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Heimat in der Fremde

Über die Nachfolge Christi in der deutschsprachigen katholischen Emmaus-Gemeinde in Indien.
Emmaus-Gemeinde in Delhi/Indien.
Foto: Imago/Hindustan Times | Christen in Indien haben keine gesellschaftliche Macht, sind aber ein lebendiger Sauerteig. Das Foto zeigt eine Eucharistiefeier in der Kathedrale in Neu Delhi.

Seit über fünfzig Jahren gibt es sie: die deutschsprachige katholische Emmaus-Gemeinde in Indien – eine kleine, aber lebendige Gemeinschaft von Menschen, die in der Fremde Heimat suchen, mit Christus in ihrer Mitte. Seit fast einem Jahr darf ich als Pfarrer dieser Gemeinde wirken. Sie ist in ihrer Struktur einzigartig: eine kirchliche Institution für deutschsprachige Katholiken – getragen von der Kirche, die geistlich und finanziell in die Seelsorge für ihre Landsleute investiert, die fern der Heimat leben.

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Unsere Gemeinde ist ein buntes Mosaik: Mitarbeiter der Botschaften Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, Angestellte internationaler Firmen, Familien mit indischen Ehepartnern, Praktikanten, Studierende, Touristen – und manchmal auch Menschen in schwierigen Lebensumständen. Ich besuche sie alle – in Neu-Delhi ebenso wie in Städten wie Mumbai, Pune, Chennai oder Bangalore.

Geistlich verbunden trotz räumlicher Distanz

Ich unterrichte Religion und Ethik an der Deutschen Schule in Neu-Delhi. Zudem pflege ich Kontakte zu deutschen Stiftungen, Unternehmen und Stammtischen, um Menschen zum Gottesdienst einzuladen oder seelsorgerlich zu begleiten. Oft sind unsere Feiern klein – manchmal kommen nur zwei oder drei Personen. Doch auch das ist Kirche: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18, 20)

Trotz räumlicher Distanz bleiben wir geistlich verbunden. Über YouTube, Facebook und Instagram biete ich fast täglich Impulse zu den Tageslesungen an. Viele schöpfen daraus Kraft und Nähe. Auch seelsorgerliche Gespräche über Zoom gehören selbstverständlich zu meinem Dienst.

Verkündigung und Nächstenliebe über die Konfessionen hinweg

Ein besonderes Geschenk ist das gute ökumenische Miteinander. Mit der evangelischen Gemeinde leben wir in enger, herzlicher Gemeinschaft – in Gottesdiensten, bei Festen und im alltäglichen Austausch. In der Fremde wächst so eine deutsche Christengemeinde in Delhi und an anderen Orten Indiens. Wir erleben, dass das, was uns eint, stärker ist als das, was uns trennt. Gemeinsam bezeugen wir das Evangelium, teilen Glauben, Hoffnung und Nächstenliebe über konfessionelle Grenzen hinweg.

Besonders wichtig ist mir der Kontakt zur indischen Ortskirche. Ich darf in der Erzdiözese Delhi Erstkommuniongottesdienste feiern – Zeichen weltkirchlicher Einheit über Sprache und Kultur hinaus. Regelmäßig nehme ich an diözesanen Veranstaltungen teil, um den Brückenschlag zwischen der deutschsprachigen Gemeinde und der indischen Kirche zu stärken. Unsere Gemeinde ist klein, aber sie lebt. In diesem Jahr haben wir fünf Kinder zur Erstkommunion geführt; bald beginnen die Vorbereitungen für die nächste Erstkommunion und die Firmung.

Kraftquelle Tabernakel

In meinem Apartment habe ich eine kleine Kapelle mit Tabernakel – meine tägliche Quelle der Freude und Kraft. Sie trägt mich, besonders in Momenten der Einsamkeit. Nach siebzehn Jahren in einer großen Seelsorgeeinheit in Leimen–Nußloch–Sandhausen ist das Leben hier kleiner, stiller, aber innerlich tiefer. Ich lerne, im Vertrauen zu wachsen. Wegen politischer Spannungen agieren wir meist im privaten Rahmen. Auch das ist eine neue Erfahrung: Kirche sein – leise, im Hintergrund und doch lebendig.

