Im alltäglichen Gewusel lohnt es sich, immer wieder auch einen Schritt zurückzutreten. In Zeiten, in denen viele ihren Selbstwert daran zu bemessen scheinen, wie unverzüglich andere ihre Posts teilen und kommentieren, mag das kein leichtes Unterfangen sein. Doch Abstand weitet den Blick und ermöglicht die Sicht auf Panoramen, die einem anders gar nicht vor Augen kommen können.
Und so liegt sicher nicht falsch, wer in der Flut der Nachrichten über das gegenwärtige Gezänk der Parteien und der öffentlichen Verhandlung der großen und kleinen Unzulänglichkeiten politischer Akteure eine veritable Krise des Staates zu erkennen glaubt. Weitet man den Blick noch ein wenig mehr, fällt auf: Oft wird dabei so getan, als ginge uns diese nichts an. Als seien die „da oben“ und wir „da unten“ grundverschieden. Als wären wir Zuschauer, die vom Parkett oder auch aus der Loge heraus Staatsschauspielern bei der Aufführung eines Stücks zuschauen, das uns, sobald wir uns wieder unseren eigenen Geschäften widmen, letztlich gar nicht betrifft. Als könnten wir es mit Applaus oder Missfallen bedenken und anschließend unserer Wege ziehen.
Der Staat ist auch ein Dokument der Menschennatur
Nichts könnte falscher sein. Nicht nur, weil Diäten keine Gagen und Politiker keine Staatsschauspieler sind (das gilt selbst dort, wo sie sich als solche gerieren), sondern weil der Staat als geschichtliche Wirklichkeit zugleich ein Dokument unserer Natur ist. Seit jeher pflegen Menschen mittels staatlicher Macht ihr gemeinschaftliches Dasein zu ordnen, nehmen sie ihr Schicksal in dem Bewusstsein in die Hand, als auf Gemeinschaft bezogene und auf Gemeinschaft angewiesene Wesen sich selbst überantwortet zu sein.
Der Staat ist daher auch keine Sphäre der Regierenden, die sich säuberlich von der der Regierten trennen ließe. Der Staat ist ein menschliches Werk, das von Menschen gegründet, geordnet und geleitet wird und das zugleich das menschliche Leben eines jeden und einer jeden formt und prägt. Eines, in dem Menschen leben, und das sie als ihr Schicksal erleiden. Es hat sich eingebürgert, zu meinen, Aufgabe der auf Zeit gewählten Volksvertreter sei es, Konflikte, die sich dabei ergeben, durch den Ausgleich von Interessen zu befrieden. Nach dem Motto: „Gebt den Affen nur reichlich Zucker!“
Weniger Sun Tzu und Machiavelli, mehr Platon und Aristoteles
Ein primitiveres Verständnis des Staates aber lässt sich kaum denken. Wer den Bürger ausschließlich als bloßen Konsumenten staatlicher Leistungen denkt, hat weder das Wesen des Staates noch des Staatsbürgers verstanden. Das meint nicht, dass es über beides keine unterschiedlichen Ansichten geben dürfe. Es meint nur, dass über beides tragfähige Verständigungen zu erzielen, eine conditio sine qua non darstellt.
Denn der Staat und der Einzelne leben in einer Symbiose, der sich keiner von beiden dauerhaft entziehen kann. Beide sind, um gedeihen zu können, aufeinander verwiesen. Die Frage nach der Natur des Staates stellt daher immer auch zugleich die Frage nach der Natur des Menschen. Die Politik hat lange geglaubt, dieser ausweichen und sie unbeantwortet lassen zu können. Die gegenwärtigen Verwerfungen lassen sich deshalb auch als ein Beleg dafür lesen, wie naiv eine solche Annahme war.
Statt bloß Sun Tzu („Die Kunst des Krieges“) und Niccolò Machiavelli („Der Fürst“) zu lesen, täte die Politik gut daran, sich wieder auch mit Platons „Politeia“ und Aristoteles‘ „Politiká“ zu beschäftigen. Dann würde sie vermutlich bald feststellen, dass die treffende Überschrift über dem „big picture“ keineswegs „It’s the economy, stupid!“ lautet, sondern vielmehr: „It’s the anthropology, stupid!“
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