Politiker werden in der Regel genau dann von Menschen geliebt, wenn sie möglichst unpolitisch wirken. Also, wenn sie Visionen entwickeln, von unverrückbaren Grundsätzen und Prinzipien sprechen – kommt dann noch eine Prise Charme dazu, sind die guten Umfragewerte quasi abonniert. Mark Rutte ist der genaue Gegentyp. Er macht nicht nur einfach Politik, er lebt Politik. Für ihn sind die Gesetze und die eigene Logik dieser politischen Welt offenbar so selbstverständlich, dass ihm die große Diskrepanz zu den Alltagserfahrungen der Menschen gar nicht mehr auffällt.
Ist das nun Betriebsblindheit oder ein großer Vorteil? Den 59-jährigen Niederländer jedenfalls scheint es nicht zu kümmern, wenn er schon seit Wochen als NATO-Generalsekretär Donald Trump Honig um den Bart schmiert – und anders als viele Zuschauer nicht das Gefühl hat, damit auch seine Selbstachtung zu verlieren. Denn Rutte hat hier nicht bloß mit einem kleinen Löffelchen gearbeitet, es sind schon einige Dutzend Honiggläser dabei draufgegangen.
Kein Einfaltspinsel, ein alter Fahrensmann
Zuletzt brachte Rutte eine große Tafel zu Trump mit, die anzeigt, wie die europäischen Mitglieder der NATO in den vergangenen Jahren ihre Verteidigungsausgaben erhöht haben. Die Botschaft dahinter: Dies sei natürlich das Verdienst von „Donald the Great“. Dass das Layout, in dem die Tafel gestaltet war, sich an Trumps Bestseller „The Art of the Deal“ orientierte, ist dabei nun das eine kleine Stückchen im Mosaik, das sich freilich für die Rutte-Kritiker längst zum Gesamtbild geformt hat: Für sie ist er ein Kriecher.
Und damit sind wir wieder beim Anfang: Oder ist er einfach nicht nur ein guter Politiker? Verhandeln ist doch das politische Kerngeschäft.
So hat nun auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius Rutte als großen Kommunikator gelobt. Und Bundeskanzler Friedrich Merz hält es vielleicht bei seinem Urteil mit seinen beiden großen Vorgängern: „Wir müssen die Menschen nehmen, wie sie sind, wir haben keine anderen“, sagte Konrad Adenauer. Und Helmut Kohl wusste: „Am wichtigsten ist, was hinten dabei rauskommt.“
Ob und wenn ja wie viel bei Ruttes Taktik rauskommt, das wird nun der NATO-Gipfel in Ankara zeigen. Mark Rutte ist jedenfalls kein Einfaltspinsel, sondern ein alter Fahrensmann. Niemand hat in der niederländischen Geschichte so lange als Ministerpräsident regiert – vielen wechselnden und vor allem auch komplizierten Regierungskoalitionen zum Trotz. Rutte versteht sein Handwerk. Und noch ein Vorteil im Vergleich zu den oben genannten edlen Heilsbringern, die alle wegen ihres Idealismus mögen: Hier werden die eigentlichen harten Ziele oft mühsam verschleiert. Bei Rutte weiß der Mensch hingegen, woran man ist.
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