Die katholische Kirche in Indien ist eine Kirche des Zeugnisses, nicht der Macht. In einem Land mit über einer Milliarde Menschen und unzähligen Religionen ist sie Teil eines faszinierenden spirituellen Mosaiks. Sie ist klein, aber lebendig – verwurzelt im Dienst, in Bildung und Nächstenliebe. Der interreligiöse Dialog ist hier keine Zugabe, sondern Notwendigkeit.

Beziehung als Raum der Gnade

Ich begegne täglich Hindus, Muslimen, Buddhisten, Christen – und Menschen ohne religiöse Bindung. In dieser Vielfalt entdecke ich das Wirken Gottes. Dialog bedeutet für mich nicht, den anderen zu missionieren, sondern ihn als Spiegel der göttlichen Wahrheit zu verstehen. Jede Begegnung kann ein heiliger Ort sein, jede Beziehung ein Raum der Gnade.

Über meine pastorale Arbeit hinaus engagiere ich mich sozial: 2021 gründete ich in Indien die Stiftung Arul Arakkattalai, die Bildungs- und Gesundheitsprojekte für Kinder und Bedürftige fördert; 2022 folgte in Deutschland der Förderverein Arul Trust e.V. Beide tragen dazu bei, Armut zu lindern und nachhaltige Entwicklung zu fördern.

Neben dieser Arbeit veröffentliche ich Bücher in deutscher und englischer Sprache und nutze digitale Medien, um den Glauben zeitgemäß zu verkünden. Auch die katholische Presse in Indien – etwa die Wochenzeitschrift „The Examiner“ und das Magazin „The New Leader“ – berichtet regelmäßig über das Leben der deutschsprachigen Gemeinde. Das zeigt, dass unsere kleine Oase in der Fremde wahrgenommen wird.

Eine Oase mit Christus in der Mitte

Die Emmaus-Gemeinde ist tatsächlich eine Oase: ein Ort der Begegnung, des Gebets, des Trostes. Eine geistliche Heimat für alle, die in Indien als Deutschsprachige leben und in Jesus Christus die Mitte ihres Lebens suchen. Über unsere Homepage www.emmausgemeinde.in bleiben wir erreichbar – für Reisende, Suchende und alle, die in der Fremde nicht allein sein wollen.

Ein Schriftwort begleitet mich täglich: „Da wurden ihre Augen aufgetan, und sie erkannten ihn, als er das Brot brach.“ (Lk 24, 31) Hier, inmitten der Vielfalt Indiens, wird es lebendig wie nie zuvor. Denn auch in der Fremde erkennen wir Christus neu: im gebrochenen Brot, in der Gemeinschaft und in der Hoffnung, die uns verbindet.

Da sein und zuhören

Kirche sein in Indien heißt, inmitten von Gegensätzen Hoffnung zu säen. Es bedeutet, präsent zu sein, zuzuhören, zu versöhnen, Vertrauen zu schenken. Ich sehe meine Aufgabe darin, Brücken zu bauen – zwischen Ost und West, zwischen Kulturen und Religionen, zwischen Herz und Verstand.

In einer zerrissenen Welt möchte ich Zeichen setzen – für Glauben, Hoffnung und Liebe. Und ich vertraue darauf, dass Christus selbst diese Brücken trägt, die wir in seinem Namen bauen.


Der Verfasser ist Pfarrer der deutschsprachigen Emmaus-Gemeinde in Neu-Delhi und hat kürzlich ein Buch veröffentlicht: Verlorener Glaube? – Warum der Glaube in Europa schwindet – Ein theologischer, philosophischer und anthropologischer Deutungsversuch, Words by G2, 2025, broschiert, 119 Seiten, EUR 10,69

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