Vatikanstadt

Der Mission der Kirche verpflichtet

„Praedicate Evangelium“ – „Verkündet die Frohe Botschaft“: Nach neun Jahren liegt die Apostolische Konstitution zur Reform der Kurie vor.
Weihnachtsansprache von Papst Franziskus
Foto: Vatican Media (Romano Siciliani) | Mehr Dynamik durch Ausrichtung auf Evangelisierung: Das lang erwartete Dokument zur Reform der Römischen Kurie ist am 19.

Es war einer der großen Aufträge für Papst Franziskus. Die Kardinäle hatten ihn in den vorbereitenden Sitzungen des Konklaves von 2013 dem zukünftigen Papst mit auf den Weg gegeben: die Reform der Römischen Kurie. Nun ist das lang erwartete Dokument am 19. März, dem Fest des heiligen Josef und zugleich dem neunten Jahrestag der Amtseinführung von Papst Franziskus, erschienen. Die Konstitution baut auf der einen Seite auf den vorherigen Dokumenten der Päpste über die Römische Kurie auf; auf der anderen Seite fasst es die Schritte zusammen, die Papst Franziskus schon in den vergangenen Jahren zur Kurienreform vorgenommen hat. Viel Überraschendes oder gar – wie manche schrieben – Revolutionäres enthält die neue Apostolische Konstitution nicht. Sie stellt aber die Arbeit der Römischen Kurie in zwei Richtungen in eine neue Perspektive.

Dem missionarischen Charakter der Kirche verpflichtet

Da ist zunächst die schon im Titel „Praedicate Evangelium – verkündet die Frohe Botschaft“ deutlich werdende Botschaft: Die Reform der Kurie steht im Zusammenhang mit der missionarischen Bekehrung der Kirche, zu der Papst Franziskus in seinem programmatischen Schreiben „Evangelii gaudium“ zu Beginn seines Pontifikates aufgerufen hat. An verschiedenen Stellen der Konstitution wird deutlich, dass die Kurienreform dem missionarischen Charakter der Kirche verpflichtet ist. Die Arbeit der Kurie soll im engen Zusammenhang mit der Evangelisierung gesehen werden, an der alle Gläubigen je nach ihrem Stand und ihren Gaben mitarbeiten.

Die zweite Akzentsetzung besteht darin, dass Papst Franziskus mehr als seine Vorgänger betont, dass die Römische Kurie nicht nur dem Papst, sondern allen Bischöfen und allen Gläubigen zugeordnet ist. Sie steht nicht zwischen dem Papst und den Bischöfen, sondern im Dienst beider und hat daher mit den Bischöfen und den Bischofskonferenzen zusammenzuarbeiten. Dadurch, dass „Praedicate Evangelium“ den Bischofskonferenzen besondere Aufmerksamkeit zuspricht (an mehr als 60 Stellen werden sie erwähnt und die Kurie wird zur Zusammenarbeit mit ihnen aufgerufen), soll auch ihr Potenzial gestärkt werden, ohne dass sie zwischen Papst und Bischöfe treten.

Öffnung der leitenden Kurienämter für Laien

Neben diesen beiden Grundausrichtungen der Kurienreform erwähnt das Vorwort noch einige Grundsätze und Kriterien für den Dienst in der Kurie. Hier spiegeln sich weitgehend Gedanken wider, die der Papst schon in seinen Weihnachtsansprachen an die Kurie vorgetragen hat. Dabei geht es um die Mitverantwortung der Kurie in der Gemeinschaft der Kirche, das heißt: um eine gesunde Dezentralisierung der Zuständigkeiten zur Erleichterung der Sendung der Bischöfe sowie eine Unterstützung der Teilkirchen und ihrer Bischofskonferenzen. Die Erfahrung, die an der Kurie im Kontext der Weltkirchegesammelt wird, soll auch den Bischöfen und der Bischofskonferenz durch Austausch zugute kommen. Ein Angebot, das auch bisher schon besteht, aber nicht immer angenommen wird.

Die Mitarbeiter der Kurie sollen sich nicht nur durch Integrität und Professionalität auszeichnen, sondern auch aus einer persönlichen Spiritualität leben. Zudem sind die Ämter und Aufgaben der Kurie international zu besetzen, um der Katholizität der Kirche Ausdruck zu verleihen – ein Desiderat, das schon die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzilsvorgebracht hatten. Da alle Institutionen der Kurie ihren Dienst kraft der Vollmacht ausüben, die sie vom Papst erhalten haben, können die Dikasterien und Organe der Kurie grundsätzlich von allen Gläubigen geleitet werden, wenn sie über entsprechende Kompetenzen verfügen. Diese Öffnung der leitenden Kurienämter für Laien (soweit sie im Hinblick auf die Zuständigkeit des Dikasteriums angemessen ist), ist bereits eine Tatsache: Das Dikasterium für die Kommunikation wird von einem Laien geleitet. Es gibt ferner in verschiedenen Dikasterien Frauen in der Rolle des Untersekretärs, eine Praxis, die bereits von Johannes Paul II. mit der Ernennung einer Ordensschwester zur Untersekretärin der Ordenskongregation begonnen wurde.

