Ukraine-Krieg

Joe Biden in Polen

Putins Krieg: Der US-Präsident besucht die NATO-Ostflanke - Ein persönlicher Bericht vom "Tagespost"-Feuilletonredakteur, der seit vielen Jahren in Warschau lebt
Ukraine-Krieg - US-Präsident Biden besucht Polen
Foto: Evan Vucci (AP) | Joe Biden (M), Präsident der USA, isst ein Stück Pizza, während er in der G2A Arena Angehörige der 82. Luftlandedivision der US-Armee trifft.

Unter polnischen Freunden zirkuliert eine Karte Polens, in der von Militärexperten (oder solchen, die sich dafürhalten) bestimmte Zonen des Landes markiert sind hinsichtlich ihrer Bedeutung für ein mögliches Kriegsgeschehen. Meine Warschauer Wohnung liegt demnach in der „Todeszone“, meine Datsche im Wald befindet sich in der „Zone der Angst“. Immerhin, die südöstliche Region, in der ich im vergangenen Dezember aus Interesse an Galizien umherreiste, liegt in einer „Zone peripherer Aktivitäten“.  

Ein starkes Bild: Polnischer und US-amerikanischer Verteidigungsminister umarmen sich

Ausländer dürfen dort in Grenznähe zur Ukraine kein Eigentum erwerben. Ein altes Gesetz aus der Zeit von General Pilsudski verbietet es. Aus Angst vor Agenten. Dass Polens "heimlicher Herrscher" Jaroslaw Kaczynski es in nächster Zeit aufheben wird, ist eher unwahrscheinlich. Die Stadt, die mir bei meinen Fahrten nach Galizien am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist, ist neben Przemysl, das ich aufgrund seiner traurig verwunschenen Schönheit liebe, die Stadt Rzeszow, die mir beim Durchfahren stets als die vielleicht hässlichste Stadt Polens erschien. Grau, schmutzig, seelenlos zusammengestückelt mit unförmigen Neubauten (die Altstadt habe ich nicht gesehen). 

Ausgerechnet in Rzeszow ist US-Präsident Joe Biden am Freitag gelandet, um den dort stationierten amerikanischen Gis einen Besuch abzustatten. Eigentlich sollte ihn Andrzej Duda empfangen, doch der Flieger des polnischen Präsidenten hatte eine Panne. Er musste eine neue Maschine nehmen. Als Empfangs-Ersatzmann sprang der polnische Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak ein. Ich bin sicher, er hat es gern gemacht. Seinen amerikanischen Amtskollegen Lloyd James Austin III. begrüßte er gleich mit. Beide umarmten sich. Ein starkes Bild. So wie natürlich auch das Pizza-Essen von Präsident Biden mit der Truppe. Ich kann nicht verhehlen, dass diese Fotos eine beruhigende Wirkung auf mich haben. Biden strahlt Ruhe und Besonnenheit aus, Stärke und Gelassenheit. Genau das, was der Westen, den es plötzlich wieder gibt, braucht. 

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Biden signalisiert: Wir sind ein Team

Auch bei der Pressekonferenz mit Duda wirkte Biden souverän. Kein alter, dementer Mann, wie er zu Beginn seiner Amtszeit von politischen Gegnern verächtlich dargestellt wurde, sondern ein Mann mit Erfahrung, der sich der Bedeutung seiner Worte und Gesten voll bewusst ist. Als er dem polnischen Präsidenten, mit dem er am Tisch saß, kameradschaftlich den Arm hinstreckte, war die Botschaft klar: Wir lassen Euch nicht allein. Wir sind ein Team. Eine empathische Geste, die im Sommer des vergangenen Jahres, als die PiS-Regierung einen amerikanischen Fernsehsender verbieten wollte, noch undenkbar gewesen wäre. Duda war es, der 2021 mit einem Veto den polnisch-amerikanischen Medienkrieg beendete. Das scheint sich jetzt auszuzahlen.

Abends im Fernsehen, sieht man wie Biden in einer Autokolonne von Flughafen in die Warschauer Innenstadt fährt. Er ist im Marriott untergebracht. Der Aufwand ist gigantisch. Die Sicherheitsvorkehrungen müssen alles übersteigen, was man sich vorstellen kann, denn für Putins Killer wäre ein erfolgreiches Attentat die perfekte Ablenkung vom eigenen Versagen, eine maximale Einschüchterung des Westens. Viel Zeit, sich auszuruhen hat der 79-Jährige Biden aber nicht: Am Samstag wird ihm Premier Mateusz Morawiecki das Nationalstadion zeigen, in dem die Registrierung der ukrainischen Flüchtlinge organisiert wird. Später dann – in der Altstadt – wird Biden eine Rede halten. Da die Stadt weitgehend abgesperrt ist, empfiehlt sich ein Spaziergang dorthin. Innerhalb der „Todeszone“, wenn man so will.    

 

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