Bereits während des Pontifikats von Papst Franziskus offenbarte sich, dass innerhalb der amtierenden US-Regierung von Donald Trump und im Vatikan unterschiedliche Auffassungen in Sachen Migration existieren. Leo XIV. weicht in seinen Äußerungen diesbezüglich nicht von der Franziskus-Linie ab, wenn er zu einem menschenwürdigen Umgang mit Migranten aufruft. Gleichwohl betont der amerikanische Papst, niemand sei der Ansicht, die Vereinigten Staaten sollten komplett offene Grenzen haben. Für die nationale Sicherheit zu sorgen, sei das berechtigte Anliegen eines jeden Staates, so Leo.
Damit vertritt der Papst ganz die Linie der katholischen US-Bischofskonferenz, die sich in einem Schreiben vergangenen November ausführlich zur Einwanderungspolitik geäußert hatte. Der Aufhänger war schon damals die seit längerer Zeit schwelende Debatte um den Umgang mit Millionen illegaler Einwanderer in den USA auf der einen Seite und die teils fragwürdigen Methoden der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE in Städten wie Chicago, Los Angeles oder Minneapolis, um Migranten ohne Papiere abzuschieben, auf der anderen.
Johnson: Fremde müssen sich anpassen
Nun hat sich auch der in der Rangfolge dritthöchste US-Politiker in der Migrationsdebatte zu Wort gemeldet. Mike Johnson, der Sprecher des Repräsentantenhauses, verteidigte Ende vergangener Woche gegenüber Journalisten in Washington „Grenzen und Mauern“ als biblisch. Im Alten und im Neuen Testament, so der gläubige evangelikale Christ, habe Gott den Menschen einerseits erlaubt, Zivilgesellschaften und voneinander getrennte Nationen zu bilden. Einwanderung sei nichts, was die heilige Schrift kritisch bewerte, sie werde sogar begrüßt, betonte Johnson unter Verweis auf den oft zitierten Appell, den Nächsten wie sich selbst zu lieben.
In der Bibel heiße es jedoch auch, dass Fremde sich anpassen müssten: „Wenn jemand in dein Land, in deine Nation kommt, hat er nicht das Recht, die Gesetze oder die Gesellschaft zu verändern, er hat sich zu assimilieren“, so Johnson wörtlich. Dies sei im Falle von Einwanderern in den USA zuletzt häufig nicht der Fall gewesen. Zudem würden viele die biblische Mahnung, sich um den Gast und den Fremden zu kümmern, wie um sich selbst, falsch verstehen. Denn diese richte sich zwar an Privatpersonen, nicht aber an den Staat.
„Die Staatsgewalt hat gemäß der heiligen Schrift die Autorität, die Ordnung zu bewahren“, so der Republikaner. Wer sich korrekt verhalte, müsse die Staatsgewalt nicht fürchten, diese sei jedoch notwendig, um Recht und Gesetz durchzusetzen. Mit einem Seitenhieb auf die demokratische Vorgängerregierung ergänzte er: „Als Biden und Harris vier Jahre lang die Grenzen sperrangelweit öffneten, kamen sage und schreibe 20 Millionen illegale Einwanderer in unser Land. Wir alle wissen, darunter waren viele gefährliche Leute, beinharte Kriminelle, Kinderschänder, Vergewaltiger, Mörder, Terroristen und dergleichen.“ Staatliche Grenzen seien „biblisch, gut und gerecht“ – und zwar „nicht, weil wir die Menschen außerhalb der Grenzen hassen, sondern weil wir die im Innern lieben“.
Auch der Papst plädiert nicht für offene Grenzen
Wo Johnson und Leo XIV. übereinstimmen dürften: Auch der Papst hatte in seinen Äußerungen zur US-Einwanderungspolitik vergangenen November betont, jedes Land habe das Recht zu entscheiden, wer es wie und wann betritt. Unklar ist, ob Johnson auch folgende Ergänzung Leos teilen würde: „Wenn Menschen ein gutes Leben geführt haben – viele von ihnen zehn, 15, 20 Jahre lang – dann ist es besorgniserregend, wenn sie – gelinde gesagt – äußerst respektlos und in Einzelfällen sogar mit Gewalt behandelt werden.“
Trotz unzweifelhafter Differenzen: Zu einem mehr oder weniger offenen verbalen Schlagabtausch über das Thema Migration, wie er zwischen dem US-Vizepräsidenten J.D. Vance und Papst Franziskus zu erleben war, dürfte es unter Leo wohl erst einmal nicht kommen. Dies würde dem Ansatz des amerikanischen Papstes, zuzuhören und mit allen Seiten im Gespräch zu bleiben, widersprechen. Die tödliche Gewalt, die einzelne ICE-Beamte im Januar in Minneapolis gegen Demonstranten anwendeten, verurteilte der Vatikan trotzdem als „inakzeptabel“ – zwar nicht Leo persönlich, wohl aber dessen Staatssekretär, Kardinal Pietro Parolin.
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