Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Die Hagia Sophia als Kirche und Moschee?

Der neue armenische Patriarch verwirrt mit dem Vorschlag einer bireligiösen Nutzung.
Die Hagia Sophia als Kirche und Moschee?
Foto: Marius Becker (dpa)

Die neu aufgeflammte Debatte, ob die Hagia Sophia in Istanbul ein Museum bleiben oder neuerlich (wie von 1453 bis 1934) eine Moschee werden soll, hat der armenisch-apostolische Patriarch von Konstantinopel, Sahak Masalayan, mit einer neuen Idee bereichert: Das Oberhaupt der größten christlichen Konfession in der Türkei plädierte auf Twitter dafür, die Hagia Sophia künftig als Gotteshaus für Christen und Muslime zu nutzen.

Lesen Sie auch:

Betene Muslime und Christen angemessener als Touristen

Der im Vorjahr ins Amt gewählte Patriarch, der die rund 70.000 christlichen Armenier in der Türkei repräsentiert, argumentiert so: Die Anwesenheit betender Muslime und Christen sei dem Bau, der ein Jahrtausend Kirche und fast ein halbes Jahrtausend Moschee war, angemessener als die Besucherströme von schaulustigen, oft ehrfurchtslosen Touristen. Außerdem: „Mögen wir auch verschiedenen Religionen angehören, so dienen wir doch dem Einen Gott.“

Grundlos und falsch ist das alles nicht. Der Patriarch könnte auch darauf verweisen, dass es in der Geschichte bireligiöse Nutzungen von Sakralbauten gab: Die heutige Omajjaden-Moschee in Damaskus, die zuvor als Johannes-Basilika eine christliche Kirche war, wurde sieben Jahrzehnte als Gebetsstätte von Christen und Muslimen geteilt.

Vorschlag gefährlich und unrealistisch

Dennoch ist der Vorschlag des armenischen Patriarchen gefährlich und unrealistisch: Gefährlich, weil das heutige Istanbul – anders als bis 1914 – eine so gigantische muslimische Mehrheit hat, dass die Christen bald faktisch marginalisiert und verdrängt würden. Unrealistisch, weil es keine nennenswerte Kraft gibt, die eine solche bireligiöse Nutzung will: Anders als christliche Organisationen im Westen, die regelmäßig die weltfremde Forderung erheben, die Hagia Sophia wieder zur orthodoxen Kirche zu erklären, sind die christlichen Konfessionen vor Ort bisher realistisch geblieben. Ihnen schien die Nutzung als Museum angesichts der gegebenen Kräfteverhältnisse die beste aller schlechten Optionen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Stephan Baier Christen Christliche Kirchen Hagia Sophia Moscheen Religiöse und spirituelle Oberhäupter

Weitere Artikel

Sie war eine der bedeutendsten Kirchen der Christenheit: Dass Leo XIV. bei seinem Instanbul-Aufenthalt die Sultan-Ahmet-Moschee statt der Hagia Sophia besucht, hat einen guten Grund.
28.11.2025, 19 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Die Bischöfe widersetzten sich den Bestrebungen der AfD, die Kirche zu diskreditieren, so der DBK-Vorsitzende Wilmer. Bald will er in Rom die Satzung der Synodalkonferenz anerkennen lassen.
26.02.2026, 16 Uhr
Regina Einig
Vieles spricht dafür, dass sich auch in Deutschland ein stiller Aufbruch ankündigt. Für christliche Gemeinschaften kommt es darauf an, die Steilvorlage zu verwandeln.
26.02.2026, 15 Uhr
Franziska Harter
Zum ersten Mal in der Geschichte sind die Gebeine des Heiligen von Assisi in seiner Heimatstadt ausgestellt. Seit Samstag kann man sie einen Monat lang verehren.
26.02.2026, 17 Uhr
Guido Horst
Woelki, Voderholzer, Oster: Nach der Wahl des Hildesheimer Bischofs zum neuen DBK-Vorsitzenden ist die Stimmung auch unter der konservativen Bischofsminderheit positiv.
26.02.2026, 14 Uhr
Meldung
Am 28. Februar ist in Herne ein Harry-Potter-Gottesdienst geplant. Warum die Kirche Fernstehenden damit keinen christlichen Dienst erweist.
26.02.2026, 09 Uhr
Guido Rodheudt