Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung CDU-Bundestagsabgeordnete Anne König im Gespräch

„Wer Sex kauft, beteiligt sich an einem verbrecherischen System“

Die These, Sexkauf sei eine neutrale Dienstleistung zweier gleichermaßen freier Menschen, ist naive Selbsttäuschung, meint die CDU-Bundestagsabgeordnete Anne König.
Die CDU-Bundestagsabgeordnete Anne König
Foto: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net) | Sie sitzt seit 2021 im Bundestag: Anne König, Jahrgang 1984, ist direkt gewählte Abgeordnete des Wahlkreises Borken II. Die Christdemokratin holte das beste Zweitstimmenergebnis für ihre Partei in NRW.

Frau König, Sie fordern ein Sexkaufverbot in Deutschland. Warum?

Weil wir in Deutschland tagtäglich hinnehmen, dass die Körper vor allem junger, ausländischer Frauen wie Wegwerfware gehandelt werden und das dann noch „Gewerbe“ oder „Sexarbeit“ nennen. Für die organisierte Kriminalität ist ein Mensch, der sexuell ausgebeutet wird, eine Ware wie Waffen und Drogen: genauso lukrativ, aber mit einem deutlich geringeren strafrechtlichen Risiko. Was wir in Bordellen, Hotelzimmern und Airbnbs sehen, ist kein Bereich freier Entscheidungen, sondern ein Geschäftsmodell, das auf Zwang, Armut, Schulden, Sucht und emotionaler Abhängigkeit aufbaut. Viele Frauen berichten von Gewalt, Demütigung, von zehn und mehr Freiern an einem Tag, von Alkohol, Drogen und Medikamenten, ohne die sie das nicht ertragen würden. Zu behaupten, Sexkauf sei eine neutrale Dienstleistung zweier gleichermaßen freier Menschen, ist naive Selbsttäuschung, denn Freiheit setzt reale Wahlmöglichkeiten voraus, und die haben die allermeisten Frauen in diesem System nicht. Die Frage nach der Prostitution ist deshalb immer auch eine Frage nach uns selbst. Ob wir den anderen noch als Gegenüber sehen oder nur als Objekt. Unser christlich geprägtes Menschenbild sagt: Der Mensch ist Person, nicht Produkt; einmalig, unverfügbar, mit einer Würde, die nicht zur Disposition steht.

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Die Liberalisierung der Prostitution war also ein Fehler?

Die Reform von 2002 sollte die Prostitution aus der Grauzone holen, Sozialversicherungen ermöglichen, Kriminalität eindämmen. Dies erwies sich aber als fataler politischer und auch moralischer Rückschritt, letztendlich war es nur ökonomischer Liberalismus. Es werden schätzungsweise 14 Milliarden Euro jährlich in Deutschland mit Sexarbeit umgesetzt. Und laut Bundesfamilienministerium bezahlen täglich 1,2 Millionen Männer für sexuelle Dienstleistungen. Das macht etwas mit einer Gesellschaft.

Nämlich was?

Beratungsstellen und Strafverfolgungsbehörden haben mir berichtet, dass sich ein erheblicher Teil der Szene in den informellen und illegalen Bereich verlagert hat. 2024 registrierten deutsche Ermittler 576 beendete Verfahren wegen Menschenhandels sowie Ausbeutung, weit mehr als zu Beginn der Erfassung im Jahr 2000. Und auch der Versuch, durch eine Gesetzesänderung im Jahr 2017, diese schlimme Entwicklung einzudämmen, ist gescheitert, weil sie zu keinen Verbesserungen geführt hat.

Schweden hat 1999, Norwegen 2009 und Kanada 2014 ein Sexkaufverbot eingeführt. Welche positiven Folgen erwarten Sie, wenn Deutschland diesem Beispiel folgte?

