Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Israels Sicherheitskonzept

Druckkochtopf Nahost

Die Frage, ob die USA den Iran militärisch angreifen, bestimmt Israels Sicherheitskonzept. Derzeit muss die Regierung in Jerusalem militärstrategisch jonglieren und hoffen, dass Trump im Falle eines Angriffs auf die Mullahs weiß, was er tut.
Israels Premier Benjamin Netanjahu US-Präsident Donald Trump
Foto: IMAGO/OFFICE OF THE PRIME MINISTER OF (www.imago-images.de) | Israels Sicherheitsarchitektur hängt ganz von den Entscheidungen in Washington ab. Premier Benjamin Netanjahu (links) weiß das ebenso wie US-Präsident Donald Trump.

Nun ist die dominierende strategische Frage in Nahost nicht mehr allein der Konflikt um Gaza oder die Gewalt in der Westbank, sondern die Gefahr eines militärischen US-Schlags gegen das iranische Regime unter Präsident Donald Trump. Diese Perspektive wird in Washington diskutiert, begleitet von einem militärischen Aufgebot und diplomatischen Drohgebärden. Ein Szenario, bei dem die USA direkt in das regionale Gefüge eingreifen und den Nahen Osten damit in eine neue Phase katapultieren könnten. Trumps Administration hat wiederholt betont, dass eine militärische Option vorbereitet werde, einschließlich einer „riesigen Flotte“, die in Richtung Iran unterwegs sei, während zugleich signalisiert wird, dass ein Einsatz zu vermeiden wäre, falls Teheran Trumps Forderungen Folge leistet.

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Diese Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit den massiven innenpolitischen Spannungen im Iran, wo seit Wochen weitreichende Proteste gegen die Führung andauern. Zwar sind die Demonstrationen durch harte staatliche Repression und die Tötung Tausender Zivilisten weitgehend unterdrückt worden, doch bleibt die Lage fragil, das Morden geht weiter. Teheran hat auf Trumps Drohungen reagiert und erklärt, dass jeder ausländische Eingriff als „all-out war“ verstanden werden würde, als totaler Krieg mit entsprechenden militärischen Reaktionen.

Sicherheitskräfte in Gaza und Westjordanland

Israel befindet sich in diesem Spannungsfeld in einer äußerst prekären Lage. Das Land hat seine militärische Vorbereitung auf ein intensives Konfliktszenario deutlich erhöht, die Armee ist in Alarmbereitschaft, die Raketenabwehrsysteme stehen bereit zum Einsatz. Gleichzeitig versucht die Regierung in Jerusalem, in anderen Konfliktzonen relative Ruhe zu schaffen, etwa indem Premier Benjamin Netanjahu die Einladung in den „Board of Peace“, den internationalen Friedensrat von Trump, annahm, um zumindest an einem Frontabschnitt für den Augenblick eine gewisse Deeskalation zu erreichen. Diese multilaterale Initiative, die von den USA getragen wird, soll aus Sicht Netanjahus nicht primär ein politischer Durchbruch, sondern ein strategisches Pufferinstrument sein, um den Gaza-Konflikt aus der täglichen Krise herauszuhalten, damit Ressourcen und Aufmerksamkeit für die wachsende Iran-Frage frei werden. Gleichzeitig muss der Premier zwischen Trumps Forderungen für eine Lösung des Gaza-Problems und den Besatzungsträumen seiner rechtsextremen Koalitionspartner lavieren.

Für Israels strategische Planung ist die explodierende Gewalt in der Westbank durch jüdische Siedler, die neue Rekordwerte erreicht hat, ein politisches und sicherheitspolitisches Problem. Diese Gewalt bindet israelische Sicherheitskräfte und politisches Kapital in einer Zeit, in der Jerusalem Fokussierung und Flexibilität dringend benötigt, um größere regionale Risiken zu managen. Durch die gebündelte Präsenz der Sicherheitskräfte in Gaza und im Westjordanland wird Israels strategische Handlungsfähigkeit in einem internationalen Konflikt eingeengt: Jede zusätzlich gebundene Brigade ist eine reduzierte Option im Kampf gegen den Iran und seine Verbündeten. Allerdings ist die Regierung selbst schuld an dieser Entwicklung. Finanzminister Bezalel Smotrich etwa, selbst ein radikaler Siedler, finanziert die Extremisten im Westjordanland und fördert den Siedlungsbau.

