Warum Donald Trump nach vollmundigen Ankündigungen, Grönland so oder so „besitzen“, also kaufen oder militärisch einnehmen zu wollen, in der Vorwoche noch einmal beidrehte, zunächst der Gewalt abschwor und dann exorbitanten Strafzöllen gegen die widerborstigen Europäer? Nun, dazu gibt es zwei Erzählungen: Die eine sagt, der kuschelige NATO-Generalsekretär Mark Rutte habe in Davos in der ihm eigenen demonstrativen Unterwürfigkeit gegenüber Trump so viel Freundliches über die Bedeutung der USA und ihres Präsidenten für die globale und die grönländische Sicherheit von sich gegeben, dass Trump wohlgestimmt den Eindruck gewann, seine Ziele auch über den roten Teppich angehen zu können.
Zuvor hatte Trump in seiner Davoser Rede kein gutes Haar an der NATO gelassen, dafür aber Rutte – „Mark, bist du hier?“ – gute Betragensnoten gegeben. Nach dem „Deal“, dessen genauen Inhalt die Welt immer noch nicht kennt, erklärte der Niederländer Rutte in laufende TV-Kameras, warum Europa sich Trump sogar freudig fügen solle: „Er ist der Führer der freien Welt!“
Der Trump-Flüsterer
Eben diesen Eindruck haben die meisten Staatenlenker Europas seit einigen Tagen nicht mehr. Und genau damit hat die widersprechende Erzählung zu tun. Die erklärt Trumps Einlenken weniger psychologisch, dafür rationaler: Trump habe seine Maximalforderung (Grönland zu „besitzen“) aufgefahren, um zu sehen, wie Dänemark und die EU reagieren. Und die fügten sich – anders als Rutte es praktiziert und empfiehlt – den kolonialen Begehren des US-Präsidenten diesmal ganz und gar nicht.
Im Gegenteil: Von Frederiksen bis Von der Leyen, von Macron bis Meloni gab es Widerspruch und die Entschlossenheit zum Widerstand. Das vereinte Europa sammelte sich hinter Dänemark. Auch Trumps Drohung mit Mega-Zöllen schüchterte die Europäer diesmal nicht ein – aber die Märkte, die einen transatlantischen Handelskrieg heraufziehen sahen. Zinsen und Börsenkurse jedoch bilden eine Wirklichkeit, die auch Trump nicht ignoriert. Also lenkte er ein.
Versenkt wurde bei dem Manöver allerdings das transatlantische Vertrauen. Denn – wir erinnern uns – auch Von der Leyen, Macron, Merz und Meloni haben sich ein Jahr lang um das Wohlwollen des über alle Maßen selbstbewussten US-Präsidenten eifrig bemüht. Aus gutem Grund: Zur Erkenntnis, dass in einer gefährlicher gewordenen Welt voller brutaler Autokraten und imperialer Gelüste in Moskau wie in Peking die freie Welt besser zusammenstehen sollte, braucht es ja keine nobelpreisverdächtige Intelligenz. Aber herumschubsen lassen sich die Europäer nach den Grönland-Eskapaden Trumps wohl auch nicht länger. Außer Mark Rutte freilich, der den US-Präsidenten schon mal öffentlich als einen „Daddy“ bezeichnete, der manchmal „starke Worte benutzen“ müsse.
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