„Dieses Modell verschiebt die kulturelle Scham:
weg von den Frauen, hin zu denen, die sie kaufen"

Kurz zur Einordnung: Richtig, in Schweden erklärte die sozialdemokratische Regierung 1999, also jene Regierung, die in vielem als Sehnsuchtsvorbild rot-grüner Politik in Deutschland galt, dass es unanständig ist, Sex zu kaufen. Man kauft keine Frauen. Punkt. In Skandinavien, in Frankreich und in Varianten in Kanada, Irland und Israel gilt heute das „Nordische Modell“: Nicht die Frau wird kriminalisiert, sondern der Käufer. Dieses Modell verschiebt die kulturelle Scham: weg von den Frauen, hin zu denen, die sie kaufen. Noch immer lautet das Schimpfwort „Nutte“, und auf der anderen Seite steht der „Kunde“, der „Klient“ oder der „Freier“. Hier muss ein neues Denken her, und das erwarte ich auch durch eine gesetzliche Ächtung des Sexkaufs. Zugleich wird die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden erheblich vereinfacht: Sexkauf ist einfach und objektiv nachweisbar, über Kommunikation, Zahlungswege, Standortdaten, Videoaufzeichnungen, Taxi- oder Buchungsprotokolle. Für eine Anklage genügt der Nachweis einer Transaktion; die belastende Aussage der Betroffenen ist nicht mehr zwingend erforderlich. Der Duisburger Polizeipräsident Alexander Dierselhuis, früher Staatsanwalt für organisierte Kriminalität, erklärte im Bundestag, dass Ermittlungen gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution nach geltendem Recht extrem personalintensiv und meist aussichtslos seien. Das Nordische Modell hingegen ermögliche „eine deutlich effektivere Strafverfolgung und einen erheblichen Zuwachs an Schutz für betroffene Frauen“. Natürlich sind wir nicht naiv, auch in Schweden gibt es weiterhin Sexkauf. Raub und Mord können wir auch nicht vollständig verhindern, aber es schreckt ab, wenn Täter wissen, dass sie etwas tun, für das sie bestraft werden können.

Studien zufolge leiden rund 68 Prozent der Prostituierten an posttraumatischen Belastungsstörungen. Trotzdem wird hierzulande häufig von „Sexarbeiterinnen“ gesprochen, so als handle es sich um einen Beruf wie jeden anderen. Brauchen wir hier mehr Aufklärung?

Wenn in Studien knapp zwei Drittel der untersuchten Frauen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweisen, also ein Profil, das man sonst bei Kriegs- oder Gewaltopfern findet, dann ist die These, es sei ein „Beruf wie jeder andere“, absurd. Wir brauchen hier dringend Information und Aufklärung. Männer müssen wissen: Wer Sex kauft, beteiligt sich an einem verbrecherischen System, dessen reale Kosten andere tragen, an Körper und Seele.

Im Grundsatzprogramm Ihrer Partei heißt es: „Sexuelle Ausbeutung, Menschenhandel und Prostitution sind mit der Würde von Menschen nicht vereinbar.“ Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD jedoch lediglich auf eine Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes einigen können. Wie ist hier der Stand?

„Das Grundsatzprogramm formuliert
eine klare Leitplanke: Prostitution, wie wir sie in Deutschland
ganz überwiegend erleben, ist mit unserer Vorstellung
unveräußerlicher Menschenwürde nicht zu vereinbaren"

Das Grundsatzprogramm formuliert eine klare Leitplanke: Prostitution, wie wir sie in Deutschland ganz überwiegend erleben, ist mit unserer Vorstellung unveräußerlicher Menschenwürde nicht zu vereinbaren. Im Koalitionsalltag konnten wir uns zunächst auf einen minimalen gemeinsamen Nenner verständigen: die bereits 2022 in Auftrag gegebene Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes. Das reicht mir bei Weitem nicht, aber es ist offenbar eine notwendige Zwischenetappe. Diese Evaluation liegt mittlerweile vor, kommt aber zu bizarren Ergebnissen. Wir haben Stellungnahmen aus der Praxis, die die Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes als „sehr verzerrtes Bild der Prostitution“ kritisieren, weil Gewalt, Abhängigkeit und Ungleichheit systematisch unterbelichtet bleiben. Wenn der Bericht behauptet, ein Viertel der Frauen hätten einen Hochschulabschluss oder über 80 Prozent wären krankenversichert, so spricht viel dafür, dass man hier den Manipulationen von Zuhältern und Bordell-Betreibern aufgesessen ist. Man kann der dazu eingesetzten Expertenkommission nur dringend davon abraten, diesen fragwürdigen Text zur Basis von Vorschlägen zu machen.