Im Norden ist die Hisbollah im Libanon weiterhin nicht entwaffnet und operiert trotz wiederholter Resolutionen und Appelle mit Unterstützung aus Teheran. Ihr Arsenal aus Raketen und Drohnen ist zwar im Krieg 2024 von Israel zu 70 Prozent vernichtet worden, doch im Fall einer direkten Auseinandersetzung mit dem Iran könnte die schiitische Miliz noch immer ein potenzieller Katalysator für eine zweite Front werden. Ein direkter Angriff der USA gegen iranische Regierungselemente oder militärische Infrastruktur könnte die Hisbollah motivieren, einen Raketenkrieg gegen Israel zu eröffnen, was Israel zusätzlich binden würde. Zwar hat sich der iranische Proxy im direkten Krieg zwischen Teheran und Jerusalem, im Zwölf-Tage-Krieg im Juni 2025, auffallend zurückgehalten, doch sollte das Mullah-Regime in existenzielle Gefahr geraten, könnte die Hisbollah sich gezwungen sehen, einzugreifen. Was wohl das endgültige Aus für die Terrororganisation bedeuten würde. Dennoch sieht Israel eine Entwicklung mit Sorge, in der die Armee nicht nur eine einzelne Front, sondern multiple gleichzeitige Gefechte managen müsste.

Werden die Karten neu gemischt?

Die Lage in Syrien verschärft dieses Mehrfronten-Problem. Die aktuellen Spannungen zwischen Syriens Regierung und kurdischen Kräften machen das Land zu einem potenziellen unruhigen Brennpunkt. Zwar hat der neue Machthaber Al-Sharaa den Iran aus seinem Land hinausgeworfen und die Verbindungslinie für Waffenlieferungen vom Iran zur Hisbollah im Libanon gekappt, doch gibt es weiterhin Schmuggelbewegungen über Land, die dazu führen könnten, dass syrische Gebiete zu einem weiteren Kriegsschauplatz werden, der nicht nur Israel, sondern auch seine Nachbarn sowie Russland und die Türkei in komplexe Entscheidungen involviert.

So ist Israels strategisches Kalkül keineswegs eindimensional: Die militärische Führung muss gleichzeitig die Gefahr eines direkten iranischen Angriffs auf die Heimatfront – über Raketen, Drohnen oder asymmetrische Cyber- und Guerillahandlungen – im Blick behalten, die Vulnerabilität gegen Hisbollah-Raketen im Norden kalkulieren, lokale Unruhen und Aufstände in der Westbank eindämmen und verhindern, dass ein erweitertes syrisches Konfliktfeld seine Ressourcen bindet. Viele Analysten sprechen von einem strategischen Druckkochtopf: Der Grad an Interdependenz zwischen all diesen Konfliktlinien ist 2026 größer denn je, und ein Funke – wie ein offener amerikanisch-iranischer Krieg – könnte das Gefüge sprengen. Oder ein- für alle Mal lösen. Dann nämlich, wenn das Regime in Teheran stürzen würde.

Für die USA ist ein militärischer Einsatz gegen den Iran keine rein geopolitische Frage, sondern auch innenpolitisch aufgeladen. Trump hat Drohungen gegen Teheran ausgesprochen und deutlich gemacht, dass er ein Regime, das Millionen Demonstranten unterdrückt und Unruhen gewaltsam erstickt, „auswechseln“ wolle. Das geht weit über ein rein defensives oder begrenztes militärisches Ziel hinaus. Trump hatte seinen Anhängern versprochen, keine neuen Kriege anzufangen und sich um inneramerikanische Probleme zu kümmern, doch dem ist nicht so. Seine Aktion in Venezuela war ein Signal, das die USA jedoch so gut wie nichts kostete. Ein Angriff auf den Iran müsste für Trump aber ein Erfolg werden, etwas anderes würden seine Wähler ihm nicht verzeihen.

Innerhalb Israels gibt es im Augenblick keine kategorische Sicherheit, dass ein direkter Angriff stattfinden wird, doch die Gefahr ist real. In Israel überlagert dies nahezu alle anderen sicherheitspolitischen Erwägungen. Die Frage, ob Trump den Iran militärisch angreift, ist die zentrale Variable, die darüber entscheidet, wie es 2026 weitergehen wird mit dem fragilen Waffenstillstand in Gaza, der prekären Lage in der Westbank, der Drohkulisse der Hisbollah, den Spannungen in Syrien und Israels gesamter Sicherheitsarchitektur. Die Karten im Nahen Osten könnten völlig neu gemischt werden.


Der Autor war Israel-Korrespondent der ARD, ist Buchautor und Publizist in Tel Aviv.

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