Verschlankung der Kurienbehörden

Schließlich betont das Vorwort – wie es Papst Franziskus schon in verschiedenen Ansprachen seines Pontifikates getan hat – die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen den Dikasterien, die durch häufigere gemeinsame Sitzungen der Leiter zum Ausdruck kommen soll. Zugleich soll auch innerhalb der Dikasterien besser zusammengearbeitet werden, indem wichtige Entscheidungen im so genannten Kongress, der Versammlung der Kurienbehörden, getroffen werden sollen. Auch diese Akzentsetzung ist nicht neu, sondern fand sich schon in Vorgängerdokumenten – allein, die Umsetzung könnte besser gelingen.

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Ein wichtiges Prinzip der nun veröffentlichten Reform der Kurie war die Verringerung der Kurienbehörden. Dies geschah durch die Zusammenlegung von Einrichtungen, deren Aufgaben ähnlich waren oder sich ergänzten, um Kompetenzüberschneidungen zu verhindern und die Arbeit effizienter zu gestalten. Hierzu wurden von Papst Franziskus schon 2015 und 2016 erste Schritte unternommen, die nun ergänzt und vervollständigt worden sind. Bisher gab es neben dem Staatssekretariat in der Römischen Kurie neun Kongregationen, zwölf so genannte Päpstliche Räte und drei Gerichtshöfe. Hinzu kamen weitere Ämter und Institutionen, insgesamt gab es 24 zentrale Kurienbehörden. Nach der Reform gibt es nunmehr 16 so genannte Dikasterien und drei Gerichtshöfe (also fünf Einrichtungen weniger), sowie einige Organismen im wirtschaftlichen Bereich (etwa der Wirtschaftsrat und das Wirtschaftssekretariat), und weitere Ämter (wie die Präfektur des Päpstlichen Hauses und das Amt für die liturgischen Zelebrationen des Papstes), wie dies auch bisher der Fall war.

Dikasterium statt Kongregation

Die bisherigen Kongregationen bleiben auch unter dem neuen Namen „Dikasterium“ weiter bestehen, ebenso die Gerichte, die jetzt unter dem Titel Organe der Rechtspflege zusammengefasst sind. Die Päpstlichen Räte wurden entweder zusammengeschlossen oder mit den bisherigen Kongregationen verbunden; nur drei von ihnen behielten ihre Selbstständigkeit und heißen jetzt ebenfalls Dikasterium.
Diese Namensänderung hat im Vorfeld der Reform für viel Diskussion gesorgt, denn der Begriff „Kongregation“ hat eine lange Geschichte, während „Dikasterium“ als Oberbegriff für alle Einrichtungen der Kurie verwendet wurde. Die Bezeichnung „Kongregation“ stammt aus der Zeit des 16. Jahrhunderts, als die Römische Kurie neu organisiert wurde, indem die Päpste Versammlungen (Kongregationen) von Kardinälen bildeten, die für bestimmte Aufgaben zuständig waren. Ihnen arbeiteten weitere Beamte unter der Leitung eines Sekretärs zu. Diese Struktur wurde grundsätzlich beibehalten (Mitglieder der Dikasterien sind weiterhin Kardinäle und Bischöfe, in einigen Fällen auch Priester und Laien), während die alltägliche Arbeit von den Beamten der Behörden unter der Leitung des Präfekten erledigt wird. Vermutlich wird die Namensänderung keine große Neuerung bringen. Im Hinblick auf die nun bestehenden Dikasterien sind vor allem zwei Dinge hervorzuheben: Die Reihe der Dikasterien wird mit dem Dikasterium für Evangelisierung – bestehend aus der bisherigen Kongregation für die Glaubensverbreitung und dem bisherigen Rat zur Förderung der Neu-Evangelisierung – eröffnet, eine Entscheidung, die im Einklang mit der missionarischen Ausrichtung der Kurie steht. Zudem hat sich der Papst vorbehalten, den Vorsitz dieses Dikasteriums selbst zu übernehmen und sich dabei von zwei Pro-Präfekten unterstützen zu lassen. Damit kehrt er zu einer Praxis zurück, die bis 1966 bestand, als der Papst zugleich Präfekt der Glaubenskongregation (des Heiligen Officiums), der Kongregation für die orientalischen Kirchen und der Kongregation für die Bischöfe war.

Zudem wurde die sogenannte Elimosinerie, zuständig für die persönliche Wohltätigkeit des Papstes, als Dikasterium für den Dienst der Nächstenliebe (der Caritas) errichtet und ist auch für die internationale Hilfe zuständig. Die Reform von Papst Franziskus hat die Römische Kurie neu geordnet und ihr durch die Ausrichtung auf die Evangelisierung ein dynamisches Prinzip ins Stammbuch geschrieben. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie fruchtbar diese Reform sein wird.

Der Autor ist Untersekretär des Päpstlichen Rats für die Gesetzestexte.

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