Die Aufmerksamkeit lag ganz auf den Demonstrationen gegen den AfD-Parteitag, dabei war das Geschehen in der Halle in Erfurt viel spannender. Freilich erst auf den zweiten Blick. Da wurde zum Beispiel ein neuer Schatzmeister gewählt oder die Delegierten diskutierten über Satzungsänderungen. Alles langweilig? Keineswegs, die AfD ist gerade dabei, sich von ihren strukturellen Kinderkrankheiten zu befreien. Was das für eine Wirkung haben kann, zeigt ein Vergleich mit den Grünen. Die AfD verbindet nämlich einiges mit der Ökopartei. Grüne und AfD sind die einzigen Beispiele für Gruppierungen, die sich abseits des klassischen bundesrepublikanischen Parteiensembles dauerhaft etablieren konnten. (Eine Sonderrolle spielt die Linkspartei, die als SED-PDS direkt aus der DDR in das vereinigte Deutschland sprang.)
Sowohl die Grünen als auch die AfD inszenierten sich in ihren Gründungsjahren als Anti-Partei-Parteien. Und auch die Kritikpunkte, die sie, bei allen weltanschaulichen Unterschieden, bei den Etablierten jeweils in den Blick genommen haben, ähneln sich. Sie richteten sich vor allem gegen die Art und Weise, wie die „Altparteien“ (die AfD spricht jetzt von „Kartellparteien“) Machtpolitik betrieben haben. Die Klage aber darüber, dass Politik sich zu sehr im kalten Handwerk der Macht erschöpfe und die hehren programmatischen Ziele und Ideale dominierten, ist eine alte Denkfigur des deutschen Bürgertums seit dem 19. Jahrhundert.
Wo Grüne und AfD sich ähneln
Das erklärt auch, warum bei den Grünen wie bei der AfD viele der Gründergestalten genau aus diesem Bürgertum stammten: Unzufriedene, vielfach Experten (bei den Grünen: Umweltschützer, bei der AfD: Finanzfachleute), die an trägen Machtstrukturen, an langwierigen parlamentarischen Verfahren verzweifelt sind und darauf bauten, diese neuen sozialen Bewegungen würden über solche Hürden einfach hinwegpreschen und programmatische Politik in Reinform bieten, ohne Kompromisse. Dazu zählt auch eine Neigung zu direktdemokratischen Modellen, vermuten solche bürgerlichen Romantiker (egal ob mit ökologischem oder völkischem Anstrich) doch gerne, dass „die Vernunft“ irgendwo tief im Bewusstsein der Bevölkerung verankert sei. Man müsse eben sie nur abstimmen lassen statt der gleichgeschalteten Funktionäre.
Die Grünen benötigten fast zwei Jahrzehnte, bis sie in der Ära Fischer immer mehr (freilich noch nicht total) zur normalen Partei wurden. 1998 traten sie schließlich in die Bundesregierung ein. Bei der AfD geht das alles schneller. Hier waren die bürgerlichen Gründeridealisten schon in den ersten Jahren weg. Und ein ordentlicher Treiber sind die hohen Umfragewerte. Während sich den Grünen bis heute die Frage, ob sie einen Regierungschef stellen könnten, außer im Ländle nur theoretisch stellt, könnte sich für die AfD in Magdeburg und Schwerin die Kabinettstür öffnen.
Weidel festigt ihre Position
Deswegen drängt es die AfD, sich zu professionalisieren. Eine Doppelspitze – auch hier wie bei den Grünen – gibt es zwar immer noch, aber Alice Weidel ist die klare Nummer eins. Und zu ihrem Lager zählen auch diejenigen, die jetzt vom Vorstand aus die Partei professionalisieren sollen. Sie alle gehören dem Netzwerk um den 37-Jährigen Sebastian Münzenmaier an. Sie haben meistens eine Karriere in der nicht mehr bestehenden „Jungen Alternative“ hinter sich, können auf eine Art Krawall-Jugend in der Partei zurückblicken. Sie gehören in der Regel zum klar rechts exponierten Flügel. Sie sind aber auch Parteigewächse, sie haben prägende Jahre in den Parteistrukturen verbracht – das erzeugt auch Fähigkeiten (bei den Grünen waren es vielfach die alten Kader aus den K-Gruppen, die die Partei organisierten). Und gerade weil die Münzenmaier-Leute ihr Leben so an die Partei angekoppelt haben, wollen sie jetzt mit ihr an die Fleischtöpfe der Macht. Weidel, obwohl ideologisch liberaler als sie, bietet ihnen dieses Sprungbrett. Das macht sie noch nicht zum Joschka Fischer der AfD, festigt aber ihre Position.
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