Die Arbeit der Kommission stellt Sie also nicht zufrieden?

Nein, ganz und gar nicht. Sie ignoriert die Fakten, die seit Jahren auf dem Tisch liegen. Außerdem ist sie sehr einseitig besetzt worden. Zu wenige Mitglieder gehen offen an das Thema heran und zu viele scheinen vor allem bemüht zu sein, ihre alten Positionen „pro Prostitution“ zu verteidigen. Auch Sachverständige von außen, die von der Kommission - recht knapp - befragt wurden, beklagen die Einseitigkeit und Voreingenommenheit ihrer Mitglieder. Eine solche Kommission ist keine Hilfe für den Gesetzgeber.

Der von der Bundesregierung vorgelegte Gesetzentwurf zur Bekämpfung des Menschenhandels und der sexuellen Ausbeutung wurde vom Bundestag bereits in erster Lesung debattiert. Was erwarten Sie von der öffentlichen Anhörung der Sachverständigen?

„Die von vielen gewünschte Trennung zwischen
„sauberer Sexarbeit“ und Zwangsprostitution
ist eine naive Wunschvorstellung"

Dass die Frage des Sexkaufs selbst und die Option eines Nordischen Modells nicht länger ausgeklammert, sondern in den Mittelpunkt der Debatte gestellt werden. Wer über sexuelle Ausbeutung spricht, ohne die Nachfrage nach ihr in den Blick zu nehmen, läuft am eigentlichen Problem vorbei. Der Entwurf ordnet das Menschenhandels- und Sexualstrafrecht zu Recht neu und fasst Zwangsprostitution als Delikt gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Das ist gut, aber wir müssen in dem Zusammenhang zwingend den Sexkauf gesetzlich neu regeln. Die von vielen gewünschte Trennung zwischen „sauberer Sexarbeit“ und Zwangsprostitution ist eine naive Wunschvorstellung.

Gerade wird ein dritter Weg, ein Modell nach belgischem Vorbild, diskutiert: Es erlaubt Prostitution in zertifizierten Betriebsstätten. Außerhalb machen sich Freier und Prostituierte strafbar. Manche sehen darin einen denkbaren Kompromiss. Sie auch?

Das setzt die Freiwilligkeit voraus, die niemand wirklich feststellen kann und die nur die Ausnahme ist. Manche Staaten haben auf dem Weg zum Sexkaufverbot sogar zunächst die Bordelle verboten, weil Frauen hier auch besonderen Gefahren ausgesetzt sind. Mit dem belgischen Modell würde der Staat erklären, dass der Kauf des Körpers eines Menschen eine gewöhnliche Dienstleistung ist, das lehne ich entschieden ab. Wer den Markt legal organisiert, erhöht auch seine wirtschaftliche Attraktivität und schafft zusätzliche Nachfrage. Davon profitieren vor allem Betreiber, Zuhälter und kriminelle Netzwerke. Zugleich entsteht die Illusion, staatliche Zertifikate könnten Ausbeutung und Zwang verhindern. Menschenhandel verschwindet aber nicht, weil ein Bordell ein Prüfsiegel trägt.

Und wie geht es weiter?

Wir haben als CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine eindeutige Beschlusslage für das „Nordische Modell“. Und für die werden wir auch in der Koalition weiter werben. Es ermutigt mich, dass ich auch in der SPD immer mehr Stimmen höre, die sich diesem Modell öffnen. Und selbst bei Grünen und Linken gibt es offenbar mehr Nachdenklichkeit. Einzig in der AfD scheint mir der Enthusiasmus für den legalen Sexkauf ungebrochen.

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