Kommentar um "5 vor 12"

Materialismus oder Moralismus

Die Linkspartei hat ein Sexismus-Problem. Der aktuelle Skandal offenbart aber eine tiefere Krise, vor der die SED-Nachfolger stehen.
Wissler will Linke alleine weiterführen
Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa) | In Wirklichkeit reichen die Ursachen für den innerparteilichen Konflikt der Linken tiefer. Der aktuelle Skandal sorgt lediglich dafür, dass die SED-Fortsetzungspartei dem schon länger schwelenden Richtungsstreit ...

Ein Gespenst geht um in der Linkspartei: der Sexismus. Die Recherchen des „Spiegel“ über sexistische Vorfälle im hessischen Heimatverband der Linken-Bundesvorsitzenden Janine Wissler haben eine Kettenreaktion ausgelöst. Vorläufiger Höhepunkt: der Rücktritt von Wisslers Tandem-Partnerin im Bundesvorsitz, Susanne Hennig-Wellsow. Aber damit scheint die Krise der Linken noch nicht vorbei zu sein. Zwar haben nun die Parteigremien beschlossen, die bekanntgewordenen Fälle aufzuarbeiten – was man eben so macht, wenn so ein Skandal plötzlich aufploppt. Aber in Wirklichkeit reichen die Ursachen für den innerparteilichen Konflikt tiefer. Der aktuelle Skandal sorgt lediglich dafür, dass die SED-Fortsetzungspartei dem schon länger schwelenden Richtungsstreit über ihr Selbstverständnis nicht länger ausweichen kann. 

Sexismus als Überbleibsel der bürgerlichen Welt

Marxisten sehen sich als eine Avantgarde. Weil sie nach ihrer Ideologie die Strukturen des gesellschaftlichen Seins besser durchschauen und analysieren als alle anderen, sind sie davon überzeugt, dass sie auch über das bessere Bewusstsein verfügen. Wo sie sind, da ist der Fortschritt. Dieses Avantgardebewusstsein schützt vor Selbstkritik. So etwas wie Sexismus ist danach ein Überbleibsel der bürgerlichen Welt mit ihren patriarchalen Herrschaftsstrukturen. In der „Avantgarde der Arbeiterklasse“ kann es so etwas natürlich nicht geben. Der aktuelle Skandal ist deswegen für die Linkspartei besonders niederschmetternd. Er trifft sie in ihrer ideologischen Hybris, ihrem Selbstbewusstsein dank ihrer Dialektik automatisch immer auf der richtigen Seite der Geschichte zu sein. 

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Zwar hätte man auch schon vorher wissen können, dass es nicht ausreicht, Jahr um Jahr den Weltfrauentag zu begehen, um sich gegen Sexismus zu immunisieren. Und auch ist nicht überraschend, dass zwischen dem Frauenbild ehemaliger NVA-Offiziere und Kombinatsleiter auf der einen Seite und Antifa-Aktivisten von heute auf der anderen nicht nur Lücken, sondern ganze Lebenswelten liegen. Diese habituellen Unterschiede in ihrer Anhängerschaft kann die Linkspartei nun nicht mehr länger übergehen. Dabei wird sich zeigen, ob sie den alten Marxschen Lehrsatz wirklich selbst berücksichtigt: Wenn das gesellschaftliche Sein tatsächlich das Bewusstsein bestimmen sollte, dann kann sie nicht ignorieren, dass die von ihr anvisierte Wählerschaft, die sozial Abgehängten, die Menschen in prekären Lebensverhältnissen, andere Probleme haben, als sich mit Identitätspolitik zu befassen.

Es sieht aber so aus, dass die Linke genau mit diesem identitätspolitischen Ansatz nun versuchen wird, ihr Sexismus-Problem zu lösen. Damit nähert sie sich zwar „woken“ akademischen Zirkeln an, entfernt sich aber immer mehr von Hochofen und Fließband. Eine solche Richtungsentscheidung zugunsten von Moralismus statt Materialismus könnte zum Sargnagel der Linkspartei werden. Freilich, ein Grund zu trauern, wäre das nicht.  

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