Paris

Jacques Chirac, ein machtbewusster Konservativer

Die deutsch-französische Freundschaft und Europas kritische Distanz zu Washington waren Eckpfeiler seiner Außenpolitik. Am Donnerstag verstarb er im Alter von 86 Jahren.
Jacques Chirac ist gestorben
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | Jacques Chirac hat Frankreich und Europa geprägt. Wie sein Vorbild Charles de Gaulle war Chirac ein machtbewusster Konservativer und ein enger Freund Deutschlands.

Jacques Chirac, der am Donnerstag im Alter von 86 Jahren starb, hat Frankreich und Europa geprägt. Wie sein Vorbild Charles de Gaulle war Chirac ein machtbewusster Konservativer und ein enger Freund Deutschlands. Seine herzliche, bewusst gepflegte Freundschaft zu Helmut Kohl stand in der Tradition von De Gaulle und Adenauer. Wie diese beiden Vorarbeiter der deutsch-französischen Aussöhnung und der europäischen Einigung, setzte auch Chirac auf die „Achse“: Ein starkes Frankreich in einem selbstbewussten, von den USA emanzipierten Europa war De Gaulles Erbe und Chiracs Vision. Dass das nur im Gleichklang mit Deutschland funktionieren könne, war seine tiefe Überzeugung.

Machtbewusst herrschte er als Bürgermeister von Paris

Bevor Jacques Chirac als Präsident Frankreich und die Europäische Union prägte, war der Absolvent der ENA (École nationale d’administration) bereits einen langen politischen Weg an der Seite prominenter Staatsmänner gegangen: Staatspräsident Georges Pompidou diente er als enger Mitarbeiter, Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing als Premierminister. Machtbewusst herrschte er von 1977 bis 1995 als Bürgermeister von Paris. Die späteren Korruptionsvorwürfe, die seine Präsidentschaft belasteten, beziehen sich auf diese Zeit. Unter dem sozialistischen Präsidenten Francois Mitterrand war Chirac sogar einige Zeit gleichzeitig Premierminister Frankreichs und Bürgermeister von Paris.

Nach zwei gegen Mitterrand verlorenen Kandidaturen um die Präsidentschaft (1981 und 1988) erklomm Chirac im dritten Anlauf 1995 die Staatsspitze. Dort hielt er sich zwölf Jahre lang. In Erinnerung bleiben wird sein Widerstand gegen den Irak-Krieg von 2003, der ihm eine Entfremdung vom britischen Premierminister Tony Blair und – verbal recht heftig ausgetragen – von US-Präsident George W. Bush einbrachte. Chiracs Frankreich legte im UN-Sicherheitsrat ein Veto gegen die Kriegspläne Washingtons ein.

Unvergessen ist Chiracs Männerfreundschaft mit Helmut Kohl

Unvergessen ist Chiracs Männerfreundschaft mit Helmut Kohl, die bei ihren Treffen in der elsässischen Europa-Hauptstadt Straßburg auch kulinarisch zelebriert wurde. Im Gegensatz zum Weintrinker Kohl war Chirac übrigens Bier-Liebhaber. Der selbstbewusste Präsident Frankreichs wollte nicht nur Straßburg als Sitz des Europäischen Parlaments sichern, sondern gemeinsam mit Kohl die Europäische Union steuern.

Dass die Verankerung eines Gottes-Bezuges in der EU-Grundrechtecharta und später in der geplanten Europäischen Verfassung am Veto Frankreichs (und Belgiens) scheiterte, entspricht der laizistischen Staatsraison Frankreichs und hat mit den persönlichen Haltungen der jeweiligen politischen Akteure wenig zu tun. Dass aber die Europäische Verfassung insgesamt scheiterte, hat durchaus mit Jacques Chirac zu tun: Aus rein innenpolitischen Gründen ordnete er ein laut Verfassung unnötiges Referendum über den fertig verhandelten Verfassungsvertrag an, weil er von einem klaren Ja der Franzosen überzeugt war.

Für ein starkes, subsidiär geordnetes Europa

Doch das Volk erteilte seinem Präsidenten eine bittere Lektion und stimmte im Mai 2005 mehrheitlich mit Nein. Dabei war der Schüler De Gaulles durchaus für ein starkes, subsidiär geordnetes Europa, wie er auch für die umkämpfte Osterweiterung der EU eintrat. Chirac warb (etwa 1999 vor dem Europäischen Parlament in Straßburg) für ein „Europa der Bürger“ und „eine neue europäische Renaissance“.

DT/sba

Die Hintergründe zu diesem Thema finden Sie in der Wochenausgabe der Tagespost.

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