islamische Theologie wird, die die Universität Münster zum kommenden Wintersemester einrichtet. Als erste staatliche Uni in ganz Europa.
Das Interesse an seinen Thesen ist groß, weil der Religionspädagoge und Soziologe einem Bedürfnis entspricht, ja man könnte fast schon von einer gesellschaftlichen Not sprechen: Dass in unserem Land dauerhaft viele Muslime leben, können auch selbst diejenigen nicht leugnen, die das ausnahmslos kritisch sehen wollen. Doch wissen viele Deutsche immer noch relativ wenig über den Islam, über seine Geschichte, über seine Lehre – eben über das, woran ihre Nachbarn manchmal mit, manchmal ohne Kopftuch eigentlich glauben.
Khorchide und der gesellschaftlich anschlussfähige Islam
Gleichzeitig ist die große Sorge da – die Beispiele dafür, dass sie legitim ist, sind Legion –, dass islamischer Glaube in gewaltbereiten Islamismus, gar in Terrorismus hin ausschlagen kann. In dieses Spannungsfeld konnte Khorchide eine beruhigende Botschaft senden: Es gibt einen Islam, der auch in unserer Gesellschaft anschlussfähig ist. Und das sei auch kein irgendwie auf westliche Bedürfnisse zurechtgebogener Islam, sondern der echte. Der sei nur bisher viel zu sehr von im Grunde glaubensfremden Fundamentalismen überlagert worden.
Kein Wunder, dass Khorchide mit solchen Thesen zu einer Art Übervater des islamischen Religionsunterrichts werden konnte. Denn hier schien doch eine Möglichkeit gegeben, wie der Islam, ganz im Sinne der Böckenförde-Formel, in unsere Gesellschaft integriert werden kann. So wurde Mouhanad Khorchide zum allseits geschätzten Muster-Muslim.
Kritik kam, wenn, dann von den eigenen Glaubensgeschwistern. Und unter Umständen ziemlich massiv. Der Wissenschaftler erhielt immer wieder Morddrohungen. Seit er auch öffentlich dem politischen Islamismus den Kampf angesagt hat – er unterstützte hier etwa den ehemaligen österreichischen Kanzler Sebastian Kurz –, steht er unter Polizeischutz. Mouhanad Khorchide weiß also aus eigener Erfahrung, welchen Preis man zahlen muss, wenn man in diesem Land klar gegen diese totalitären Gefahren den Mund aufmacht. Gerade dann, wenn man selbst Muslim ist. Dieses Schicksal teilt er mit Ahmad Mansour. Es spricht für Khorchide, dass er bis heute bereit ist, diesen Preis zu zahlen.
Gerade Katholiken sollten für das Thema sensibel sein
Schließlich: Gerade die Katholiken können aufgrund ihrer eigenen geschichtlichen Erfahrung in einer speziellen Perspektive auf dieses Themenfeld schauen. Im Kulturkampf der 1870er-Jahre wurde doch ihnen unterstellt, sie seien keine loyalen Staatsbürger, weil sie angeblich nur dem Papst im fernen Rom verpflichtet seien, nicht aber ihrem deutschen Vaterland. Und damit war der Vorwurf der Gesellschaft des Kaiserreiches verbunden, die sich durchaus auf der Höhe der Zeit fühlte, diese Katholiken seien alles Reaktionäre.
Insofern könnten vielleicht gerade Katholiken eine Sensibilität dafür entwickeln, in welchem Spannungsfeld Muslime leben, die Bürger dieses Landes sind und das bleiben wollen, gleichzeitig aber immer wieder mit vermeintlichen Bruchstellen zu ihren Glaubensüberzeugungen konfrontiert werden. Einfach ist diese Lage gewiss nicht. So oder so, Mouhanad Khorchide wird dieses Feld beackern, künftig also nun als Dekan.
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